Claude Stucki. Fotos: Hariet Jonas
Tagebuch aus London von Claude Stucki
Es ist bald Halbzeit meiner Residenz in der Fire Station in East London. Ich sitze im etwa 50 Quadratmeter grossen Atelier, vor mir das Pedalboard, zwei E-Gitarren, ein Laptop, Kabel überall – und durch die grosse Fensterfront sehe ich die Skyline: den Shard, Canary Wharf, das pulsierende London.
Schon Wochen vor der Abreise beschäftigte mich eine Frage: Was nehme ich mit? Zuhause bin ich umgeben von Gitarren, Effektgeräten und anderen Spielsachen – und genau diese Fülle lähmt mich manchmal. Man dreht an einem Regler, greift zum nächsten Gerät, verliert sich in Möglichkeiten. Für London musste ich radikal reduzieren. Und genau diese Beschränkung entpuppt sich als Befreiung. Mit weniger Optionen bleibe ich länger bei einer Idee, höre genauer hin, gehe tiefer. Dieses Tiefer-Gehen ist vielleicht das zentrale Thema meines Aufenthalts. Als Musiker im Zeitalter von Instagram und TikTok ist man ständig versucht, in kurzen Clips zu denken – 30 Sekunden, ein Hook, nächstes Video. Über die letzten Jahre habe ich mir auf diesen Plattformen eine Community aufgebaut, die mir viel ermöglicht – es entstehen Sessions, Kollaborationen, Kontakte zu Firmen und Musiker*innen weltweit. Auch hier in London haben sich durch Social Media bereits Türen geöffnet. Ganz abschalten wollte ich deshalb nicht. Die Plattformen sind zu wertvoll als Netzwerk und als Brücke zu einem Publikum für das, was musikalisch noch kommt.
Gleichzeitig ist diese ständige Präsenz Fluch und Segen. Sie frisst kreative Energie und trainiert das Denken in der Kurzform. Um mir hier Freiraum zu schaffen, habe ich in den ersten zwei Wochen eine Videoserie vorproduziert, die ich nun fast täglich poste. Der Kopf wird frei – und ich versuche, den umgekehrten Weg zu gehen: Einer Idee mehr Raum zu geben und mit Geduld etwas entstehen zu lassen, statt im kurzweiligen Social-Media-Denken gefangen zu sein. Und London liefert die richtige Inspiration. Im Café Oto in Dalston, einem Mekka für experimentelle Musik, entdecke ich mikrotonale Klänge und MIDI-Gitarren. Im ausverkauften O2 Brixton stehe ich in der vordersten Reihe bei Dijon. Jederzeit findet man im Pub oder irgendwo in einem dunklen Keller Live-Musik. Morgens jogge ich dem Kanal entlang Richtung Victoria Park, danach Porridge oder Toast mit Marmite und Tea Time am Nachmittag mit Crumpets – meinen englischen Wurzeln gerecht werden. Dann setze ich mich an die Gitarre und versuche, aus kurzen Ideen längere Stücke zu formen. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Aber der Raum dafür ist da – und das ist das Geschenk dieser Residenz.
ZUR PERSON
Claude Stucki ist Gitarrist und Klangtüftler aus Baden. Er studierte Jazz-Gitarre an der Zürcher Hochschule der Künste und tritt als Musiker unter anderem an der Seite von Marc Sway, James Gruntz, Manillio und Brandy Butler auf. Mit seinem Trio loophole verbindet er Beat, Jazz und Improvisation. Aktuell residiert Claude Stucki im Atelier des Kuratoriums in London.