Das offene Objekt

Zurück in die Zukunft des Gestern

Von
Rudolf Velhagen

Über Nostalgie, Design und trügerische Erinnerungen.

Diese Hängelampe der BAG Bronzewarenfabrik AG Turgi aus den 1950er-Jahren ist ein Kind der Nachkriegsmoderne: klar in der Form, funktional im Aufbau, selbstbewusst in der Farbe. Ihr roter Metallschirm und der diffuse Lichtkranz aus Plexiglas versprechen Ordnung, Zuversicht und Fortschritt. Licht sollte Orientierung geben – in Wohnräumen ebenso wie in einer Gesellschaft, die nach Halt suchte. Heute greifen wir in Zeiten der Verunsicherung gern auf solche Objekte zurück. Besonders die 1950erund 1960er-Jahre erscheinen als Ära der Stabilität und des Aufbruchs und werden auf Social Media gefeiert. Doch diese idealisierende Rückschau blendet aus, was damals ebenfalls Realität war: die Angst vor dem Atomkrieg, rigide Rollenbilder, begrenzte Lebensentwürfe und ein Fortschrittsoptimismus, der nicht allen zugutekam. Das klare Licht der Moderne schuf Helligkeit – aber auch Schattenzonen.

Die Lampe lehrt uns, dass Nostalgie oft weniger über die Vergangenheit aussagt als über unsere Gegenwart. Vielleicht suchen wir nicht die «alten Zeiten» zurück, sondern die Hoffnung, dass Zukunft wieder gestaltbar und damit überschaubar erscheint. Die Frage ist nur: Wollen wir sie wirklich mit dem Licht von gestern beleuchten?

Rudolf Velhagen, Leiter Sammlung und Konservierung bei Museum Aargau, erkundet an dieser Stelle die verborgenen Botschaften der Dinge. Rund 50'000 Objekte aus der kantonalen Sammlung warten auf ihre Befragung.

Hängeleuchte BAG Turgi, 1950er-Jahre, Metall, Plexiglas, Sammlung Museum Aargau, Inv.-Nr. K-19336.