Field Recording im Tempelhofer Feld, Berlin, Foto: Max Treier, 2026
Tagebuch von Max Treier
Ich bin im Nightjet, einem Nachtzug von Basel nach Berlin. Nach der Anspannung beim Onboarding, habe ich meine Kabine bezogen. Ein Raum, gerade ausreichend für meine Gepäckstücke: Radanhänger, Koffer und Trekkingrucksack. Etwas Freiraum bleibt, um mir die Schuhe auszuziehen und mich hinzulegen – mit Blick aus dem Fenster.
Mit dem Eindunkeln stellt sich das Gefühl ein, in einer Zeitkapsel zu sein, durch Raum und Zeit zu reisen, während das flackernde Licht im Aussenraum meine Gedanken spiegelt.
Warum reise ich nach Berlin?
Ein Fokus ist es, die Spuren der industriellen Revolution und die aktuellen Einflüsse des digitalen Wandels auf die Stadt und ihre Menschen zu erforschen.
Nun gut, genau so könnte mein Videoessay starten, an dem ich gerade arbeite.
Ein Monat in Berlin, die ersten Zweifel an meinem Arbeitsvorhaben haben sich gelegt. Neue Stränge sind gefunden, an die ich anknüpfen kann, um die Zeitkapsel weiterfliegen zu lassen.
Zwanzig Jahre ist es her, seit meinem letzten Besuch in dieser Grossstadt. Wo ist der Punk geblieben und wo das Unorthodoxe?
Das war einmal, mit den einstigen Kulturhochburgen der Kieze «Mitte» und «Prenzlauer Berg». Vieles ist verschwunden oder hat sich verlagert. Man findet sie noch, zerstückelt: Wohnstuben-Cafés und Bars, skurrile Kunsträume und Theater. Trotzdem ist das Kulturangebot grenzenlos geblieben.
In Friedrichshain, zwischen Mitte und Kreuzberg liegend, ist mein Atelier. Es dient als idealer Ausgangspunkt für meine Explorationen des Stadtraums, Besuche von Kulturinstitutionen und Treffen von Kunstschaffenden.
Die Menschen in Berlin empfinde ich als sehr freundlich. Zum Ausgleich fahre ich regelmässig mit dem Fahrrad durch Kreuzberg nach Neukölln zum Rudertraining. Im Ruderclub wurde ich herzlich aufgenommen. Auch nach einem kürzlichen Fahrradsturz bot mir ein Passant sofort seine Hilfe an.
Und was ist mit den Freiräumen Berlins?
Ein schönes Beispiel ist das Tempelhofer Feld. Die Stadtmenschen haben sich diesen Ort angeeignet und nutzen das ehemalige Flugfeld wie einen öffentlichen Park. Radfahrer*innen ziehen ihre Runden, es wird gepicknickt, gegrillt, flaniert und sinniert. Egal in welcher Zeitkapsel man sich gerade befindet – Berlin weiss, wie man mit Veränderungen umgeht und sich neue Freiräume schafft.
Max Treier am Frankfurter Tor
Zur Person
Max Treier (*1974, Baden) beschäftigt sich in seiner künstlerischen Praxis mit der Beziehung zwischen Mensch und Technologie, wobei die Kategorie Raum ein besonderer Fokus erhält. Er wird während drei Monaten im Atelier des Aargauer Kuratoriums in Berlin arbeiten.