Zeit für das künstlerische Werk

Texte
Kuratorium

Daniela Weinmann. Foto: Tatjana Rüegsegger

Das Aargauer Kuratorium unterstützt mit Werk- und Förderbeiträgen sowie Atelieraufenthalten jedes Jahr herausragende Aargauer Kunstschaffende und ermöglicht ihnen damit, sich vertieft mit ihrer künstlerischen Arbeit auseinanderzusetzen oder Ideen weiterzuentwickeln. Das AAKU stellt in Zusammenarbeit mit dem Aargauer Kuratorium vier der im letzten Jahr Geförderten vor.

Gesellschaftsrelevante und immersive Musik

Ihre Musik ist irgendwo zwischen elektronischer Musik, Dream Pop und Singer-Songwriter anzusiedeln. Doch Daniela Weinmann (*1984, Baden) ist es wohl weniger wichtig, ob man sie musikalisch richtig verortet. Mehr geht es ihr darum, dass sie gehört wird. Weinmann hat etwas zu sagen, immer, jederzeit. Genauso versteht sie ihre «gesellschaftsrelevante, eigenständige und immersive Musik», wie sie sie selbst beschreibt. Dabei geht sie ohne Umwege auf die aktuellen und wichtigen Themen zu und benennt sie. Sei es die Klimakrise, das Prekarität oder das Ausmass der Datenindustrie – stets gelingt es der Sängerin, textlich gekonnte und sprachlich unerwartete Zugänge zu schaffen. Ihre Aussagen bleiben dabei immer klar. Mit ihrem Gesuch vermittelt Weinmann der Jury auf beeindruckende Weise eine Atemlosigkeit und Dringlichkeit, mit der sie ihre Musik verfolgt und weiterverfolgen will. Mit einem Werkbeitrag (CHF 30 000) anerkennt das Aargauer Kuratorium eine der umtriebigsten Musikerinnen des Kantons.

Oliver Miescher, Juryvorsitz JazzPop+

Jens Nielsen. Foto: Christian Lanz

Ein Sprach-Seiltanz gegen das Vergessen

Jens Nielsens (*1966, Zürich) Buch- und Bühnenvorlage «Seeigelsolo» erzählt auf eine Weise von Demenz und drohendem Ich-Verlust, wie man es noch nicht gelesen hat. Der Autor wagt viel – und gewinnt. Nielsens sprachartistischer Text vollzieht einen performativen Seiltanz und zieht damit die radikale Konsequenz aus seinem Thema: Wenn einer die eigene Geschichte und sein Verhältnis zur Welt nicht mehr in gewohnter Weise erzählen kann, dann lässt sich das nur einfangen, wenn jenseits der Linearität des logischen (Erzähl-)Raums erzählt wird. Zersplittert, fragmentarisch. Mit permanenter Unsicherheit, welche Stimme da eigentlich gerade hörbar wird. Aber diese «Gesprochene Prosa», so schonungslos ehrlich sie ist, wirkt nicht düster. Sie ist traurig und schön, liebe- und humorvoll, existenziell und lebensbejahend. Dieser Text atmet, und er kitzelt in den Ohren. Und er setzt keinen Punkt – jeder Satz bleibt ein Anfang und ein offenes Ende. Mit Freude unterstützt das Aargauer Kuratorium dieses faszinierende Romanprojekt mit einem Werkbeitrag in der Höhe von CHF 30 000.

Alisha Stöcklin und Daniel Graf, externe Jurymitglieder Literatur

Andrea Winkler und Stefan Panhans. Foto: Alberto Novelli

Friedliche Koexistenz unter Puppen ohne Drama

Andrea Winkler und Stefan Panhans (*1975 / *1967, Berlin) wählen als Hauptfiguren für ihren Film «Pupidrama» (2025) die Puppen der Compagnia Brigliadoro in Palermo, wo die Volkstradition des Teatro dei Pupi mit epischen Ritter- und Schlachtgeschichten fortgeführt wird. Im vom Künstlerduo geschaffenen Drama werden die stereotypen oder anachronistischen Rollen der Puppen in Frage gestellt. Während blutrünstige Videospiel-Fiktion und unaussprechliche reale Gewalt heute an der Tagesordnung sind, schreiben diese Figuren ihre Drehbücher neu und versuchen, friedliche Wege der Koexistenz zu finden. «Pupidrama» ist ein dichter und berauschender Film, der Hoch- und Populärkultur verbindet und sich als Crossover inszeniert. Kreuzritter treffen auf Kreuzfahrtschiffe – ein Spiel mit einem ambivalenten Symbol? Die Jury prämiert mit einem Werkbeitrag von CHF 30 000 die fantasievolle Ausdrucksform dieses künstlerischen Schaffens.

Aoife Rosenmeyer, externes Jurymitglied Bildende Kunst & Performance

Viviane Hasler. Foto: Dominique Huwyler

Eine Stimme zwischen Klassik und Moderne

Viviane Hasler (*1984, Nussbaumen) ist eine gefragte Sängerin für zahlreiche Projekte und Ensembles. Ihr besonderes Interesse gilt der szenischen Arbeit und der zeitgenössischen klassischen Musik. Die Sopranistin verbindet dabei gerne das unmittelbar Emotionale mit skurrilen und humorvollen Elementen. Mit ihrem Ensemble NEON möchte sie in Zukunft nicht nur im Bereich Neue Musik tätig sein, sondern sich auch die Freiheit nehmen, klassische Literatur neu zu bearbeiten und mit zeitgenössischen Werken zu kombinieren. Im letzten Jahr nahm sie mit der Pianistin Maren Gamper das Album «Mélodies d’Ailleurs» auf, ein persönlicher Meilenstein, der Werke von Debussy bis zu den Ophelia-Liedern von Wolfgang Rihm umfasst. Dieses Konzertprogramm wird stetig weiterentwickelt. Das Kuratorium möchte sie in ihrer Kontinuität mit einem Werkbeitrag und einer Summe von CHF 30 000 unterstützen.

Gabriela Krapf, Jurymitglied Klassik