Flexionen des Alltags

Wir gehören zusammen

Von
Eva Seck

Mit der ersten Kolumne im neuen Jahr, die gleichzeitig nach genau zwei Jahren auch meine letzte ist, fängt hier etwas Neues an, mit einer anderen schreibenden Person, ich bin gespannt! Diese Kolumne nutze ich für zwei Shout-Outs für Sachen, die ich liebe und im neuen Jahr besonders oft tun möchte. Einmal das Besuchen von sogenannt «Dritten Orten», an denen nicht konsumiert werden muss. Seien dies Bibliotheken, Quartiertreffpunkte, queer-feministische Räume, Off-Spaces, offene Kirchen, Kneipen oder Kaffees, wo das Zusammenkommen mit Freund*innen im Vordergrund steht, das Jassen, das Aufwärmen, das stille Arbeiten oder Lesen und nicht vorrangig das Konsumieren von Getränken. Und zweitens: kurze unverhoffte Gespräche mit Leuten führen, die man nicht oder nur vom Sehen kennt. Mit der Frau am Kiosk, der Person an der Migros-Kasse oder mit der Surprise-Verkäuferin. Mit dem Mann, der in gebrochenem Deutsch nach dem Weg fragt. Mit der Bibliothekarin, die noch schnell ein Buch empfiehlt. Mit dem Vater aus dem Quartier, der stehen bleibt und mit seinem kleinen Sohn schaut, was wir da genau machen mit den Boule-Kugeln auf dem Kiesstreifen. Der britische Psychologe Robin Dunbar meint, dass wir uns über diese scheinbar belanglose Kommunikation versichern, dass wir an einer gemeinsamen Welt teilhaben. Es bedeute ein indirektes «Wir gehören zusammen». Mir leuchtet das ein und ich bin mir sicher, dieses «Wir» schliesst auch das vermeintlich Fremde ein, das Andere, das Nicht-Menschliche. In diesem Sinne: viele verbindende Begegnungen im neuen Jahr! Ich hoffe, wir sehen oder lesen uns anderer Stelle wieder.

Eva Seck (*1985 in Rheinfelden) schreibt Lyrik, Prosa und essayistische Texte. Ihr letzter Gedichtband «versick-erungen» erschien 2022 im Verlag «die brotsuppe» in Biel. Sie lebt mit ihrer Familie in Basel.