Das offene Objekt

Wie festlich darf unser Alltag sein?

Von
Rudolf Velhagen

Teller, Fayence (Zinnglasur, Aufglasurmalerei im Muffelbrand), Joseph Adam Hannong (1734–nach 1780), Strassburg, 1763–1770, Ø 30 cm, Sammlung Museum Aargau, Inv.-Nr. D-674.

Ein Teller wie ein aufblühender Frühling: Auf weissem Grund entfalten sich Tulpe und Rose, begleitet von zarten Streublumen. Die geschweifte, sechspassige Form rahmt das Dekor wie eine kleine Bühne. Entstanden ist das Stück zwischen 1763 und 1770 in der Strassburger Werkstatt von Joseph Adam Hannong. Die leuchtenden Farben des Blumenschmucks verdanken sich einem zweiten Brand – dem sogenannten Muffelbrand –, der auf der glasierten Oberfläche eine besonders feine und lichtvolle Wirkung entfaltet.

Fayence – eine mit Zinnglasur überzogene Irdenware – war kein Porzellan. Und doch vermochte sie dessen weissen Glanz zu evozieren und zugleich eine eigene, heitere Bildsprache zu entfalten. In der Manufaktur der Familie Hannong entstand Geschirr, das wegen seines lebhaften Blumendekors europaweit geschätzt wurde.

Der Teller veranschaulicht, wie sehr der Alltag im 18. Jahrhundert inszeniert wurde. Tafeln war mehr als Nahrungsaufnahme – es war Ausdruck von Haltung, Geschmack und Weltbezug. Der englische Kunsttheoretiker John Ruskin (1819–1900) war überzeugt, dass die Qualität der Dinge, mit denen wir uns umgeben, auf unser Denken und Handeln zurückwirkt. Schönheit, so Ruskin, sei kein Luxus, sondern eine moralische Kraft. Auch der Künstler und Sozialreformer William Morris (1834–1896) forderte, man solle nichts im Haus haben, von dem man nicht wisse, dass es nützlich und schön sei.

Gewiss: Ein ansprechender Teller macht noch keine bessere Gesellschaft. Doch er kann einen besonderen Moment schaffen – eine leise Aufmerksamkeit für Farbe, Form und Handwerk. In der Zartheit der Tulpe, im Duft der gemalten Rose liegt ein Versprechen. Vielleicht beginnt Kultur genau dort: im täglichen Umgang mit Dingen, die aufgrund ihrer «schönen Form» mehr sind als bloss Gebrauchsgegenstände.

Rudolf Velhagen, Leiter Sammlung und Konservierung bei Museum Aargau, erkundet an dieser Stelle die verborgenen Botschaften der Dinge. Rund 50'000 Objekte aus der kantonalen Sammlung warten auf ihre Befragung.