Kolumne von Deborah Lara Schaefer
Ostern in der Schweiz. Narzissen, Kirschblüten. Die Vase in der Küche füllt sich. Auf dem Markt im Dorf kriegt meine kleine Nichte einen Apfel geschenkt. Blumenkohl und zwei Handvoll Rucola kosten CHF 20.
In den Tagen nach dem Temperatursturz koche ich Linsen ein während in den Medien die Einführung der Todesstrafe für palästinensische Häftlinge in Israel erklärt wird. Meine Nichte sitzt im Hochsitz am Tisch und seziert die verkümmerte Knospe einer Magnolie. Zupft die braunen Spitzen ab, steckt sich das Blütenfleisch in den Mund.
Draussen vor dem Haus führt ihr Vater einen Interessenten um seinen weissen Jaguar. Das Online-Inserat hat funktioniert. Der Interessent, tätowiert und Sohn eines Neuwagenhändlers, hat Hunger. Wir tischen auf. Beim Essen erzählt er, dass er seit Kurzem seinen iPod wieder benutzt, um Kanye West zu hören, ohne ihn mit Streams zu unterstützen.
Später fahre ich mit meinem Mann ins Kino, wir setzen uns mit Popcorn in die Sessel. „Hirschfeld. Bekannter Unbekannter“. Schweizer Premiere. Operator — Film ab! Vor 65 Jahren fand in Zürich die Uraufführung von Max Frischs Andorra statt, in der Regie von Kurt Hirschfeld. Die Nutzungsrechte der Archivaufnahmen hatten die Produktion pro Minute CHF 3’000 gekostet. Im Anschluss ans Publikumsgespräch fängt uns eine Zuschauerin im Foyer ab, schimpft über das Popcorn.
Zurück im Dorf ist der Parkplatz vor dem Haus leer, der Jaguar weg. Schleuderpreis, sagt mein Schwager. Aber gut, die meisten Leute aus dem Internet kaufen nichts, sondern wollen nur Gesellschaft. Die defekte Zylinderkopfdichtung hatte der Interessent erst nach dem Essen entdeckt.