Was steht auf dem Spiel?

Von
Petra Volpe, Uwe Heinrichs, AGKV, René Frauchiger, Leo Niesser

Petra Volpe

Am 8. März wird über die SRG-Initiative abgestimmt. Wir haben Aargauer Kulturschaffende gefragt, was eine Schwächung der SRG für Musik, Literatur, Theater und Film bedeuten würde. Sie fanden ziemlich deutliche Worte.

Ohne Information funktioniert eine Demokratie nicht

Die SRG hat alle meine Filme und Serien – Traumland, Heidi, Die göttliche Ordnung, Heldin, Frank & Louis, sowie Frieden und Neumatt – finanziell unterstützt und damit überhaupt erst möglich gemacht. Diese Werke haben nicht nur in der Schweiz wichtige gesellschaftliche Diskurse angeregt, sondern die Schweiz und ihre Themen auch in die Welt hinausgetragen. Kunst schafft Empathie und Verbindung, sie wirkt über Grenzen hinweg und ist deshalb wichtiger denn je.

Durch die Halbierungsinitiative würden die Bürgerinnen und Bürger lediglich 27 Rappen pro Tag sparen – und dafür einer zentralen Schweizer Institution schaden, die die Vielfalt und Verfügbarkeit unabhängiger, lokaler und mehrsprachiger Medienangebote garantiert. Ohne verlässliche Information funktioniert eine Demokratie nicht. Ich lebe in den USA, und man kann hier mit Schrecken beobachten, was passiert, wenn Desinformation dominiert und wie dadurch das Fundament einer Demokratie ausgehöhlt wird. Ich verstehe zudem nicht, warum die Abgabe der Unternehmen an die SRG als so problematisch dargestellt wird. Unternehmen sind Teil unserer Gemeinschaft – also können und sollen sie auch ihren Beitrag leisten. Ein Unternehmen mit 1 Mio. Franken Umsatz zahlt 0,00023 Prozent. Ein Grossunternehmen mit über 1 Mrd. Franken Umsatz – und davon gibt es viele in der Schweiz – zahlt lediglich 0,000049 Prozent. Das ist ein Klacks. Einen solchen Betrag gibt ein CEO auf einer einzigen Geschäftsreise aus. Oft weiss man etwas erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat. Ich hoffe sehr, dass sich die Schweizer Bürgerinnen und Bürger nicht von dieser viel zu extremen und reisserischen Initiative blenden lassen. Die SVP sollte sich lieber dafür einsetzen, dass die Pflegeinitiative endlich umgesetzt wird.

Petra Volpe (aus Suhr) ist Regisseurin und Trägerin des Aargauer Kunstpreises 2025. Ihr aktueller Film «Frank & Louis» feierte am Sundance-Filmfestival im Januar Premiere und läuft demnächst in den Schweizer Kinos.

Uwe Heinrichs

Kulturelles Schaffen gefährdet

Das Kurtheater Baden sieht bei einer Annahme der Halbierungsinitiative die Kulturvielfalt und das kulturelle Schaffen in der Schweiz gefährdet. Als grösste Kulturproduzentin im Land ist die SRG eine tragende Säule der Kultur in unserem Land. Kürzungen bedeuten weniger Aufträge für Kulturschaffende, weniger Angebote für das Publikum und weniger Präsenz für die Kultur. Als Multiplikatorin und Plattform für die Kultur und ihre Vielfalt ist eine starke SRG unverzichtbar. Zudem sind wir der Meinung, dass gut recherchierte journalistische Arbeit ein wesentlicher Bestandteil der Schweizer Demokratie ist. Wenn bei der SRG gekürzt wird, schliesst sich ein Fenster zur Welt.

Eine Annahme der Initiative hätte weitreichende Folgen. In wesentlichen Punkten ist die SRG zentrale Partnerin des Kulturschaffens und speziell für das Kurtheater als Gastspielhaus von enormer Wichtigkeit, weil sie z.B. Partnerschaften ermöglicht und Schweizer Geschichten, Künstler*innen, Festivals und Institutionen sichtbar macht. Auch wirtschaftlich wäre eine Annahme der Initiative einschneidend: Durch weniger Aufträge für die Kultur wird die durch sie generierte Wertschöpfung vermindert. Die Folgen einer Annahme der Initiative sind weitreichend und schaden dem Kulturbereich.

Uwe Heinrichs ist Künstlerischer Direktor des Kurtheater Baden 

Ruedi Bürgi

Oliver Dredge

Fatale Folgen – so weit darf es nicht kommen

Es trifft die ganze Bevölkerung und alle Bereiche des öffentlichen Lebens: Ob Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft, ob Kultur, Sport oder Unterhaltung, ein Ja zur Initiative würde für viele Programmgefässe wesentliche Einschränkungen oder das Aus bedeuten. Unabhängige Information ist eine unabdingbare und grundlegen-

de Basis für die Demokratie. Wir brauchen die offene und kritische Auseinandersetzung. Nehmen wir die Kultur. Der Auftrag an die SRG lautet: Macht Kultur in ihrer Breite sichtbar. Produziert nicht nur Mainstream, sondern auch Augen und Ohren öffnende diverse Inhalte. Sendet nicht nur Kassenschlager, die sich rechnen, sondern zeigt auch auf, welche Offenheit und welche Kreativität in der Arbeit der Kulturschaffenden liegen, die massgeblich zu gesellschaftlichen Debatten beitragen.

Die SRG steht ebenso für die Vielzahl von Schweizer Inhalten wie für die Vielfalt der Meinungen und für die Verbreitung im ganzen Land und seinen Regionen. Vier Landessprachen erfordern den Einsatz von ausserordentlichen Mitteln, eine durch andere Medien nicht zu leistende Aufgabe. Die SRG ist deshalb auch im Kulturbereich ein unverzichtbarer Teil des Service Public. Werden ihr die Mittel im durch die Initiative verlangten Umfang gekürzt, trifft das die Erfüllung des Auftrags und damit den kulturellen Zusammenhalt über alle Grenzen und Schichten hinweg ins Herz. Und es gilt: weniger Sichtbarkeit der Kultur gleich weniger kulturelle Teilhabe in der Bevölkerung.

Die Annahme der Initiative hätte einschneidende Folgen und wäre fatal. So weit darf es nicht kommen.

Ruedi Bürgi und Oliver Dredge, Co-Präsidenten, für den Aargauischen Kulturverband AGKV

René Frauchiger

«Stellen Sie sich vor, jemand hat ein Buch geschrieben …»

Bücher, gerade von regionalen Autorinnen und Autoren, sind heute weniger sichtbar. Buchhandlungen mussten schliessen, Buchrezensionen in Zeitungen gibt es kaum noch. Literatursendungen in Radio und Fernsehen sind deshalb wichtiger denn je. Denn wie sollen die Leute Bücher lesen, wenn es kaum mehr Regale und Auslagen, Sendungen und Veranstaltungen gibt, wo sie Bücher entdecken können? Stellen Sie sich vor, jemand hat ein Buch geschrieben, in der herrlichsten Sprache, mit originellen Figuren und mit unzähligen neuen Ideen und Gedanken. Doch das bringt uns wenig, solange wir nirgends erfahren, dass dieses Buch existiert. Sollte die «Halbierungsinitiative» angenommen werden, müsste auch die SRG weitere Kultursendungen streichen. Schweizer Literatur verliert weiter Sichtbarkeit. Ein «Ja» zur «Halbierungs-Initiative» ist ein «Ja» zu weniger Vielfalt in der Literatur.

René Frauchiger ist Autor und leitet die Werkstätten des Aargauer Literaturhauses Lenzburg

Leo Niesser

Die Alarmglocken läuten für Musiker*innen

Musikschaffende können ein Lied davon singen: Ohne Medienpräsenz keine Konzerte! Radio Airplay erreicht vor allem Hörer*innen in der Region, im Gegensatz zu Spotify. Genau diese Kanäle sind nun gefährdet: Die «Halbierungsinitiative» will das Budget der SRG radikal verkleinern. Spätestens jetzt müssten bei Musikschaffenden die Alarmglocken läuten – auch bei jenen, deren Songs nicht auf SRF 3 laufen. Einerseits unterstützt die SRG Festivals und überträgt Konzerte aller Sparten. Andererseits besitzt sie Sender, die nicht dem Mainstream verpflichtet sind (Tipp: mal bei Couleur 3 reinhören!). Eine Budgetkürzung bedroht diese Vielfalt und erschwert Medienpartnerschaften. Zudem steht weniger Geld für Urheberabgaben zur Verfügung – SUISA-Einnahmen werden für alle empfindlich schrumpfen. Ein «Ja» hätte auch anderswo dramatische Folgen: Nichtkommerzielle Radios wie Kanal K, die Nischenmusik Platz bieten, erhalten ebenfalls Beträge aus dem Serafe-Topf. Wird hier gekürzt, ist das für diese Sender mit minimalem Budget existenzbedrohend. Eine Annahme würde die Initianten wohl darin bestärken, künftig weitere Gelder zu streichen. Damit würden just diejenigen Kanäle verschwinden, die ein Publikum bedienen, das auch mal unbekannte Bands unterstützt. Darum ist es wichtig, dass Musikschaffende am 8. März ein «Nein» in die Urne legen.

Leo Niessner, Musikpromoter bei promokativ.ch, Musiker und Journalist