Editorial

Warmlaufende Debatte

Von
Michael Hunziker

Halten die guten Vorsätze noch, so früh im Jahr? Der Wille zur Veränderung glüht noch irgendwo, während der Alltag allmählich wieder die Regie übernimmt und erste Aufschübe, erste Abstriche, erste Konzessionen gemacht werden müssen. Die Agenden füllen sich unweigerlich, und in ihnen scheint bereits ein herausforderndes Jahr auf, mit Beruf, Weiterbildung, Pflichtterminen, Milestones, Fitnessabo. Im Hintergrund: crazy Weltpolitik.

Es ist doch bemerkenswert, wie klar der eigene Blick in den Tagen zwischen den Jahren auf das «Gute Leben» jeweils kurz wird. Man weiss intuitiv, dass man mehr Zeit mit geliebten Menschen verbringen möchte, mehr Gemeinsames unternehmen, weniger Arbeiten, sich weniger stressen lassen, aktiv sein in der Natur – und in der Gesellschaft etwas bewegen. Den eigenen Geist von den Algorithmen der Tech-Milliardäre nicht mehr zumüllen und sich nicht mehr bis in die späten Nachtstunden manipulieren lassen, sondern sich einfach auf das fokussieren, was vor der Haustüre läuft.

Während Australien ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 eingeführt hat, England sich ähnliche Schritte überlegt und laufend neue Studien belegen, wie die Scroll-Höllen von TikTok etc. süchtig machen und die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, läuft hier, also vor der Haustüre, in der Schweiz langsam die Debatte um die Halbierungsinitiative warm. Falls es jemand im Infogewusel nicht mitbekommen hat: Nicht Social Media soll halbiert werden, sondern die SRG. Dort wo die Sportschau, der Samstig-Jass, Skirennen laufen, und bis vor kurzem «Gesichter & Geschichten». Natürlich auch der Literaturclub, «Sounds!», Kulturplatz oder bis vor kurzem «We, Myself & Why». Derzeit bis 2029 fix programmiert: Der Abbau von 900 Vollzeitstellen. Kleine Erinnerung, falls es im Infogewusel untergegangen ist: Dieser Stellenabbau ist die direkte Folge von Albert Rösti. Er wollte mit seinem Sparprogramm «eine Stärkung der SRG» erreichen, er, der damals selbst im Initiativkomitee sass, wollte mit den vorauseilenden Kürzungen der Initiative zuvorkommen, also im Sinne: Wind aus den Segeln nehmen. So die gewaschene Argumentation.

Schaut man sich die crazy Weltpolitik an, die mit ihrem Affekt-Content auf Social Media längst Mauern und Haustüren und die Blut-Hirn-Schranke überwindet, könnte man auf die Idee kommen, es bräuchte wieder so etwas wie eine Geistige Landesverteidigung. Also ein starkes Medium (kein Eso-Sprech), das die kulturellen, demokratischen Werte wie Meinungspluralität, Sichtbarkeit von Minderheiten sowie gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Innovationen zeigt, garantiert und pflegt. Es bräuchte so etwas wie die SRG. Ein Medium, das alle Menschen in der Schweiz mitbesitzen. Private Medienhäuser mit ihren marktwirtschaftlichen Strukturen und der Quotenorientierung können den Service Public per se nicht erfüllen. Vielleicht kann man einen Vergleich bemühen: Es ist ein bisschen so, als wünschten sich die «Halbier*innen» nur noch Privatschulen und keine öffentliche Schule mehr.

Wie dem auch sei, auf den folgenden Seiten finden Sie ein Kulturangebot, mit dem sie zu ihrem «Guten Leben» bestimmt etwas beitragen können. Im Licht des Strobos, vor Lautsprechern in Konzerthallen, im Theater, im Kunstmuseum – lädt sich Lebenszeit mit Qualität auf.

P.S. Im Netflix-Style: Die Fortsetzung zur «Halbierung» folgt nächsten Monat.