Tagebuch

Von Kunst, Kultur und Deutscher Bahn

Von
Julia Frischknecht

Tagebuch aus Berlin

Seit Juli nun darf ich das Atelier des Aargauer Kuratoriums in Berlin Friedrichshain mein zeitweiliges Eigen nennen. Ich bin in dieser Zeit allerdings auch schon einige Male wieder zurück in die Schweiz gereist. Schliesslich wollte ich ja nicht alle Gigs absagen – just das, was ich in den nächsten Jahren vermehrt zu kultivieren versuche.

Also liegt mein Schicksal immer mal wieder in der Hand der Deutschen Bahn. Zwar bin ich auch schon durchaus verspätet an meinen jeweiligen Zielorten angekommen, ich muss mich aber an dieser Stelle auch mal positiv über die Deutsche Bahn äussern: Mehrmals war ich schon schwer beeindruckt, wenn nach über acht Stunden Fahrt der Zielbahnhof Bern oder Basel punktgenau oder sogar zu früh erreicht wurde. Fazit: Den Zug nehmen, lohnt sich eben doch und ist, wenn man früh genug bucht, auch eine durchaus günstige Art zu reisen.

Nun aber zur pulsierenden Metropole Berlin: Die Stadt ist ein Wahnsinn für das Schweizer Mädel vom Lande (um mir eine kleine Überspitzung zu erlauben). Es findet täglich alles gleichzeitig statt. Bereits in den ersten Tagen habe ich mehrere Anlässe in der Impro- Szene besucht. Zeitgenössische Musik findet man oft auf Webseiten wie echtzeitmusik.de oder auf Social Media.

Ein interessantes Biotop, in welchem ich gefühlt gerade mal den kleinen Zeh getunkt habe, das aber Lust auf mehr macht.

Seither habe ich mich mit einer Freundin für eine Impro-Session getroffen, mit meiner Duopartnerin eine Woche im Atelier geprobt, mit einer in Berlin lebenden Freundin über gemeinsame Projekte sinniert, mit einer neuen Pianistin Korrepetitionsstunden am anderen Stadtende gemacht und vieles mehr. Ganz zu schweigen von den vielen Anlässen, die ich als Zuhörer*in und / oder Zuschauer*in täglich besuchen kann und bereits besucht habe. Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos, und genau das macht diese Stadt gleichermassen zum besten und zu einem der schwierigsten Orte, an denen ich zum Kunstmachen je war.

Sie lehrt mich aber eines ganz bestimmt: Wenn ich weiterkommen will, muss ich bei mir bleiben. Ablenkungen sind zuhauf an jeder Ecke zu finden, aber meinen Weg kann ich nur mit einem klaren Blick nach vorne verfolgen.

Deshalb werde ich mich bemühen, in den kommenden Monaten nicht verbissen dem Ideal eines «perfekten» Atelieraufenthalts hinterherzurennen, sondern meine Zeit in Berlin zu geniessen. Ich werde weiterhin versuchen, offen zu sein für die kreativen Impulse, die mich aus dieser blühenden Kulturszene erreichen, und hoffentlich mit vielen tollen Ideen und neuen Kontakten im Gepäck wieder zurückkommen.

ZUR PERSON

Julia Frischknecht (*1995, Wohlen) studierte klassischen Gesang an der Hochschule der Künste Bern. Als Sopranistin ist sie regelmässig auf Opernbühnen im In- und Ausland zu sehen.