Unterwegs

Von der Vorstellung zur Kunst

Text und Bild
Tania Lienhard

Unterwegs mit Nick Walter

Ungefähr elfjährig war er, als er in einem Fotogeschäft eine Kamera entdeckte, die er sich für 21 Franken kaufte. Sie war deswegen so preiswert, weil sie analog funktionierte – und das Fotogeschäft sie hatte loswerden wollen. «Als Kind war das viel Geld. Aber heute wäre sie wohl ein Liebhaberstück und würde sehr viel mehr kosten», lacht Nick Walter. Er selbst sei zu Beginn überfordert gewesen, sei er doch im digitalen Zeitalter aufgewachsen. «Schritt für Schritt eignete ich mir die Kamera an und gab sie schliesslich kaum mehr aus der Hand.» Dieser Prozess habe viele Jahre gedauert. «Es gibt gewisse Themen, über die ich damals wie heute nicht gut sprechen kann. Deswegen baute ich mir eine Art Parallelwelt auf, die völlig in der Fotografie stattfand.» Im Gymnasium schliesslich habe er sich einen Job im Service gesucht, um die Kosten für sein immer teurer werdendes Hobby begleichen zu können.
Wir sitzen in einem Café in Aarau und Nick erzählt mir von der Entwicklung, die er als Künstler bisher gemacht hat. Neben den Fotografien fertigt er Installationen an und dreht Videos. Er ist erst 22-jährig, hat aber schon lange ein klares Ziel vor Augen: Einmal von der Kunst leben zu können. Zuerst habe er nur für sich fotografiert und die Bilder niemandem gezeigt. «Im Gymnasium merkte ich dann, dass sie auch für andere eine Bedeutung haben können.» Also ging er mit seinen Bildern an die Öffentlichkeit, wurde mit 18 zu einem der jüngsten Künstler, die im Aargauer Kunsthaus ausgestellt wurden. In diesem Zeitraum beschloss er, alles auf die Karte Kunst zu setzen. «Ohne Einkommen nebenher geht es allerdings noch nicht.» Das ist jedoch kein Hindernis für ihn – er sieht es als Notwendigkeit auf seinem Weg. Inzwischen arbeitet er als Videotechniker in Zofingen. «Natürlich habe ich manchmal nur wenig Zeit für meine Kunst. Aber ich bin dankbar, dass meine Vorgesetzten mir eine grosse Flexibilität lassen.» Als limitierende Faktoren in Bezug auf sein Schaffen nennt Nick denn auch nicht Zeit, sondern Geld und Platz. «Ein Traum von mir ist, einen Ort am Meer zu haben mit viel Raum für meine Kunst», lacht er und weiss wohl, dass er dafür nicht nur Talent und Ehrgeiz, sondern auch viel Glück braucht.
Mittlerweile haben wir unsere Gläser geleert und packen zusammen. Dabei erzählt mir Nick, dass er sowohl im Leben als auch in der Kunst nur selten ziellos experimentiere. «Ich habe für alles einen klaren Plan. Und falls der nicht funktionieren sollte, steht eine Alternative im Hinterkopf bereit.» So habe er schon bevor er mit seinen Arbeiten beginne eine genaue Vorstellung davon, wie sie schliesslich aussehen sollen. «Zwar dürfen während des Arbeitsprozesses immer wieder neue Dinge dazukommen, die ich dann in meine Installation oder in die Videos und Bilder dazu packe. Aber ich entwickle meine Arbeit dabei immer weiter, ohne von vorne zu beginnen.» Zu Gesicht bekomme man sein Werk erst, wenn es fertig sei. «Ich bin ein Perfektionist und möchte keine halben Sachen zeigen – niemandem.» So sei die Präsentation der Arbeit mindestens ebenso wichtig wie die Arbeit selbst. «Ich baue eine Welt um mein Werk herum.» Hier gehe es dann schnell konkret ins Materielle. Überhaupt sei er einer, der die handwerkliche Beschäftigung «ganz extrem» brauche – vor allem in Bezug auf seine Kunst. Aber auch generell: Er habe schon als Kind alle Geräte im Haushalt auseinandergenommen, um zu schauen, was dahinterstecke. «Nur zusammenbauen konnte ich sie nicht mehr», lacht er.
Wir machen uns auf den Weg an die Aare – ein Ort der Inspiration für Nick. «Ich bin oft und gerne in der Natur.» Dabei brauche er nie nach Ideen für seine Projekte zu suchen, wie er sagt. «Ich kann mir gar nicht vorstellen, mal keine Ideen zu haben. Es sprudelt nur so aus mir heraus.» So habe er zum Beispiel den Drang, in seiner Kunst Dinge zu machen, die nicht alltäglich seien. Ihm missfalle die Tatsache, dass Filme und Videos heute zu tausenden auf die Menschen einprasselten. Deswegen wolle er sich mit seinen Werken schon durch die Machart abheben vom Einheitsbrei: Ich filme digital, rechne den Film in Einzelbilder um, entwickle die Bilder, scanne sie ein und filme sie wieder.» So könne er beispielsweise künstliche Slow Motion erzeugen, indem er dasselbe Bild mehrere Male hintereinander platziere. Der Aufwand steigere sich mit dieser Technik um ein Vielfaches, aber der Effekt sei es ihm wert.

Ich frage ihn, welche Themen er in seiner Kunst gerne bearbeite und er sagt, ihn beschäftige die Wahrnehmung eines Menschen. Es gäbe Bereiche, die die Existenz einer Wahrnehmungs-Objektivität suggerieren wollten: «Nehmen wir das sehr einfache Beispiel des Sonnenuntergangs. Er gilt gemeinhin als etwas Romantisches, positiv Konnotiertes. Da das Licht aber wegfällt und die Nacht hereinbricht, ist er für manche Menschen durchaus auch unheimlich. Ich versuche, jeweils mehrere Perspektiven und Arten der Wahrnehmung in einem einzigen Bild zu zeigen.»
Mittlerweile sind wir an einem seiner Lieblingsplätze angekommen. Er erzählt mir noch, dass er dankbar ist für die Unterstützungsgelder von Stiftungen und anderen Einrichtungen. Und dass er fleissig an weiteren Werken für nächste Ausstellungen arbeitet. Die Kunst ist sein unbestrittener Plan A. Sollte es aus irgendwelchen Gründen nicht klappen, bin ich mir sicher, dass er einen Plan B – und auch einen Plan C – im Hinterkopf hat.

Zur Person

Nick Walter (*2003), lebt und arbeitet in Aarau. Fotografie, Film und Installation sind seine Medien. In seinen Werken beschäftigt er sich mit Fragen zur menschlichen Wahrnehmung.