Verbindet Kunst und Kochen: Susanne Vögeli.
Unterwegs mit Susanne Vögeli
Ich steige die Stufen hoch, von der Bahnhofstrasse Richtung Behmenplatz in Aarau. Dabei betrachte ich die Kunst, die in den vier Vitrinen entlang der Treppe ausgestellt ist – sie wird Teil des Gesprächs sein, das ich mit Susanne Vögeli gleich führen werde. Susanne ist mit Silja Dietiker Kuratorin dieser kleinen, aber feinen Wechsel-Ausstellung «Skalaa». Wo vorher Werbeplakate prangten, begleiten nun Kunstwerke die hier durchgehenden Passant:innen ein kurzes Stück auf ihrem Weg.
Oben angekommen, betrete ich das Kochatelier «Raum acht». Trotz intensiver Vorbereitung auf diese Begegnung habe ich es nicht geschafft, zu verstehen, was meine Interviewpartnerin alles macht. Das wird eine schöne Herausforderung für mich – wie so oft.
Susanne kommt auf mich zu, schiebt dabei den Vorhang etwas zur Seite, der den Eingangs- vom Kochbereich trennt. Sie ist mir auf Anhieb sympathisch, wir setzen uns. Auf meine Frage, wie sie sich als Künstlerin näher beschreiben würde, entgegnet sie mir sehr rasch, dass sie sich nicht als Künstlerin, sondern als kulinarische Forscherin sehe. Aber: «Ich gebe der Kunst einen Landeplatz und mag es, auch künstlerische Aspekte ins Kochen zu integrieren.» Was für ein toller Satz!
Ich erfahre, dass sie früher als Kochschullehrerin gearbeitet und dann ihre eigenes Kochstudio für Erwachsene eröffnet hat – hier konnte sie endlich kreativ sein. Sie vermittelt auch heute noch Kochen als Handwerk und legt besonderen Wert auf Esskultur. Schon ihre Mutter war Köchin. «Ich sah, wie Gerichte entstanden und wie wichtig Essen auch dann war, wenn es darum ging, die Bedeutsamkeit einer Feier oder eines besonderen Tages zu unterstreichen.» Es sei aber nicht so, dass sie schon immer Köchin habe werden wollen. Sie habe sich lange nicht auf eine bestimmte Sache fokussiert, sondern sei schon seit jeher vielseitig interessiert. «Irgendwann merkte ich, dass ich die meisten Themen im Kochen und Essen vereinen konnte.» Susanne erklärt, dass sie jeweils von der Praxis – dem Kochen – zur Theorie gelange und viel nachforsche. «Woher stammt ein Rezept? Wieso bereitet man das Gericht genauso zu? Welche Geschichten stecken dahinter?». So erfahre sie nicht nur viel Historisches. Sie betrachte Rezepte immer auch mit Bezug zum Lebensstil, zu Religion, zu geographischen Regionen. «Manchmal gelange ich vom Hundertsten ins Tausendste», lacht sie. Sie geniesse ihre Recherchezeit, während der sie auch das Alleinsein schätze. «Ich brauche diese Tage für mich. Aber es kommt immer der Zeitpunkt, an dem ich meine Überlegungen mit anderen teilen möchte.» Etwa einmal im Monat veranstaltet sie Vorführungen, während deren sie kocht und dem Publikum fundierte Geschichten über einen Kochvorgang oder ein Lebensmittel erzählt.
Viel Zeit und Leidenschaft schenkt die kreative Köchin der Ausstellung Skalaa, für die sie jeweils eine an das Schaffen der involvierten Künstler:in angelehnte Kreation kocht, die es dann während der Vernissage zu probieren gibt. In der Art, wie sie diese Projekte jeweils angeht, lässt sich ihr Wirken gut begreifen: So adaptierte sie den Blickwinkel des Malerduos Bošković-Scarth, das sich für Skalaa mit Stickern beschäftigt hatte, die an Gebäuden und anderen Infrastrukturen in ganz Aarau kleben. Susanne streifte also ebenfalls durch die Stadt – und zwar zur Mittagszeit. Was sie fand: Leere Verpackungen und Essensreste von Menus aus aller Welt. Diese «kulinarischen Reisen in ferne Welten» habe sie als Bedürfnis der Menschen nach Distanzschaffung interpretiert, so Susanne. Distanz, das gehe aber auch anders: «Nicht nur geographisch, sondern auch zeitlich.» Also habe sie sich mit Lebensmitteln beschäftigt, die bereits vor 5000 Jahren von Menschen verarbeitet worden seien – Vergangenheit trifft auf Gegenwart, Kulinarik auf Kunst.
In einem anderen Projekt hat Susanne Vögeli mit Andrea Münch ein spezielles Rezeptbuch verfasst: Das «Bestiarium der Desserts» stellt 15 Dessert-Rezepte vor, die alle einen absurd witzigen Namen tragen –vom «Kalten Hund» über den «Liebesknochen» bis zum «Schwiegermutterauge». Andrea Münch fertigte die Süssspeisen aus Porzellan an, die Bilder davon erscheinen als Collagen im Rezeptbuch und die Objekte werden im Raum acht ausgestellt. Susanne schrieb den Text dazu, im November feiern sie Vernissage. Ein Projekt, das wahrscheinlich viele Parallelen zu ihrer Arbeit an der Digitalisierung des Fülscher-Kochbuchs aufweist. 2013 überarbeitete Susanne das berühmte Kochbuch und heute besitzt sie die Rechte daran. Regelmässig stellt sie Rezepte aus dem Buch online, gibt ihnen einen modernen Touch und versendet sie per Newsletter.
Ob ich nach unserem Gespräch nun weiss, wer Susanne Vögeli ist? Ein bisschen vielleicht. Ob mein Horizont sich erweitert hat? Bestimmt. Jedenfalls denke ich seither intensiver über meine Einstellung zum Thema Essen nach.
Buchvernissage
Nonnenfürzchen und Fürst Pücklers Eisbombe. Ein Bestiarium der Desserts
AARAU Raum acht, Do, 19. November, 18.30 Uhr; raum-acht.li