Von klein auf ständig in andere Heime umplatziert: Uschi Waser als Zweijährige.
Jenische Menschen wurden in der Schweiz bis in die 1970er-Jahre systematisch verfolgt und kriminalisiert. Die Pro Juventute entriss den Familien ihre Kinder und platzierte sie in Heimen. Uschi Waser war ein solches Kind. Die Journalistin Silvia Süess hat die bewegende, traumatische Lebensgeschichte zusammen mit Uschi Waser aufgeschrieben. Ein Beitrag gegen das Vergessen.
Uschi Wasers Leben ist nicht von unglücklichen Fügungen, sondern von systematischem Unrecht geprägt. Das wurde mir bewusst, als sie mir von ihrem Zusammenbruch erzählte, nachdem sie im Alter von 36 Jahren ihre Akten gelesen hatte, die von der Pro Juventute, von Behörden und Gerichten über sie angelegt worden waren. Ihre verlorene Kindheit ist nicht einfach Pech gewesen, sondern ist Teil eines Systems, und zwar das des Pro-Juventute-Hilfswerks »Kinder der Landstrasse«.
Von 1926 bis 1973 entriss dieses sogenannte Hilfswerk mit Unterstützung der Vormundschaftsbehörden fast 600 jenische Kinder ihren Eltern – Uschi Waser ist eines von ihnen. Die Kinder wurden in Heime gebracht, oft ohne dass deren Ort den Eltern genannt wurde, gegen den Willen der Eltern zur Adoption freigegeben, ihre Namen geändert, Pflegefamilien zugewiesen oder Bauern als Verdingkinder überlassen. Das Ziel dieser konzertierten Aktion war angeblich, die fahrende Lebensweise der Jenischen zu unterbinden. Doch auch sesshaften jenischen Familien wurden die Kinder weggenommen.
Es ging nicht um die Beendigung der »fahrenden Lebensweise«, sondern um die Auslöschung der jenischen Kultur. Die gezielte Zerstörung von Familienverbänden wurde im Februar 2025 in einem vom Bundesrat in Auftrag gegebenen juristischen Gutachten als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit beurteilt. Das Gutachten verweist darauf, wie gravierend und systematisch die Angriffe auf die Jenischen waren.
So einzigartig Uschi Wasers Lebensweg ist, zeigt er zugleich exemplarisch in vielen Einzelheiten, aber auch gesamthaft das systematische Unrecht, das die Schweizer Behörden über Jahrzehnte an Hunderten Familien einer gesellschaftlichen Minderheit begangen haben. Über dieses Verbrechen an den Jenischen wird bis heute zu wenig gesprochen. Wer nicht direkt oder indirekt betroffen ist oder gezielt danach fragt, erfährt womöglich nichts davon. Und doch ist es ein wichtiges Kapitel der Schweizer Geschichte.
Uschi Wasers Biografie erzählt nicht nur vom Leid, sondern auch von der Selbstermächtigung einer Frau, die ihr Leben gegen alle Widerstände in die Hand genommen hat, über das erlebte Unrecht spricht und sich gegen jede Verdrängung wehrt. In der Vorbereitung auf das Buch trafen Uschi Waser und ich uns regelmäßig. Sie zeigte mir Briefe, Fotos und gab mir ihre Gerichts- und Pro-Juventute-Akten, sie verwies auf Details, prüfte nach, korrigierte mich. Ich las zahlreiche Veröffentlichungen über das Hilfswerk und über sie, schaute alte und neue Fernsehbeiträge, in denen sie vorkommt, besuchte Ausstellungen, Archive und begleitete sie zu Podien und Auftritten. Mir fiel auf, dass Uschi Waser bei jedem Auftritt ihre Geschichte so erzählt, als wäre es das erste Mal. Diese Fähigkeit macht sie zu einer begnadeten Erzählerin, der die Zuhörer*innen an den Lippen hängen. Bemerkenswert ist ihr Humor, der selbst bei schmerzhaften Inhalten aufblitzen kann. Dass dieser Humor auch eine Überlebensstrategie ist, wurde mir bewusst, als Uschi Waser bei einer Podiumsdiskussion belustigt ins Publikum schaute und sagte: »Vor Ihnen sitzt eine größenwahnsinnige Person!« – eine Formulierung aus einem Aktenbericht über sie. Indem sie diese Zuschreibung übernimmt, gewinnt sie die Deutungshoheit über ihre Persönlichkeit zurück.
So geht sie auch mit ihrer Geschichte um. Wenn sie ihr Leben seit bald vierzig Jahren selbst erzählt, geht es immer auch darum, es aus den Akten zu lösen und die Kontrolle darüber wiederzuerlangen. So soll veranschaulicht werden, dass ihr Leben ein Stück Schweizer Geschichte darstellt, das bis heute in unserer Gesellschaft nachwirkt.
1989 veränderte sich mein Leben mit einem Schlag vollkommen. Ich las Akten, die jahrzehntelang über mich angelegt worden waren. Akten, von denen ich 37 Jahre lang keine Ahnung hatte, dass sie existieren. Ich bin eine Jenische. Das wusste ich schon von klein auf, denn dass ich ein »Zigeuner« oder ein »Fecker« war, hat man mir immer wieder um die Ohren gehauen. Bis ich vierzehn Jahre alt war, habe ich in über zwanzig Heimen gelebt. Ich dachte immer, es sei meine Mutter, die mich in diese Heime eingewiesen hätte.
Doch als ich die Akten las, wurde mir klar, hinter den Heimeinweisungen steht nicht nur meine Mutter, sondern die offizielle Schweiz. Das Hilfswerk »Kinder der Landstrasse« hat mich von einer Mutter getrennt, in Erziehungsheime gesteckt und Hunderte von Seiten Akten über mich angelegt. Aus dem einzigen Grund, weil ich eine Jenische bin. Wie im Rausch las ich diese Akten durch – und war fassungslos.
In den ganzen Pro-Juventute-Akte steht kein gutes Wort über dieses Kind, das ich damals war. Beim Lesen all dieser verachtenden und bösartigen Aussagen über mich schämte ich mich. Ich kam in eine lebensbedrohliche Situation und habe mich für mehrere Wochen verloren. Ich weinte und weinte. Etwas, das ich von mir bisher nicht kannte.
Ich war so niedergeschlagen, verletzt und fassungslos. Gleichzeitig wurde mir bewusst, ich will alles wissen, alles, was über mich festgehalten wurde. Es war mein Gerechtigkeitssinn, der mich antrieb. Und ich begann, bei den Gemeinden und Heimen, in denen ich jeweils gewesen war, weitere Akten anzufordern, und las und las. Gleichzeitig ging mein Alltag mit meiner Arbeit und den zwei Kindern weiter. Bis ich die Gerichtsakten über den sexuellen Missbrauch meines Stiefvaters las. Die habe ich, ich war ganz allein, in einer einzigen Nacht durchgelesen.
Das hat mich total zerstört. Ich war auf dem absoluten Tiefpunkt meines Lebens. Das zu lesen, war schlimmer als alles, was ich bisher erlebt hatte.
Mein Stiefvater wurde damals vor Gericht freigesprochen. Erst als ich die Akten gelesen hatte, verstand ich, warum, und was da für eine Intrige gegen mich gelaufen war. Ich las, wie mich in diesem Prozess ehemalige Betreuerinnen, Nonnen, meine Tanten und sogar meine Mutter verleumdeten. Ich brach zusammen.
Nach dem Lesen dieser Akten habe ich die Uschi von damals für immer verloren – und ich trauere dieser Uschi noch immer nach. Die Unbeschwertheit und der Stolz, den ich hatte – sie sind weg, bis heute, unwiederbringlich.
Doch ich sagte mir auch: Diese Geschichte lass ich nicht auf mir sitzen. Jemand muss dafür einstehen. Ich gehe an die Öffentlichkeit. Und das habe ich gemacht. Seit über 35 Jahren rede ich.
Weil ich sonst erstickt wäre.
Aus „Reden, um nicht zu ersticken“, Rotpunkt, 2025, gekürzt und leicht verändert.
Die Autorin Silvia Süess (r.) schrieb die Geschichte von Uschi Waser (l.) auf und zeichnete die systematische Dimension des Unrechts nach.
Yoshiko Kusano
Uschi Waser: Nein, denn nun müssen Konsequenzen folgen. Der Ball liegt nun bei uns Jenischen und beim Bund. Wir müssen klären, welche Forderungen wir aus der Anerkennung ableiten. Bis Mitte Jahr werden wir diese der Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider mitteilen.
Wir möchten, dass auch in unserem Fall das Joinet-Prinzip zum Tragen kommt, und zwar ohne Abstriche. Das Prinzip wird von der Schweiz in anderen Ländern bei der Vergangenheitsbewältigung und systematischem Unrecht empfohlen und gefördert, nun gilt es das auch im eigenen Land anzuwenden. Diese Unrechtsgeschichte sollte richtig aufgearbeitet werden. Es muss Licht in den unheilvollen Knäuel von Pro Juventute, Ämtern, Kirche und Justiz gebracht werden. Das ist nur das erste Joinet-Prinzip. Das Recht auf Wahrheit.
Von denen sind die meisten bereits unter dem Boden. Ich finde es schade, dass diese Leute nicht mehr für das Unrecht hinstehen können. Aber man könnte vielleicht rückwirkend zugestehen, dass die Vormundschaftsbehörden ihre Pflicht nicht richtig wahrgenommen, dass die Institutionen nicht nur versagt, sondern auch aktiv Leid verursacht hatten.
Wir kämpfen für unsere Sache nicht wegen des Geldes, obwohl viele von uns finanziell schlecht dastehen. Einige sind mittlerweile alt und haben Gebrechen, deren Behandlung sie nicht finanzieren können. Vielleicht könnte ein Teil einer Wiedergutmachung darin bestehen, dass wir Betroffene eine Krankenkasse-Zusatzversicherung erhalten, mit denen medizinische und therapeutische Leistungen gedeckt wären.
Genau! Es gibt in der Schweiz nicht nur in Bezug auf Fahrende immer noch Behördenwillkür. Einerseits ist die Kultur der Jenischen anerkannt, aber die Menschen werden immer noch ungerecht behandelt. Sie erhalten beispielsweise keine richtigen Plätze und werden immer noch systematisch stigmatisiert.
Von den verantwortlichen Personen nicht, nein.
Die Mühlen haben nicht von sich aus begonnen, zu mahlen. Die Behörden haben sich geziert. Vielleicht waren wir zu ruhig, zu wenig fordernd. Seit sich jüngere Jenische engagiert haben, ist Bewegung in die Sache gekommen.
Mir hilft die gesellschaftliche Anerkennung, die Bestätigung, dass es Unrecht war. Mir ist es wichtig, dass die Menschen Bescheid wissen über dieses Kapitel. Das ist eben auch Schweizer Geschichte. Am meisten hat mir stets geholfen, in die Zukunft zu schauen, zu träumen.
Ja, davon, dass wir von Grund auf Recht bekommen. Wie lief das damals mit den Zwangsadoptionen? Wie war das damals in den Spitälern, als den Müttern gesagt wurde, sie hätten eine Todgeburt gehabt, dabei wurde das Baby direkt fremdplatziert. All die Denunziationen von Nachbarn, Hauswarten, Lehrpersonen. Da muss jetzt Licht ins Dunkel kommen. Erst muss sich unsere Lebenssituation verbessern, bevor irgendwelche Gedenktafeln angebracht werden. Solange ich gesund bin, gebe ich nicht auf.
Als Kleinkind auf dem Arm einer «Schwester»: Uschi Waser im Kinderheim La Margna in Celerina, Frühjahr 1955.