Bühne

Ver-rückte Zeit zwischen Liebenden

Von
Elisabeth Feller

Pianist Alexey Botvinov vertont «Briefsteller», den Roman von Michael Schischkin.

Klaus Henner Russius, Rachel Matter und Alexey Botvinov (Piano) bringen Schischkins Roman «Briefsteller» als musikalische Lesung ins Thik Baden.

«Dieses Buch hat mein Leben fundamental verändert», sagt der ukrainische Pianist Alexey Botvinov und meint damit Michael Schischkins weltweit erfolgreichen Roman «Briefsteller». Darin schildert der russischsprachige Autor, wie Sascha und Wolodja durch einen Krieg getrennt werden und sich nur noch Briefe schreiben können. Sie erzählen einander von Kindheit, Familie, Alltag, Freud und Leid. 

Ein normaler Briefwechsel zweier Liebender – bis klar wird, dass die Zeit der beiden ver-rückt ist, dass sie durch Raum und Zeit getrennt sind. Sie lebt in der Gegenwart, er kämpft im Boxeraufstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen chinesische Rebellen. Er stirbt in einem der ersten Gefechte dieses Krieges, aber seine Briefe kommen weiterhin an. Sie heiratet, verliert ein Kind – und schreibt ihm weiter, als ob weder Zeit noch Tod eine Rolle spielen würden.

Als er «Briefsteller» gelesen hatte, stand für Botvinov fest: «Dieses Buch muss ich auf die Bühne bringen». Michail Schischkin gab grünes Licht und so fand die Uraufführung des Stücks für zwei Schauspieler und einen Pianisten 2012 in Odessa, Botvinovs Heimat, statt. Zwei Jahre später wurde es auch in der Schweiz, unter anderem in der Tuchlaube Aarau, gezeigt. 

Berührende Lesung

Seither hat sich die Welt rasant verändert. Der russische Angriffskrieg im Februar 2022 zwang Botvinov ins Schweizer Exil. Dass der Ukrainer «Briefsteller. Elegie» erneut belebt, verdankt sich der brennenden Aktualität des Romans. Anders als zuvor, handelt es sich nun aber um eine Lesung (mit Musik von u.a. Rachmaninoff und Skrjabin, die Botvinov spielt) – somit wird der Fokus stärker als bei der Bühnenversion auf den Text gelegt. 

Und wenn dieser von Rachel Matter und Klaus Henner Russius gelesen wird, dürfte er das Publikum ungemein berühren. Hier regt sich die Erinnerung. Wie war das doch einst mit dem glasklar gesprochenen, bis in die letzte Reihe des Kurtheaters vernehmlichen Buchstaben «T»? Klar, das war Klaus Henner Russius, der als junger Schauspieler in den Sechzigern ans Stadttheater St. Gallen engagiert wurde und im Sommer jeweils im Kurtheater spielte – und seinem begeisterten Publikum Eindrücke bescherte, die es niemals vergessen sollte. Wie schön, dass der heute 88-Jährige noch immer ein wunderbar den Text gestaltender Sprachkünstler ist.

BADEN Thik, So, 11. Januar, 17 Uhr