Editorial

Träumen und rechnen

Machen wir es mal wie in einem Vereinsprotokoll: Punkt eins, vermelden und verdanken der Jubilare. Michel Foucault wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Danke für dieses Lebenswerk und für die dringend zitierwürdigen Gedanken! Und wir, das AAKU, feiern gleichzeitig unser 10-Jahre-Jubiläum, was heisst, Sie halten die 100ste Ausgabe in den Händen. History in the making. Auch wenn das eine mit dem anderen wenig zu tun hat, darf man nach Foucault die Zeitphänomene in losen Bezügen, ja in geheimen Verwandtschaftsbeziehungen lesen.

Während unsere Nachbarstädte Mailand und Paris auf Tage massiver Ausschreitungen zurückblicken, während staatliche Institutionen erodieren und im grossen Kanton ennet dem Rhein rechtsnationalistische Kräfte politische Überhand gewinnen, entdecken die trockengelegten Feuilletons der verbliebenen Zeitungen das Werk des französischen Gelehrten Foucault wieder. Foucault, der sich der Analyse von Machtstrukturen und -mechanismen verschrieben hatte, hätte bestimmt etwas zu den aktuellen Entwicklungen zu sagen. Etwa dazu, wie Macht sich über die Ausschliessung von Minderheiten behauptet: von der Kriminalisierung der Armut, über die richtige oder falsche kulturelle Zugehörigkeit, bis zur Regelung des Intimlebens. Ein Blick in die Wahlprogramme der entsprechenden Parteien bestätigt die These. Vielleicht hätte er auch darüber sinniert, wie Macht sich dem Affekthaushalt bedient. Wie sie über Social Media erst Angst und Wut säht, und sie als politische Meinungen und vermeintliche Fakten erntet. Solidarische Aktionen werden als naives Gutmenschentum abgekanzelt, gegen die Schwachen treten, ist offenbar Tugend der Stunde.

Es ist allen selbst überlassen, wie sie die aktuelle Lage mit der Wohlstandsumverteilung (von unten nach oben) zusammenbringen: In der Schweiz besitzen 1 % der Bevölkerung über 45 % des Vermögens, währen die unteren 50 % bloss 1.5 % besitzen. Dabei hat das reichste Promille seit den 1980er-Jahren seinen Anteil am Gesamtvermögen verdoppelt, während die untere Hälfte nix von der Wohlfahrt abbekommen hat (ETH Zürich, KOF). In Europa sieht es ähnlich aus. An diesem Punkt müssen wir unbedingt auf die Theaterproduktion «Stilles Geld» vom Kollektiv «radikal plüsch» hinweisen, das im Kurtheater Baden fragt: «Wer darf träumen, wer muss rechnen?».

Ein weiteres virulentes Thema, durchaus in diesem Zusammenhang, ist die Sicherheit. Bergstürze, überalterte Atomkraftwerke, russische Hackerangriffe einerseits, aber auch in Hüpfburgen oder im Nachtleben: Safety ist uns Menschen ein zentrales Anliegen. Das Stapferhaus widmet seine aktuelle Ausstellung dem vielschichtigen Thema.

Zurück zum Verein: Wir träumen, wir rechnen, seit 10 Jahren! Dank der Unterstützung von Swisslos und Kuratorium des Kantons Aargau, dank solidarischen Trägerinstitutionen, die bei uns inserieren und die Tag für Tag ein kulturelles Programm anbieten, das für Vielfalt, Reflexion und Offenheit steht und das im Foucault-Sprech dafür sorgt, dass sich die Diskurse nicht verengen. Und dank Ihnen, liebe Leser:innen, die Sie mutig ausgehen und Kultur geniessen!