«Die Themen für meine drei Romane schwebten schon Jahre vor Schreibbeginn im Kopf»: Michael Hugentobler.
Unterwegs mit Michael Hugentobler
Es war ein strahlendwarmer Tag im August, und die Uhren schlugen zehn. Ich stand vor der Confiserie Brändli in Aarau, hier hatte ich mich mit dem Schriftsteller Michael Hugentobler verabredet. Keine zwei Minuten später kam er um die Ecke gebogen – Helm und Outfit zeigten, dass er mit dem Fahrrad unterwegs war. «Es ist schon sehr heiss, wollen wir reingehen?» fragte er mich fröhlich.
Also stiegen wir die Treppe hinauf und traten in die halbleere Kaffeestube. «Ich mag solche Orte, sie inspirieren mich. Schon die Queen Mom hat die grossen, hauseigenen Pralinen, die Brändli-Bomben, regelmässig ihren Gästen serviert», erzählte er mir. Es dauerte eine Weile, bis ich mich dort zurechtfand. Denn es lag eine gewisse Schwere im Raum. Der Kaffee, den ich bestellte, war dann jedoch hervorragend und meine Gesellschaft ebenso – ich begann, mich zu entspannen. «In meiner Erinnerung las ich als Kind Comics. Bücher entdeckte ich erst sehr viel später», begann Michael Hugentobler in medias res. Ich mag das, wenn es bei Gesprächen keinerlei Anlaufschwierigkeiten gibt.
Diesen Frühling hatte er seinen dritten Roman veröffentlicht. «Bis die Bären tanzen» sei eine Art Familiengeschichte, beim Verfassen habe er sich von der eigenen Verwandtschaft inspirieren lassen. Schon im Alter von 21 habe er angefangen, die Idee zu diesem Buch mit sich herumzutragen, schilderte mir der Familienvater den Ursprung seines neusten Wurfes. Das faszinierte mich – und ich wollte mehr über die lange Reifezeit seiner Idee hören, die – wie sich im Gespräch herausstellte – kein Zufall war, sondern System hatte: «Die Themen für meine drei Romane schwebten allesamt schon Jahre vor Schreibbeginn im Kopf. «Bis die Bären tanzen» nahm seine Anfänge in Tasmanien, wo ich als junger Mann meine Grosstante besuchte.
Sie erzählte mir von der Geburt ihres ersten Kindes, die sie allein in einer Blockhütte hatte durchleben müssen. Während der Wehen habe sie ihren Blick nach oben gerichtet und im Gebälk eine schwarze Schlange entdeckt. Das musste ich doch unbedingt irgendwann in einer Geschichte verarbeiten, oder nicht?», lachte Hugentobler. «Viele Jahre und zwei Romane nach meinem Besuch begann ich dann mit der umfassenden Recherche zu meiner Grosstante und ihrer Geschwister. Zusätzlich dazu inspirierte mich die «Odyssee», die ich zu dieser Zeit las. Das Feiern der Männlichkeit in diesem Epos schreckte mich ab.
Ich wollte eine Gegenerzählung erschaffen, eine weibliche Odyssee.» Seine Art, eine Geschichte anzugehen, gefiel mir: Ein Thema, das reifen musste. Dazu die intensive Recherchearbeit, die guter Literatur jeweils zugrunde liegt und in die auch Michael Hugentobler viel Zeit investierte. Ich fragte ihn, wie es nach der Recherche konkret weiterging, ob er das Gerüst der Geschichte detailliert festlege, bevor er den ersten Satz verfasse. «Ich versuche, eine Idee von A bis Z durchzudenken. Dennoch bin ich während des Schreibens offen für Eingebungen. Ich liebe es einfach, neue Welten zu erschaffen.» Eine speziell grosse Ehre erhielt sein zweites Buch «Feuerland». Es wurde 2021 auf die Nominiertenliste des Schweizer Buchpreises gesetzt.
Trotz seines eher bebilderten Starts in die Bücherwelt hatte er schon früh gewusst, dass er Schriftsteller und Journalist werden wollte: «Die Kinderausgabe von «In 80 Tagen um die Welt» hat mich so gepackt, dass ich mir bereits mit zwölf in den Kopf gesetzt habe, mein Leben reisend zu verbringen und dabei schreibend meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Damals wusste ich noch nicht, wie herausfordernd das sein würde», schmunzelte er, der diesen Kindheitstraum schliesslich tatsächlich hatte umsetzen können: «Nach der Kantonsschule jobbte ich als Postbote und ging danach auf Reisen. Ich schrieb viel Tagebuch und kehrte regelmässig in die Schweiz zurück, um mein Konto mit Gelegenheitsarbeiten etwas aufzufüllen.» Auch eine Ausbildung in der Werbebranche absolvierte er zwischenzeitlich. Auf Reisen las er viele Bücher und verfasste Reportagen. Nach seiner definitiven Rückkehr entschied er sich mit 33 Jahren, die Journalistenausbildung am MAZ zu absolvieren.
Dort schliesslich lernte er die Frau kennen, die ihm später sein Romandebut ermöglichte: die Dozentin Angelika Overath. «Sie gab eine meiner Reportagen dem dtv-Verlag, der gerade auf der Suche nach frischen Köpfen war. So kam eins zum anderen …» Das Schriftsteller-Dasein habe sich also irgendwie ergeben, resümierte Hugentobler.
Wie das mit der finalen Überarbeitung des Textes jeweils lief, fragte ich nicht nur mich, sondern auch meinen Gesprächspartner direkt. War es wirklich so, dass die Skripte mit vielen bunten Anmerkungen aus dem Lektorat zurückgeschickt würden? Michael Hugentobler schilderte mir so etwas Ähnliches: Nämlich, dass die Feinarbeit, die mit einer Lektorin oder einem Lektor geleistet werde, Knochenarbeit sei. Das konnte ich mir gut vorstellen: Die Kunst, die Handschrift des Originals beizubehalten, auch wenn stellenweise kein Stein auf dem anderen gelassen wurde. «Über Monate hinweg diskutieren wir Details.» Viel Zeit nehme übrigens auch das Suchen und Finden des ersten Satzes im Roman ein, fügte Hugentobler an. «Ein guter Einstieg ist enorm wichtig.»
Stimmt! Dachte ich. Und ob er gelingt oder nicht, ist Ansichtssache.
Der grosse George Orwell – wäre er denn noch am Leben – möge mir jedenfalls die freche Aneignung seines berühmten Einstiegs in die Dystopie «1984» verzeihen.
ZUR PERSON
Michael Hugentobler (*1975 in Zürich) arbeitete nach dem Journalismus-Studium als freischaffender Reporter für Zeitungen und Magazine. Heute schreibt er Romane und lebt mit seiner Familie in Aarau