Stroh wird im Sonnenlicht gebleicht, Villmergen 1905
Von Wohlen in die Welt: Freiämter Strohhüte waren lange Zeit ein lukrativer Exportschlager. Das Schweizer Strohmuseum feiert sein 50. Jubiläum und lädt ein, das Kulturgut mit seiner bewegten Geschichte zu entdecken.
«Chly Paris» – der Übername für Wohlen kommt nicht von ungefähr. Vom 19. bis anfangs 20. Jahrhundert belieferte der Ort im Freiamt die Mode-Metropolen der weiten Welt mit seinen Strohgeflechthüten und bescherte so der strukturschwachen Region vorübergehend Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung. Das Schweizer Strohmuseum beleuchtet dieses bedeutende Kapitel der Aargauer Industriegeschichte seit nunmehr 50 Jahren mit Sonder- und Dauerausstellungen. Im Mai wird Jubiläum gefeiert und das AAKU nimmt dies zum Anlass, streiflichtartig in die Geschichten einzutauchen, sowohl in die des Museums, wie auch in die einer Industrie, die aufstieg, blühte und verging.
Als sich der Niedergang der Hutgeflechtindustrie in den 1960er-Jahren bereits abzeichnete, besuchten über 60'000 Menschen im Jahr 1968 auf Schloss Lenzburg die Ausstellung «Modes en Paille». Aufgrund des Erfolgs, vielleicht aus Nostalgie, vielleicht aus Pflichtgefühl oder in der Hoffnung, die Nachwelt möge weiterhin von der Zeit der Hochblüte des lokalen Industriezweigs erfahren, gründeten ehemalige und die noch aktive Unternehmende eine Stiftung und im Jahr 1976 konnte das Strohmuseum seinen Betrieb in einem ehemaligen Bankgebäude in Wohlen aufnehmen. Zu dieser Zeit war der «Verband Aargauischer Hutgeflechtfabrikanten» bereits seit zwei Jahren aufgelöst. Bis auf wenige Unternehmen haben alle der einst über 100 in Wohlen ansässigen Firmen ihren Betrieb eingestellt. Die letzte Firma in Wohlen schloss 1996. Während des Niedergangs wurden also bereits die Grundlagen für das Erinnern geschaffen.
Heute ist das Museum in der Villa des ehemaligen Fabrikanten Rudolf Isler untergebracht (seit 2013), einem Haus also, das untrennbar mit der Industrie-Geschichte verflochten ist. Dass dieser Originalschauplatz überhaupt zum Museum werden konnte, ist einerseits ein glücklicher Zufall und andererseits das Resultat von einem gelungenen Zusammenspiel von verschiedenen Akteuren und Institutionen. Die Wohlener Ortsbürger*innen konnten die Villa 2009 mit der Hilfe der Stiftung Pro Patria und des Swisslos-Fonds erwerben, mit der Bedingung, sie einer öffentlichen Nutzung zu überführen: Diese Auflage eröffnete dem Strohmuseum nun die Möglichkeit, sich zur heutigen Form zu entwickeln: Seit 2013 wird die Villa als modernes zeitgenössisches Museum betrieben.
Die Geschichte der Freiämter Strohgeflechts reicht einiges weiter zurück als in die Industrie des frühen 20. Jahrhundert. Bereits im 17. Jahrhundert flochten Kleinbauernfamilien, die im Tagelohn bei den Klöstern und Grossgrundbesitzenden angeheuert waren, sogenannte «Schinhüet», Sonnenhüte aus Stroh, mit denen sie auch ihre Schulden bezahlen konnten. Diese vorindustrielle Hut- und später auch Garniturproduktion, bei der die ganze Familie mithalf, hielt bis Mitte des 19. Jhr. als Heimarbeit an. Man rechnet, dass gegen 25'000 Menschen sich so einen Nebenverdienst erwirtschafteten.
Mit der folgenden Industrialisierung wurde aus der Heimarbeit durchrationierte Fabrikarbeit, aus Kunsthandwerk ein serielles, maschinelles Gut. Strukturell gesehen führten die Gewinne der Industrie zu einer bürgerlichen Oberschicht («Strohbarone»), die sowohl Dorfpolitik wie auch Dorfbild von Wohlen prägten, und zu einem Proletariat mit tiefen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen.
Um die Wende ins 20. Jahrhundert erlebte die Industrie ihren Höhepunkt. Die Firmen eröffneten Niederlassungen in den Modemetropolen auf der ganzen Welt. Das ging eine Weile ziemlich gut. Doch sowohl in Bezug auf den Import von Rohstoffen (mittlerweile wurde längst nicht nur heimischer Stroh, sondern auch chinesische Seide, kubanischer Bast oder Manilahanf verarbeitet), wie auch beim Export (98 Prozent gingen ins Ausland) waren die Firmen abhängig von der internationalen Wirtschaftslage; und von den Launen des Modemarkts. Die Weltwirtschaftskrise (1931) und der Zweite Weltkrieg liessen den Umsatz der Strohgeflecht-Industrie um 80 Prozent einbrechen. Das überlebten nur wenige Firmen. Die (Stroh-)hutlose Mode der 1960er-Jahre wie der gestiegene internationale Wettbewerb bedeuteten schliesslich das Aus für die traditionsreiche Wohlener Hutgeflecht-Industrie.
Quelle: «Eine kurze Geschichte der Freiämter Hutgeflechtindustrie», 2014
Maschinensaal, undatierte Aufnahme
Petra Giezendanner
Die Blütezeit der Strohgeflecht-Industrie mag vergangen sein. Aus dem Museum gibt sie aber Impulse für aktuelles Designschaffen. Wir haben uns mit Petra Giezendanner, Leiterin des Schweizer Strohmuseums über die Geschichte des Museums und die Relevanz der Strohflechterei unterhalten.
Die wohl grösste Veränderung der letzten Jahre war der Umzug des Museums im Jahr 2013 vom Bankweg in die Villa Isler. Damit kann die Geschichte der Stroh- und Hutgeflechtindustrie an einem Ort erzählt werden, der selbst Teil dieser Geschichte ist. Gleichzeitig erhielt das Museum eine neue, zeitgemässe Dauerausstellung, die historische Inhalte mit modernen Vermittlungsformen verbindet. Wir konnten uns als einen Ort positionieren, an dem Geschichte aktiv erlebt werden kann. Vor drei Jahren haben wir mit der Umbenennung vom «Strohmuseum im Park» zum «Schweizer Strohmuseum» ein bewusstes Zeichen gesetzt. «Unsere» Geschichte ist nicht nur für den Kanton Aargau von Bedeutung, sondern Teil der Schweizer Wirtschafts-, Kultur- und Sozialgeschichte.
Die Strohgeflecht-Geschichte birgt ein enormes Potenzial – sei es für Ausstellungen, Vermittlungsangebote, Forschungsprojekte oder Kooperationen mit Design und Kunst. Es gäbe noch vieles zu entdecken und umzusetzen. Gleichzeitig ist das Schweizer Strohmuseum ein eher kleines Museum mit begrenzten personellen und finanziellen Mitteln. Diese Rahmenbedingungen setzen uns Grenzen, was manchmal schon etwas frustrierend ist. Gleichzeitig erleben wir, dass die Anforderungen an kulturelle Institutionen immer vielfältiger und anspruchsvoller werden, während die vorhandenen Mittel weitgehend gleichbleiben oder angesichts der Teuerung sogar leicht abnehmen. Das erfordert ein ständiges Umdenken und macht die Arbeit im Alltag zunehmend anspruchsvoll.
Zwei Dinge: ein grosses Fest und eine neue Sonderausstellung!
Mit dem Fest möchten wir vor allem die Menschen aus der Region zu uns ins Museum einladen, auch solche die bislang noch nie bei uns waren. Gleichzeitig möchten wir unseren treuen Museumsfreund*innen Danke sagen. Und mit dem «Prix Paille» und der dazugehörigen Ausstellung hat sich das Museum gewissermassen auch selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht.
Die Rückbesinnung auf Handwerk sowie auf natürliche, lokal nachwachsende Ressourcen erlebt seit einigen Jahren eine deutliche Renaissance. Das spüren wir auch im Museum: Unsere Strohflechtkurse sind oft ausgebucht, und wir erhalten regelmässig Anfragen von Designer*innen oder Design-Studierenden, die sich für die Arbeit mit Stroh interessieren. Darüber freuen wir uns sehr – und wir unterstützen solche Projekte auch gerne. Besonders eindrücklich war für mich die Resonanz auf den «Prix Paille»: Insgesamt haben sich 91 Designer*innen auf unsere Ausschreibung gemeldet. Erstaunt hat mich dabei vor allem die internationale Reichweite – die Ausschreibung wurde selbst in Ländern wie Indien oder der Ukraine wahrgenommen.
Gerade in einer Zeit, in der Fragen nach Nachhaltigkeit, Materialbewusstsein und handwerklicher Qualität wieder stärker in den Fokus rücken, gewinnen Materialien wie Stroh, Raffia, Bast oder andere geflochtene Pflanzenfasern neue Aktualität. Sie stehen für eine Verbindung von traditionellem Wissen, sorgfältiger Handarbeit und einem bewussteren Umgang mit Ressourcen. Gleichzeitig besitzen sie eine ästhetische und gestalterische Kraft. Darin liegt auch das grosse Potenzial der Strohflechterei: Sie ist historisches Kulturerbe und zugleich Inspirationsquelle für neue kreative Ansätze.
Wenn ich eine Kristallkugel hätte… Wir werden weiterhin daran arbeiten, das Museum und die Geschichte der Schweizer Stroh- und Hutgeflechtindustrie bekannter zu machen und noch stärker national zu verankern. Gleichzeitig ist es uns wichtig, ein lebendiges Museum zu bleiben – ein Ort, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern Menschen zusammenbringt und unterschiedliche Generationen anspricht.
Wir wollen das Erbe der Strohindustrie aktiv in die Gegenwart überführen. Dabei geht es uns nicht nur um die Bewahrung historischen Wissens, sondern darum zu zeigen, dass die Strohflechterei auch heute noch relevant ist. Uns interessiert, wie traditionelles handwerkliches Wissen neu aufgegriffen, reflektiert und weiterentwickelt werden kann. Nur wenn das Erbe aktiv weitergedacht und genutzt wird, bleibt es lebendig.
Das Strohmuseum in der ehemaligen Fabrikantenvilla von Rudolph Isler.
WOHLEN Schweizer Strohmuseum, Sa, 30. Mai, 14 Uhr (Jubiläumsfest); Sonderausstellung «Prix Paille»: 30. Mai bis 25. April 2027