«Kunst ist mein alternatives Vokabular»: Philipp Hänger
Unterwegs mit Philpp Hänger
Kaum steige ich aus dem Zug, kommt Philipp Hänger um die Ecke gebogen. Der Bahnhof Schönenwerd ist übersichtlich und deswegen entdecke ich den «Aarauer Stadtkünstler 2025» sofort. Nach der Begrüssung begeben wir uns auf den Weg zu seinem Atelier. Er erzählt, dass er bereits dort gewesen sei, um die Kaffeemaschine vorzuwärmen und die Heizung für unser Gespräch einzuschalten. Das ist doch schon mal ein guter Start.
Wir sind im selben Jahr zur Welt gekommen, aber unsere Wege haben sich bisher nicht gekreuzt, auch nicht in der Schule: Aufgewachsen ist Philipp im Kanton Baselland, in Gelterkinden. Seit etwas mehr als zehn Jahren lebt er nun im Herzen der Stadt Aarau. Seine Ausbildung zum Industriedesigner habe ihn damals dorthin verschlagen. Und dann sei er – mit kurzen Unterbrüchen – geblieben. Es gefalle ihm dort und in der vergleichsweise kleinen Stadt habe er alles, was er brauche und auch die Natur sei rasch erreichbar. «Aarau ist so angenehm kompakt.» Dennoch spiele er ab und zu mit dem Gedanken, mal nach Basel zurückzukehren. «In die Stadt oder aufs Land. Aber vielleicht ist das auch nur ein Hirngespinst», sagt er und lacht. Für seine kreative Arbeit bewege er sich gern in Grossstädten, um sie zu erforschen. Aber um diese Inputs dann verarbeiten zu können, müsse er nicht auch dort leben.
Wir sind mittlerweile in seinem Atelier. Der Raum im grossen Bally-Park-Gebäude, dessen Korridore fast Turnhallenformat haben, ist relativ klein und voller Regale, auf denen sich Gegenstände aller Art türmen. Es sind meist Dinge, die Philipp Hänger gefunden hat und die ihn interessieren, weil sie für ihn einen Mehrwert bieten. Als er mir einen zerbrochenen Rückspiegel eines Autos zeigt und erklärt, dass der Spiegel in ihm gesellschaftstheoretische Interpretationen auslöse, denke ich unweigerlich an den verzerrten und verklärten Blick «zurück» im übertragenen Sinn und an eine gesteuerte Geschichtsschreibung. Ihm geht es aber eher um soziokulturelle Aspekte oder Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen. Egal, welche Assoziationen ausgelöst werden: Was für eine spannende Herangehensweise, denke ich mir und konzentriere mich sogleich wieder auf das Hier und Jetzt im Atelier. Auffallend ist die Ordnung im Chaos, die mir Philipp Hänger auch in seinem Archiv – etwas versteckt hinter einigen Gestellen – präsentiert: haufenweise Kartonkisten mit Ausstellungsgegenständen früherer Projekte. Mit Bild und Text ist der Inhalt feinsäuberlich auf der Aussenseite der Kartons markiert. Genau in dem Moment, als ich diese Wand voller Utensilien sehe, begreife ich die Art und Weise, wie Philipp Hänger arbeitet. Er stellt nur selten abgeschlossene Arbeiten her, vieles wird zu einem späteren Zeitpunkt neu kontextualisiert und zum Leben erweckt. Seine Kunst ist ein ständiger Prozess, und der Künstler ist nur selten auf die Fertigstellung seiner Kunstwerke aus. Wie übergeordnet sein ganzes Werk an sich. Die Dinge verändern sich abermals in seinen Händen. «Auch wenn ich ab und zu eine Komposition oder eine Installation herstelle mit dem Ziel, sie wirklich abzuschliessen am Ende – mein Gesamtwerk bleibt in Bewegung.» Deswegen freut er sich sehr, als «Aarauer Stadtkünstler» im Rathaus viel Platz für seine Ausstellung zu haben. «Das gibt es höchst selten und ist eine schöne Chance, mein Werk zusammenhängend vorstellen zu können.»
Neben der Tatsache, dass jeder Gegenstand, der für seine Kunst in Frage kommt, in ihm eine Geschichte auslösen muss, sind ihm auch die Formen und Farben wichtig. Philipp Hänger drückt sich in und mit seiner Kunst aus. «Themen, die mich im Alltag beschäftigen, finden sich auch in meinen Werken wieder. Gedanken zur Nachhaltigkeit oder Gesellschaftspolitisches zum Beispiel. In der Spannung zwischen den Objekten liegt dann der beabsichtigte Inhalt.»
Schon als Kind habe er sich oft und gerne dreidimensional betätigt. Das habe ihn natürlich auch in seiner Berufswahl beeinflusst: Nach der Matura in Liestal hat er den gestalterischen Vorkurs an der Zürcher Hochschule der Künste absolviert und dann Industriedesign in Aarau studiert sowie den Master of Arts in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste gemacht. «Neben meinem Studium beschäftigte ich mich intensiv mit Fotografie.» Heute arbeitet er auch als Fotograf, dokumentiert Ausstellungen oder bezieht die Fotografie in seine eigene Kunst mit ein.
Philipp Hänger ist einer, der seine Worte mit Bedacht wählt, vermeintliche Widersprüche auch mal stehen lässt. Ich habe den Eindruck, dass er bewusst nicht jeden Aspekt des Lebens definieren und in eine Schublade stecken will. Vorschnelles Antworten auf philosophische, komplexere Fragen kommt ihm nicht in den Sinn. Natürlich macht er auch klare Aussagen. Dann, wenn es Fakten sind, die er verinnerlicht hat: «Kunst ist für mich eine Ausdrucksform, die mir liegt. Sie ist mein alternatives Vokabular.» Passend dazu heisst seine Ausstellung im Rathaus Aarau «Wanna Dance»: Es gehe um verschiedene Weisen, sich auszudrücken. Und um Freiheit und Sehnsüchte. «Beim Tanzen entfernt man sich genauso aus der Alltagswelt wie beim Betrachten von Kunst. Und beim Tanzen drückt man sich genauso aus, wie mit einem Gemälde oder einer Skulptur.» Mit seiner Raumgestaltung schafft er mehrfach Bezüge zum Thema Disco – als roter Faden von «Wanna Dance». Musik wird aber keine gespielt.
Wer sich auf die Ausstellung und das Werk von Philipp Hänger einlässt, begibt sich auf eine innere Reise. Auch ohne zu tanzen.
ZUR PERSON
Nichts steht still bei Philipp Hänger (*1982). Der in Aarau wohnhafte Künstler hat es nicht auf das «fertige» Objekt angelegt, sondern zielt auf Schwebezustand und Rastlosigkeit. Hänger studierte Industriedesign an der FHNW und Fine Arts an der ZHdK. Seine Arbeiten sind derzeit im Aarauer Rathaus zu sehen.
AARAU Rathaus, bis 14. Februar