Kunstgeschichte

SORRY, CINDERELLA

Von
Deborah Lara Schaefer

Geburtstag im Garten. Der Genfer Künstler, der noch nie für Lohn arbeiten musste, wird fünfzig, hat zweihundert Gäste eingeladen, und alle haben zugesagt. Über einer Feuerstelle dreht ein Lamm am Spiess. Falafel, Brot, Salat und Saucen am Buffet.

Ich verbringe das Fest in Sandalen aus Plastik, die mir zu gross sind. Tanze, übernehme eine Barschicht. Später, als ich meine wundgescheuerten Zehen dem Gastgeber zeige, sagt er: «Poor you, why don’t you wear socks in plastic shoes? Like a real German.»

«I’m not German, I’m from Berlin.» Er verdreht die Augen und schenkt mir Prosecco nach. «Sorry, Cinderella. Mais en vrai, t’es Suisse, non?»

Boy, sein Ehemann, nimmt mich ins Haus, um mich zu verarzten. Er ist Tänzer und spricht fünf Sprachen fliessend, darunter Zürideutsch. «Chasch no?!» Beim Wühlen im Erste-Hilfe-Kasten, zwischen Desinfektionsspray und Pflaster, purzeln uns mehrere Miniaturen entgegen: Ein Spitzenschuh, mit rosa Satin bezogen. Ein winziger Sneaker mit Markenlogo. Das Kampfstiefelchen, sogar ein Flip-Flop. Boy erklärt, seine Schwiegermutter habe im ganzen Haus Gegenstände versteckt, die Demenz sei bei ihr erst vor Kurzem diagnostiziert worden.

Nach dem Dessert verabschiede ich mich und entdecke beim Verlassen des Gartens eine weitere Miniatur: In den Büschen unter den Briefkästen klemmt ein Hochzeitsschuh aus weisser Keramik. Der Absatz ist abgebrochen.

Im Zug von Genf zurück nach Zürich lese ich das erste Buch von Sigrid Nunez zu Ende, in dem sie schreibt: «Ich habe es ihm nie gesagt. Er hat nie gefragt. Ich sage es ihm jetzt.» Und ich blättere durch »Wilde Theorien« von Pola Oloixarac. Suche die Stelle, an der sie schreibt: «Ich habe Pläne für diesen Mann.» Und sechzehn Seiten später: «Ich werde den Plan durchziehen. »

Deborah Lara Schaefer (*1995, Ennetbaden) ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt in Wien und Zürich. Ihr Theaterstück «Die Nation» (2023, mit ihrem Kollektiv posthelvetia entwickelt) wurde auf mehreren Bühnen in der Schweiz gespielt und mit dem Preis für Mehrsprachigkeit ausgezeichnet. 2023 erschien ihr Erzählband «Libido Lucid» im Verlag label rapace.