Sounds

Schwestern, Scheren, Strom

Von
Philippe Neidhart

Im Oktober gehört die Bühne im Kiff den Frauen: Les Reines Prochaines, Ġenn und Babe Haven bringen drei ganz unterschiedliche Formen von Widerstand zwischen Punk und Performance nach Aarau. Gemeinsam ist ihnen eine klare Haltung – und der Anspruch, sich musikalisch ihren eigenen Raum zu schaffen.

Seit 1987 pfeifen Les Reines Prochaines auf Konventionen. Das aktuelle Programm der drei Baslerinnen trägt den schnittigen Titel «Scissorhood» und verbindet poetische Songs, Performances und Projektionen zu einem multimedialen Gesamtkunstwerk – feministisch, politisch und mit kritischem Blick auf unsere Gesellschaft. Es geht um Solidarität unter Frauen, aber ebenso darum, die Welt selbst in die Hand zu nehmen und sie nach den eigenen Vorstellungen zurechtzuschneiden. Der anarchische Geist der Formation ist dabei ungebrochen. Die Musikerinnen singen, tanzen, rezitieren und wechseln munter die Instrumente – was dabei entsteht, ist ebenso verspielt wie provokant und beweist: Rebellion kennt kein Ablaufdatum. 

Starke Schwesternschaft

Während Les Reines Prochaines gesellschaftliche Konventionen mit Humor und subversiver Kunst auseinanderschneiden, wählen Ġenn einen deutlich düstereren Zugang. Das Quartett stammt ursprünglich aus Malta und ist mittlerweile in Brighton beheimatet. Gegründet wurde es in seiner heutigen Form im Jahr 2019, die Wurzeln reichen jedoch weit zurück: Sängerin Leona Farrugia und Gitarristin Janelle Borg kennen sich bereits seit ihrer Kindheit und sie begannen als Teenagerinnen gemeinsam zu musizieren – und diese Vertrautheit ist dem Debütalbum «unum» anzuhören. Mit ordentlich Punch verbindet die Art-Punk-Schwesternschaft 70ies-Psych-Rock mit Elementen aus maltesischem Folk und Alternative – inklusive Saxophon-Einsatz. Es ist ein Sound, der zwischen Melancholie, Unruhe und eruptiver Energie oszilliert – eigenwillig und einnehmend zugleich.

Gemeinschaft, Wut und Widerstand

Den Abschluss des weiblich geprägten Oktober-Dreiteilers bildet schliesslich Babe Haven aus North Carolina. Sie selbst bezeichnen sich als «High Energy Queer Punk Band», und das trifft es ganz gut: Stampfende Beats und brachiale Riffs dominieren das musikalische Spielfeld, Wut und Direktheit des Riot Grrrl verschmelzen mit Elementen des Nu Metal und Hardcore. Ihre Songs sind laut, konfrontativ und gleichzeitig als Einladung an jene gedacht, die sich in der traditionellen Rockwelt nicht immer repräsentiert fühlen: Frauen, queere Menschen und BIPoC. Babe Haven verstehen ihre Konzerte ausdrücklich als Safe Space für Empowerment und Gemeinschaft.

So unterschiedlich die drei Abende ausfallen, so deutlich wird ihre gemeinsame Haltung: Es geht nicht darum, in bestehende Räume hineinzupassen, sondern darum, sie selbst zu gestalten.