Ausstellung

Safety first?!

Interview:
Nicolas Hermann und Andrea Kučera

Typhaine Guillemot ist Geologin bei der Nagra und erforscht, wie radioaktive Abfälle künftig im Tiefenlager sicher gelagert werden können. Das Stapferhaus gibt Einblick in ihren Berufsalltag. Verschiedenen Portraits zu Expert:innen lassen die Besuchenden in unterschiedliche Sicherheitsdomänen eintauchen.

Mit «Sicherheit. Ein Risiko?» widmet sich das Stapferhaus Lenzburg in seiner neuen Ausstellung einem Thema, das unseren Alltag in mehreren Dimensionen durchzieht. Im Interview wirft die Zukunftsforscherin Gesine Weber ein Schlaglicht auf unser Sicherheitsempfinden in der angespannten Weltlage.

Gesine Weber, leben wir aktuell in besonders unsicheren Zeiten?

Es scheint mir schwierig, Sicherheit zu messen, weil Sicherheit auch ein Gefühl ist. In den 2010er-Jahren etwa war der Terrorismus ein Riesenthema. Ich studierte damals in Frankreich, das war kurz nach den Anschlägen von 2015 auf mehrere Ziele in Paris. Ein Beispiel zu den Sicherheitsbedenken und der Alarmierung damals: Wir durften nur durchsichtige Plastikwasserflaschen in die Universität mitbringen. Gleichzeitig ging global gesehen die Zahl der Terroropfer zurück. An diesem Beispiel zeigt sich, wie Gefahrenbewusstsein und Bedrohungslage voneinander abweichen können. Für die aktuelle Lage sehe ich das aber anders: Dass viele die heutige Zeit als besonders unsicher wahrnehmen, deckt sich mit der tatsächlichen Bedrohungslage.

Was macht denn die Welt derzeit so unsicher?

Es sind vor allem die Gleichzeitigkeit und die Verflochtenheit verschiedener globaler Entwicklungen. Da ist zum einen der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der mit hybriden Angriffen auf andere Staaten einhergeht. Wir wissen nicht, wo Russlands Expansionshunger endet. Da ist zum anderen der strategische Wandel der USA: Die aktuelle Regierung stellt die globale Ordnung zunehmend infrage und ist nicht mehr in dem Masse bereit, für die Sicherheit Europas aufzukommen, wie das frühere US-Regierungen getan haben. Hinzu kommen Unsicherheitsfaktoren wie die Klimakrise, in die wir sehenden Auges gelaufen sind. Das alles beeinflusst die Sicherheit in Europa negativ.

Gab es nicht zu jeder Zeit Stimmen, die die Gegenwart als besonders unsicher einstuften?

Im Kalten Krieg etwa stellte die atomare Bedrohung ein riesiges Risiko dar. Es gab auch im Kalten Krieg Phasen, in denen die Welt näher an der Eskalation war, gefolgt von Phasen, in denen die Bedrohung weiter weg war. Dann folgten die 1990er-Jahre, die – global gesehen – mit einem Rückgang der Zahl der Konflikte einhergingen. Es gab zwar weiterhin regionale Konflikte, aber die Grossmächte waren weniger stark in einer Form involviert, die das Risiko direkter Konfrontation bedeutete. Heute ist das anders: Die Grossmächte sind wieder stärker beteiligt, und das stellt für Europa eine grosse Herausforderung dar. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Fatalismus fehl am Platz ist. Es gibt immer Raum für positive Entwicklungen.

Gleichzeitig sind die Zeitungen voller Negativschlagzeilen. Wie kann man da optimistisch bleiben?

Tatsächlich zeichnen Expert:innen in den Medien oft ein eher dunkles Bild der Zukunft – und es ist auch richtig und wichtig, Risiken und Herausforderungen aufzuzeigen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine gab es zum Beispiel viele Stimmen, die sagten, die Ukraine werde das erste Kriegsjahr nicht überleben. Es kam bekanntlich anders. Die Ukraine ist bis heute nicht komplett annektiert worden. Dieses Beispiel zeigt, dass es gerade in unsicheren Zeiten wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen, dass ein anderer Ausgang möglich ist. Ohne naiv zu sein. In der Berichterstattung zur Klimakrise etwa wäre es naiv, den Leuten vorzugaukeln, alles werde gut, wenn gleichzeitig Wälder brennen, die Grundwasserspiegel sinken und Menschen an der Hitze sterben. Es geht vielmehr darum, sich bewusst zu machen, dass die Zukunft gestaltbar ist und auch über alternative Zukünfte nachzudenken. Auf Englisch nennt man das «Futures Thinking», und eine oft verwendete Methode sind Szenarien.

Können Sie das etwas ausführen?

Szenarien zeigen, dass sich die Zukunft in verschiedene Richtungen entwickeln kann. Sie helfen uns einerseits zu verstehen, welche Zukunft nach aktuellem Kenntnisstand am wahrscheinlichsten ist. Andererseits lautet die Botschaft immer auch: Das ist nicht das einzige mögliche Szenario. Ihr könnt Einfluss nehmen. So können selbst Negativszenarien Menschen die Angst nehmen.

Gesine Weber ist Politikwissenschaftlerin und forscht am «Center for Security Studies» (CSS) der ETH Zürich. Sie berät regelmässig Regierungsinstanzen und internationale Organisationen.

Sie haben in Ihrem beruflichen Werdegang bereits oft mit der Szenariotechnik gearbeitet, unter anderem in Workshops mit Regierungsinstanzen weltweit. Wie gehen Sie da vor?

In der Regel versucht man, Ministerien mit Expert:innen aus Thinktanks zusammenzubringen. Dann präsentiert man ein mögliches Szenario in einer bestimmten geopolitischen Situation und fragt: Was muss passieren, damit das eintritt?

Welche Entscheidungen müssen getroffen werden, wo war man vielleicht inaktiv?

Diese Methode nennt man «Backcasting». Ziel dieser Übung ist zu realisieren, dass zwischen dem Ist-Zustand und dem möglichen, negativen Ausgang viele Schritte liegen. So gelangt man zum Scharnier, an dem man ansetzen muss, damit es eben nicht so weit kommt wie im Szenario beschrieben. In der Zukunftsforschung nennt man das «Call for Action».

Was spricht dagegen, mit Positivszenarien zu arbeiten? Warum sich keine wünschbare Zukunft vorstellen und sich fragen, wie man dahin gelangt?

Grundsätzlich nichts. Aber das Denken in Eskalationslogiken hat sich im Sicherheitsbereich bewährt. Negativszenarien sind immer gut, um die Leute intellektuell zu pushen. Sie sind auch gut, um ins Handeln zu kommen. Bei einem Positiv szenario ist der Handlungsdruck geringer.

Oft kursieren in den Medien Szenarien, die mit konkreten Wahrscheinlichkeiten agieren: Der Angriff Russlands auf ein Nato-Land sei zu so und so viel Prozent wahrscheinlich, heisst es zum Beispiel. Was halten Sie von solchen Zahlen?

Ich halte das für unseriös. Im Sicherheitsbereich ist es sehr schwierig, Annahmen zu beziffern. Eine Biologin kann ein Experiment im Labor sechsmal unter den gleichen Rahmenbedingungen wiederholen und gelangt bei gleichem Versuchsaufbau hoffentlich sechsmal zum gleichen Ergebnis. In den Politikwissenschaften und in der Zukunftsforschung können wir das nicht. Die Welt ist unser Labor. Es gibt immer Variation. Es gibt nie zwei Konflikte, die komplett vergleichbar sind. Wir können sagen, welcher Ausgang auf Basis aktuellen Wissens wahrscheinlich oder unwahrscheinlich erscheint. Weil am Ende so viele menschliche Entscheide den Lauf der Dinge beeinflussen können, wäre es unseriös, zukünftige Entwicklungen auf die Kommastelle genau zu beziffern.

Frustriert Sie diese Ungenauigkeit?

Im Gegenteil. Für mich macht genau das den Charme meines Forschungsgebietes aus. Für Naturwissenschaftler:innen ist oft schwierig zu verstehen, wie wir in diesen Unsicherheitsfaktoren operieren können. Mich reizt hingegen genau das: dass wir die Zukunft nicht voraussagen können. Zukunft ist ein unbeschriebenes Blatt. Das öffnet Raum für Krea tivität, nicht nur in der Arbeit, sondern auch im Privaten. Persönlich stelle ich mir zum Beispiel gerne vor, wie die Strasse, in der ich wohne, in fünf oder zehn Jahren aussehen wird. Gibt es an der Ecke noch einen Hipster-Coffeeshop mehr? Wird die Strasse verkehrsberuhigt sein? Oder sind alle weggezogen und es wird eine neue Schnellstrasse gebaut? «Futures Thinking» kann jeder und jede für sich zu Hause machen. Ich empfehle das allen. Nicht immer muss ein direkter Nutzen in Form einer Handlung daraus resultieren. Das Ziel kann auch einfach sein, offen zu sein für Möglichkeiten. Einen Schritt zurückzugehen, um nach vorne zu schauen, hilft, die Angst vor der Zukunft abzulegen.

Woher rührt eigentlich Ihr Optimismus?

Vielleicht ist es mein noch vorhandener jugendlicher Leichtsinn, der hier spricht. Aber ich bin tatsächlich der Meinung, dass es gute Gründe gibt zu denken, dass sich Dinge zum Besseren wenden können. Nehmen wir zum Beispiel die Kuba-Krise: Wenn man im Oktober 1962 gefragt hätte, ob wir in zehn Tagen noch hier sind oder ob wir einen Nuklearkrieg haben, dann hätten viele Menschen nicht so optimistisch geantwortet. Viele dachten damals, das müsse eskalieren. Doch es kam anders. Dasselbe gilt für das europäische Projekt: Die Gründung der Europäischen Union verlief komplett entgegen dem, was wir hätten annehmen müssen. Deutschland und Frankreich waren Erzrivalen seit Jahrhunderten. Die ganze historische Evidenz deutete darauf hin, dass sich diese zwei Länder wieder bekriegen werden. Doch die Geschichte hat uns eines Besseren belehrt. Das ist eine sehr starke, positive Nachricht, die wir öfter senden sollten.

Das Interview ist ein gekürzter Auszug aus der Begleitpublikation zur Ausstellung.

Die Sicherheit – ein Spannungsfeld

Es sind zwei Pole, die miteinander beinahe unauflöslich verflochten sind: die Sicherheit und das Risiko. Beides gibt es selten zusammen. Das eine überwiegt meistens auf Kosten des anderen: In der Finanzwelt steigt der Gewinn (oder der Verlust), je höher das Risiko. Im Sport verleitet die Lust nach Adrenalin zu kalkulierten Grenzüberschreitungen. So ziemlich jeder Aspekt unseres modernen Lebens hat einen Sicherheitsaspekt, von der Wahl des richtigen Geschenks, über die Ernährung, bis zur Partnerwahl und Karriereentscheidungen. «Wie viel Sicherheit wir brauchen und welche Risiken wir eingehen wollen, darauf gibt es keine einfachen Antworten. Die Ausstellung eröffnet vielfältige Perspektiven und zeigt, dass die Balance zwischen Sicherheit und Risiko immer wieder neu ausgehandelt werden muss», sagt Sonja Enz, künstlerische Co-Leiterin des Stapferhauses. Neben diesen persönlichen Dimensionen räumt die Ausstellung auch der gesellschaftlichen, eben sicherheitspolitischen Ebene gebührend Raum ein. Denn der Mensch und Gemeinschaften brauchen eine Grundkonstante an Sicherheit, um sich konstruktiv zu entwickeln, und gleichzeitig wohl auch nicht zu viel, um nicht zu stagnieren. Eine zentrale Aufgabe und stetiger Streitpunkt der Politik ist bekanntlich, wie das Verhältnis zwischen Sicherheit und individuellen, kollektiven Freiheiten austariert werden soll. Bei der Kernenergie, in der Überwachung des öffentlichen Raumes, bei den Eigenkapitalreserven der UBS, bei Naturgefahren. In der Recherche zur Ausstellung hat das Team des Stapferhauses mit einer Vielzahl unterschiedlicher Expert:innen gesprochen: Eine Basejumperin, ein Militärkader, eine Forensikerin und viele andere haben ihre Perspektiven eingebracht. Entstanden ist eine Ausstellung, die unsere oft unhinterfragten Sicherheitsrelationen ins Licht rückt und zum Weiterdenken anregt. Sie ist dialogisch-partizipativ angelegt: Die Besuchenden sind eingeladen, sich in den Spannungsfeldern zu verorten und zu den Problemstellungen Position zu beziehen. Über die vielen spielerischen Elemente finden auch Kinder und Schulklassen einen Zugang zu dieser weitgreifenden Dialektik. Gerade in der Zeit der angespannten Weltlage öffnet das Stapferhaus einen wichtigen inklusiven Reflexionsraum für Jung und Alt. Von Michael Hunziker

LENZBURG Stapferhaus, ab So, 8. November (Eröffnung) 

stapferhaus.ch

Sicherheit. Ein Risiko?

Sonntag, 08. November 2026

09:00 – 17:00 Uhr
Stapferhaus
Lenzburg