Viele Kulturschaffende können nicht von ihren künstlerischen Projekten leben: Joëlle Simmen
Eine Untersuchung unter Kulturschaffenden zeigt auf, mit wie viel Unsicherheit ihr kulturelles Engagement verbunden ist und welche Faktoren zu einer Professionalisierung beitragen können.
Richtgagen, Sozialabgaben, Selbständigkeit, soziale Absicherung. Die Debatte der letzten Jahre hat gezeigt: Kunst- und Kulturschaffende wollen faire Arbeitsbedingungen und eine gerechte Entlöhnung für ihre Arbeit. Der vom Migros-Kulturprozent Sparx beauftragte und vom Studienangebot Kulturmanagement der Universität Basel verfasste Bericht «From creativity to profession» bietet einen fokussierten Einblick in die Berufsrealität von Kunst- und Kulturschaffenden. Er beleuchtet, welche Faktoren eine Professionalisierung begünstigen oder erschweren und zeigt, dass die Arbeitswelt im Kulturbereich von Unsicherheit und prekären Bedingungen geprägt ist.
Der Bericht stellt fest, dass Professionalität im Kulturbereich weit mehr umfasst als künstlerische Qualität. Organisatorische und administrative Fähigkeiten, Kommunikationsstärke und externe Faktoren wie die Anerkennung eines professionellen Netzwerks sind entscheidend, um längerfristig als Kulturschaffende zu arbeiten. Doch gerade diese Kompetenzen werden oft erst im Berufsalltag erworben, da sie in der Ausbildung häufig unzureichend vermittelt werden. Kunst- und Kulturschaffende haben angegeben, dass sie sich in rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Fragen oft unzureichend vorbereitet fühlen. Themen wie Fundraising, Projektmanagement oder soziale Absicherung kommen in der Ausbildung an Kunsthochschulen oft zu kurz. Kunst- und Kulturschaffende zeigen deutlich, dass sie gewillt sind, sich in diesen Bereichen selbst weiterzubilden. Insbesondere selbständiges Lernen wird dabei von Kulturschaffenden präferiert. Dieses Bedürfnis nach Weiterbildung, kann von unterschiedlichen Akteur*innen proaktiv bedient werden, um eine breite Kompetenzbildung bei Kulturschaffenden zu unterstützen.
Der Bericht zeigt auch, wie schwierig es ist, sich in einem Umfeld zu behaupten, das von strukturellen Herausforderungen geprägt ist. Die Mehrheit der befragten Kunst- und Kulturschaffenden steht vor der Herausforderung, nicht von ihren künstlerischen Projekten leben zu können. Es ist Teil ihres Alltags, mehrere Beschäftigungen gleichzeitig auszuüben und so zusätzliche Einkommensquellen zu er schliessen. Diese Realität von Mehrfachbeschäftigungen verdeutlicht die Notwendigkeit, die Rahmenbedingungen für Kulturschaffende zu verbessern und so nachhaltige Perspektiven für die künstlerischen Berufe zu eröffnen.
Die Auseinandersetzung mit der Professionalisierung von Kunst- und Kulturschaffenden lässt sich in einer Frage zusammenfassen: Wie können Kunst- und Kulturschaffende für die Zukunft gestärkt werden? Die Universität Basel zeigt im Bericht, dass für die Beantwortung dieser Frage vernetzte Lösungen gefragt sind. Sie heben hervor, dass es ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen aller Akteur*innen braucht, um die Herausforderungen der Berufsrealitäten im Kulturbereich anzugehen. Dazu gehören Ausbildungsstätten, Verbände, Förderinstitutionen genauso dazu wie die Kulturschaffenden selbst.
Das Handlungsfeld «Kultur als Arbeitswelt» der eidgenössischen Kulturbotschaft 2025 bis 2028 gibt die entsprechen de politische Grundlage, um gemeinsam die Zukunft der Kunst- und Kulturschaffenden zu stärken und die Bedingungen ihrer Arbeitswelt weiterzuentwickeln. Wenn die strukturellen Herausforderungen aktiv angegangen wer den, wird nicht nur die Existenz der Kulturschaffenden gesichert, sondern auch die kulturelle Vielfalt gestärkt.
Zur Person
Joëlle Simmen leitet Migros-Kulturprozent Sparx. Ihr Fokus liegt auf der Förderung von jungem Schweizer Kulturschaffen sowie auf fairen, ko-kreativen Förderpraxen. Von Joëlle Simmen