Burek und Ćevapčići am Quellenplatz, durch die deckenhohen Fenster prallt die Mittagssonne. Vier Service-Roboter rollen lächelnd und blinkend durch das Lokal, ich beobachte mehrere Gäste dabei, wie sie nach dem Essen 50-Cent-Stücke auf ihren Tabletts liegen lassen. Als ich den Mitarbeiter hinter dem Tresen entdecke, der die Tabletts entgegennimmt und die Essensreste samt Trinkgeld in den Müll kippt, lege ich einen 5-Euro-Schein dazu.
Am Nachmittag beim Friseur läuft KI-generierte Musik, die Praktikantin massiert meinen shampoonierten Schädel.
Wow! Das sind ja viele Babyhärchen. Hatten Sie Haarausfall?
Ja. Vom Stress. Ich arbeite als Künstlerin. Zu viel, und verdiene zu wenig. Sie lacht und sagt: Ich auch.
Ich verlasse den Salon mit einer formidablen Föhnfrisur und bewerte den Besuch auf Google mit fünf Sternen.
Am Abend hole ich eine Freundin am Hauptbahnhof ab, die sich vor Kurzem getrennt hat. Als wir wenig später Pho-Tofu-Suppen schlürfend in einem Lokal im 6. Bezirk sitzen, winkt sie plötzlich einem Mann auf der Strasse zu. Er kommt näher, stellt sich vor. Blickkontakt, Outfit-Komplimente. Meine Freundin erklärt ihm, dass sie sich von der Dating-App Hinge kennen.
Du hast mir nicht mehr geantwortet.
Stimmt! Sorry!
Sie fragt, ob sie heute Nacht bei ihm schlafen könne. Er sagt, er habe ein kleines Kind zuhause. Ich auch, sagt sie und zeigt ihm den Mittelfinger. Als er ausser Sichtweite ist, beginnt sie zu weinen. Auf dem Nachhauseweg hakt sie sich bei mir ein und entschuldigt sich.
Ich hätte früher damit anfangen sollen, Konflikte direkt auszutragen…
Deborah Lara Schaefer (*1995, Ennetbaden) ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt in Wien und Zürich. Ihr Theaterstück «Die Nation» (2023, mit ihrem Kollektiv posthelvetia entwickelt) wurde auf mehreren Bühnen in der Schweiz gespielt und mit dem Preis für Mehrsprachigkeit ausgezeichnet. 2023 erschien ihr Erzählband «Libido Lucid» im Verlag label rapace.