Unsere Autorin Eva Seck sucht Orte der Kunst auf und eröffnet ein Ratespiel: Wo sind wir hier?
Einst wurde der rechte Teil des Gebäudes – ein 50er-Jahre-Wohnhaus – von einem lokalen Künstler bewohnt. Sein Haus ging direkt in sein Atelier über und das Atelier in den später angebauten Ausstellungsraum. Nur die unterschiedlichen Böden zeigen an, wo sich einst welche Szenen abgespielt haben: Der Werkraum. Die Giesserei. Das Atelier. Seine abstrakten Plastiken stehen noch heute in internationalen Museen sowie im hauseigenen Bistro – dem ehemaligen Atelier – und prägen sich in das Bewusstsein der Betrachtenden ein. Er sprach die Sprache der Metalle und verstand sich als experimenteller Alchemist, begriff seine Kunst als fortwährende Bewegung, in die sich zeitgenössische Künstler*innen mit ihren eigenen dreidimensionalen Werken einfügen, wenn sie die angrenzenden Ausstellungsräume bespielen. Im Parterre des Museums hängen Stoffe mit einer filigranen Struktur und einem eigentümlichen Glanz an den Wänden. Gewebt wurden sie aus Kassettenbändern, wie ich zu meinem Erstaunen erfahre. Und wie erst die Models an der Modenschau, gekleidet in den von der Künstlerin gestalteten Kostümen, von der Galerie die Treppen hinab und in den angrenzenden Garten geschritten seien! Ein Fest sei das gewesen. Ich glaube es der herzlichen Frau vom Empfang sofort. Die älteren Besucher*innen, fährt sie fort, berichteten noch heute, dass der lokale Künstler vor vielen Jahren ihr Kunstlehrer gewesen sei. Sie kämen dann ins Erzählen und ins Schwärmen. Dies ist einer dieser unersetzlichen Kunstorte in Kleinstädten und Dörfern, oftmals von lokalen Kunstschaffenden ins Leben gerufen, die als Vermächtnis und Erbe dienen. Sie werden weiter bespielt von den Jüngeren, den Nachkommenden, und lebendig gehalten in der Erinnerung jener, die mit den Kunstschaffenden bekannt waren. Oben finde ich Gefässe und Ammonite, Echsen und Tausendfüssler. Die Licht-, Duft-, Klang- und Textilskulpturen verbinden sich nicht nur wegen der Motive, sondern auch wegen der verwendeten Materialien – Erde, Fossilien, Wildpflanzen – mit dem nahegelegenen Jurapark. Durch einen Vorhang gehe ich wie in ein Schneckengehäuse hinein, dringe ins Innerste vor und von dort hinaus ins Äusserste: in den Skulpturengarten. Ein Ökosystem aus Kunst und Natur, aus Metallskulpturen und Pflanzenkulturen, aus kleinen Lebewesen, Ästen und Steinen. Dieser Ort ist ruhig und lebendig zugleich, ein Lebens- und Erfahrungsraum. Er lässt innehalten und an die Kreisläufe denken, die unser Leben bestimmen.
WO SIND WIR HIER?
Im ganzen Aargau verteilt finden sich Galerien und Kunsträume. Eva Seck besucht sie für uns und schreibt ein poetisches Rätsel. Haben Sie herausgefunden, wo sie dieses Mal war? Die Auflösung finden Sie exklusiv in der Printausgabe.