Kunstgeschichte

Nonna bellt

Von
Deborah Lara Schaefer

Zentralbühne am Zürcher Theaterspektakel. Ich zwänge mich auf einen leeren Platz, neben mir ein achtjähriges Mädchen und ihr kleiner Bruder. Es geht los. Zum Sound schmelzender Gletscher werden Fr. 2.50 in Schüsseln im Kreis gedreht, die Künstlerinnen singen: «Gang rüef de Riiche, gang rüef de Arme, si söllid all in Stall ie cho!»

Das ist Talerschwingen à la Posthelvetia. Little Mountaingirl klebt sich ein Bärtchen ans Kinn, erzählt uns die Fabel von der nimmersatten Ziege und hisst das verzerrte, von Hand auf purpurroten Stoff genähte Schweizer Kreuz. Als Little Mountainboy die Nationalfahne sieht, bricht er in Panik aus. «Nooooooooooooonnaaaaaa!» «What’s wrong, my little mountain boy?»

«Nonna, I realized that I have a penis!» «O! Well that’s totally okay, I also have a penis.» «But now I will have to go to military!» «No, no», schüttelt Nonna den Kopf und greift nach dem Omnichord. «We’ll figure that out together».

Als das Publikum von der posthelvetischen Familie zur Wiedergabe von Tiergeräuschen animiert wird, um der Militärpflicht zu entgehen, höre ich die Geschwister neben mir begeistert losbellen. Wir grinsen uns an. Applaus. Auf der Fahrt zurück nach Wien machen wir Halt in Oberbayern. Die raumtrennende Sitzgarnitur der Bäckerei ziert ein mehrere Meter langes Plexiglas, ein Wikipedia-Artikel über eine Schlacht, die in der Ortschaft stattgefunden hat, «die letzte grosse Ritterschlacht ohne Feuerwaffen. » Wir bestellen Zwetschgenkuchen. «Darf Rahm dazu?», fragt die Angestellte. «Wuff!», nicke ich.

Deborah Lara Schaefer (*1995, Ennetbaden) ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt in Wien und Zürich. Ihr Theaterstück «Die Nation» (2023, mit ihrem Kollektiv posthelvetia entwickelt) wurde auf mehreren Bühnen in der Schweiz gespielt und mit dem Preis für Mehrsprachigkeit ausgezeichnet. 2023 erschien ihr Erzählband «Libido Lucid» im Verlag label rapace.