History

Möbelkunst und Ikea-Knick

Interview
Michael Hunziker

Die DS-600 Snake schlängelt sich um einen Saurier: Der Designklassiker von de Sede, 1972.

Wer sich mit den Möbeln einer Region und einer bestimmten Zeit auseinandersetzt, erfährt nicht nur viel über Handwerk und Produktion, sondern auch etwas über Menschen, Lebensverhältnisse und Weltauffassungen. Genau das hat der Autor und Wirtschaftshistoriker Dieter Pfister für Museum Aargau getan. Wir haben uns mit ihm unterhalten, über vermeintlichen Ramsch, Pioniergeist und die Wohnkultur vor und nach 1968.

Wie entstand die Idee, über die Aargauer Möbelindustrie ein Buch zu schreiben?

Seit meinem Studium beschäftige ich mich aus historischer und soziologischer Perspektive mit Möbelherstellung, -marketing und -handel. Ich bin also seit den 1980er-Jahren ins Thema reingewachsen und habe viel dazu publiziert. Ruedi Velhagen vom Museum Aargau hat mich dann für die Reihe «Industriegeschichte» eingeladen, mich mit der Geschichte der hiesigen Möbelproduktion auseinanderzusetzen.

Sie sind aber nicht mit den Möbel-Pfisters verwandt?

Nein, aber unsere Familien kennen einander und wir sind seit über einem halben Jahrhundert freundschaftlich verbunden.

Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen. Die meisten Firmen gibt es ja nicht mehr …

Eine zentrale Person war für mich Peter Brack, der als Restaurator für Museum Aargau Möbel und Dokumentationen dazu gesammelt und archiviert hat. Sein Wissen hat mir viel geholfen. Nach der grundlegenden Archivarbeit bin ich auf die noch existierenden Firmen zugegangen und habe Interviews geführt.

Weshalb hat sich gerade im Aargau eine solch starke Industrie gebildet?

Ich muss vorausschicken, dass der frühe Möbelbau eine sehr dezentrale Geschichte ist. Möbel sind schwer und schwierig zu transportieren, daher wurden sie lokal angefertigt und es gab in der Schweiz um 1900 herum unzählige Möbelschreinereien, die den regionalen Markt bedienten. Im Aargau mit seinen mittelgrossen Städten, der geografischen Lage mit Wäldern und Flüssen und dem sich entwickelnden oberen Mittelstand bildete sich ein interessantes Cluster heraus, das damals in der Schweiz seinesgleichen sucht. Hier hat sich etwas zusammengeballt.

Inwiefern?

Einerseits bestand ein guter Markt durch eine einkommensstarke Schicht, die für ihre «Aussteuer» qualitatives, modernes Handwerk nachfragte. Der Untertitel des Buches heisst nicht zufälligerweise «Die Qualität des Unauffälligen». Diese Menschen wollten keinen Protz, aber dennoch stilvolle, funktionale und langlebige Möbel. Andererseits wurde durch diese Wertschöpfungskette über die Jahrzehnte auch Innovation angestossen. So gründete Fred Fahrni mit Jean Frick-Keller in Klingnau die erste Spanplattenfabrik der Welt. 1950 waren dort 200 Personen angestellt. Die Novopan und Kellco-Platten sind zur globalen Marke geworden.

Wer waren die Menschen hinter den Möbeln?

In der frühen Phase, sprich nach 1870, haben wir es mit Familienbetrieben zu tun, bei denen die Möbelzeichnenden anonym blieben. Es finden sich keine Lohnlisten mehr in den Archiven. Erst in der Design-Euphorie nach dem zweiten Weltkrieg traten die Kreativen in den Vordergrund. Und ab den 1950er-Jahren, mit der Industrialisierung, der seriellen und maschinellen Möbelproduktion stehen Menschen vornehmlich aus Südeuropa an den Maschinen und werden Teil der Aargauer Möbelgeschichte.

Gibt es so etwas wie den Ikea-Knick? Viele Firmen haben die Nullerjahre des 21. Jahrhunderts nicht erreicht.

Ja, in der Tat. Als Ikea in Spreitenbach 1973 weltweit die erste Filiale ausserhalb Skandinaviens eröffnete, befand sich die Welt im Nachgang von 1968 in einem Paradigmenwechsel, der die gesamte Wohnkultur veränderte. Man bedenke, dass im Kanton Zürich noch das Konkubinatsverbot herrschte und viele junge Menschen deshalb in den Aargau zogen. Ingvar Kamprad, der Ikea-Gründer, hatte die Nase, diese Menschen als potenzielle Kundschaft zu erkennen. Möbel-Pfister und andere hatten damals immer noch das Geschäftsmodell der Aussteuer, im Sinne: Ich heirate nur einmal und kaufe nur einmal Möbel. Die Firma lancierte sogar mit der Berner Kantonalbank ein Sparbüchlein. Aus ökologischer Sicht zwar nachhaltig, aber dieses Modell entsprach nicht mehr dem Zeitgeist. Zudem haben wir in der Schweiz durch die Abwesenheit der Weltkriege eine dichte Objektsubstanz, die vererbt wird. Die Nachfrage nach Möbeln aus hiesiger Produktion ging auch deshalb zurück.

Wie blicken Sie als Möbelliebhaber auf diese Entwicklungen?

Für mich ist es sehr schmerzhaft zu sehen, was heute von den frühen Möbeln alles weggeschmissen oder verramscht wird. Das waren zum Teil individuelle Anfertigungen, noch vor der seriellen Produktion. Diese Möbel sind gebaut, um viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zu funktionieren. Daher hoffe ich, mit meiner Arbeit das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die vielen Objekte, die im Keller und Estrich stehen, neu bewertet, neu betrachtet werden. Zumal es auch die Zeugen einer Zeit sind und sie somit doppelten Wert haben.

ZUR PUBLIKATION

In «Möbelindustrie und -handel seit 1870. Die Qualität des Unauffälligen» folgt Dieter Pfister neben Designklassikern auch den stillen Möbeln, die in Wohnzimmern und Büroräumen standen. Er zeichnet die Entwicklung der Möbelproduktion nach, vom Handwerk bis zur industriellen Fertigung. Dabei sind die Möbel stets auch Ausdruck einer zeitspezifischen Mentalitätsgeschichte. Das Buch basiert auf der Möbelsammlung, die Museum Aargau in den vergangenen 20 Jahren akribisch aufgebaut hat. Ein Grossteil der Möbel wird im Sammlungszentrum Egliswil konserviert – die Publikation macht diesen «Möbelschatz» nun der Öffentlichkeit zugänglich. Sie bildet den 3. Band aus der Reihe «Aargauer Industriegeschichten». Museum Aargau als Herausgeber beleuchtet darin die Geschichte einzigartiger Firmen und Branchen aus dem Kanton Aargau.

ZUR PERSON

Dieter Pfister (*1955) studierte Kunst- und Architekturgeschichte, Soziologie und Betriebswirtschaft. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze. Ein Schwerpunkt liegt auf der Schweizer Möbelgeschichte und Wohnkultur.