Mit verschmitzter Schlingelhaftigkeit

Von
Walter Ruggle

Im März dieses Jahres wäre Bruno Ganz 85 Jahre alt geworden. Das Kino Orient in Baden widmet dem Schweizer Schauspieler mit einer Film- und Gesprächsreihe eine Hommage. Walter Ruggle schreibt hier über den Karriereanfang des Ausnahmekünstlers.

In den frühen 1960er-Jahren besucht Bruno Ganz das Zürcher Bühnenstudio (heute Hochschule der Künste) und hat über Karl Suter und Kurt Früh die ersten Filmengagements. Wenn die Rolle von Fred Weber in «Es Dach überem Chopf» auch nicht eine Hauptrolle ist, so doch die gewichtigste Nebenrolle mit prägender Präsenz. Er entscheidet sich, nach Deutschland zu fahren und sich dort ein bühnentaugliches Hochdeutsch anzueignen, was er, wie alles, was er tut, mit innerer Überzeugung und Präzision angeht. Das Schweizerdeutsch verlernt er natürlich nie, mit dem Schweizerdeutschen spielte er auch in deutschen Filmen immer wieder, aber er schafft es, so sehr als deutschsprachiger Schauspieler wahrgenommen zu werden, dass es vorkommt, dass in Deutschland gefragt wird, wer denn den Bruno Ganz synchronisiert habe, wenn er in einem Film Schweizerdeutsch spricht.

An den Kurzfilmtagen in Oberhausen 1962 präsentieren 26 Filmschaffende ein Manifest, in dem sie «Papas Kino» für tot erklären und dafür plädieren, einen neuen deutschen Film zu schaffen und diesen in Unabhängigkeit gedeihen zu lassen. Initiant ist der Münchner Filmemacher Haro Senft. Er nimmt den Bühnenschauspieler Bruno Ganz wahr und dreht mit ihm und der Schauspielerin Verena Buss 1966 seinen ersten Spielfilm: «Der sanfte Lauf». Ganz kommt so zur ersten Filmhauptrolle, und es ist eine zweite Figur nach Mass, die mit ihrer zurückhaltend verschmitzten Schlingelhaftigkeit irgendwie perfekt zu ihm passt. Bernhard Kral, ein junger Mann, der aus Prag stammt, aber in München lebt, ist aus dem Studium als Elektroingenieur ausgeschlossen worden, weil er einen Neonazi unsanft angefasst hat und auf Bewährung verurteilt wird. Nun arbeitet er in der Versandabteilung eines Elektrohändlers und hilft der Frau seines Freundes im Antiquitätengeschäft. Hier verknallt er sich eines Tages in die junge Besucherin Johanna Benedikt, der er sich staunend annähert, kaum hat sie den Laden betreten. Sie blicken einander gehemmt an, die Kamera geht näher an die Figuren heran und Bernhard neigt sich Johanna zu und sagt in einer Direktheit, die danach noch den ganzen Film prägen wird: «Sie gefallen mir.» Klar, da beginnt eine Liebesgeschichte, die ich noch heute zu den zartesten des deutschen Kinos zähle, die eine jugendliche Frische ausstrahlt und gleichzeitig von einem gesellschaftlichen Klima erzählt. «Der sanfte Lauf» wirkt wie ein gutes Stück Jazz, Senft variiert Lebensmomente und Verliebtheiten. Es geht nicht lang, und da finden sich die beiden im Bett wieder in einer Liebessequenz, die sich auf ihren Gesichtern abspielt und in der Zärtlichkeit der Hände. Das ist überraschend für die Zeit.

Verena Buss spielt die Johanna. Die junge Schauspielerin hat zu diesem Zeitpunkt bereits mit Peter Lilienthal «Der Beginn» gedreht; sie spielt in «Der sanfte Lauf» die Tochter aus sogenannt gutem Haus, ein verwöhntes Mädchen, das sich in den Burschen aus einfachen Verhältnissen verknallt. Bruno Ganz schenkt ihr in der Rolle des Liebhabers seinen ganzen Charme, die Verspieltheit und die spürbare Lust am Spiel. Dass er bei Frauen gut ankommt, braucht er nicht nur zu erzählen – man sieht, er weiss es. Buss und Ganz erscheinen als die ideale Besetzung in einem Film, der die Atmosphäre der Zeit in allen Facetten zu erfassen versucht, und dies in einer respektvollen und unaufdringlichen Art, auch wenn er mit dem Abstecher der beiden nach Prag vor Augen führt, was der Eiserne Vorhang bedeutet, hüben wie drüben. Der Regisseur sagt von seinem Helden: «Vor die Frage gestellt: Kapitulation oder Aufstand, entscheidet er sich für die Ironie.» Der Film ist ein Zeitbild der Jugend Ende der 1960er-Jahre, und zwar jenes grösseren Teils, der sich zwar wehren mag, aber nicht lauthals von sich reden macht.

DAS BUCH

«Schau Spiel Bruno Ganz»

Bruno Ganz (1941–2019) war einer der bedeutendsten Schauspieler Europas. Walter Ruggle, der langjährige Leiter der Stiftung trigonfilm und Verantwortlicher fürs Programmkino Orient in Baden-Wettingen, hat ein Buch über das Leben und Schaffen von Bruno Ganz geschrieben. Der obige Text ist ein kurzer Auszug daraus. Das Buch erscheint Ende März bei Scheidegger&Spiess.

DIE FILME

Der Filmtreff Kino Orient präsentiert zum 85. Geburtstag des Schauspielers Bruno Ganz eine Hommage. Gezeigt werden seine Lieblingsfilme und am 19. und am 26. März sind zudem Schauspielerin Verena Buss (Der sanfte Lauf) sowie Regisseur Fredi M. Murer (Vitus) zu Gast.

DER SANFTE LAUF (Haro Senft, DE 1967)

Do, 19.3., 19.30 Uhr, Gespräch Verena Buss
Mo, 23.3., 20 Uhr

VITUS (Fredi M. Murer, CH 2006)

Fr, 27.3., 19.30 Uhr, Gespräch Fredi M. Murer

DANS LA VILLE BLANCHE (Alain Tanner, PT 1983)

Fr, 20.3., 20 Uhr

THE PARTY (Sally Potter, GB 2017)

Sa, 21.3., 20 Uhr

DIE EWIGKEIT UND EIN TAG (Theo Angelopoulos, GR 1998)

So, 22.3., 19 Uhr

MESSER IM KOPF (Reinhard Hauff, DE 1978)

Mi, 25.3., 20 Uhr

Infos: www.orientkino.ch

Bruno Ganz in «Die Ewigkeit und ein Tag» (Angelopoulos, GR 1998). Foto: trigon-film