Ausstellung

Licht-Rätsel-Spiel

Von
Michael Hunziker

Fernsehabend, 1981/1985, Guido Nussbaum. Foto: Ullmann Photography

Das Aargauer Kunsthaus zeigt in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Solothurn und der Videocompany ein Panorama des Schweizer Videokunstschaffens. Die Ausstellung «Mehr Licht» leuchtet die Dimensionen des Mediums aus und überschreitet sprichwörtlich Grenzen.

Den Auftakt in diese vielschichtige und letztlich über das Medium Video hinausweisende Schau macht Nam June Paik. Am «Fire Piece» des US-Koranischen Videokunst-Pioniers kommt niemand vorbei, der die Schweizer Zeit- und Werkgenoss*innen sehen will, welche die Ausstellungsmachenden in den Räumen hinter seinem virtuellen Feuer versammelt haben. Sie alle stehen in loser Referenz zu Paik, der zwar bekanntlich nicht Schweizer war, dessen Werk «Fire Piece» aber ohne das Geschick (und das Glück) der hiesigen Videocompany für immer verloren gewesen wäre: «Mich hat eine Sammlung angerufen und gesagt, sie hätten zwölf Paletten mit kaputten Monitoren. Ob sie das entsorgen können», erzählt Aufdi Aufdermauer von Videocompany. «In einer Schachtel entdeckte ich die Laserdics dieser Arbeit und wusste, hier wird nichts weggeschmissen!» Nach aufwändiger Restaurierung flackert nun das Wohnzimmerfeuer über rund ein Duzend Monitore, die zu einem Trümmerhaufen arrangiert sind – die subversive Aussage des Werks hat nichts an Aktualität eingebüsst, denkt man an die alltägliche Omnipräsenz der bewegten Bilder auf unseren flachen Monitoren im Taschenformat.

Die Anekdote bringt auch ein grundsätzliches Problem zur Sprache, mit dem sich Museen und Sammlungen konfrontiert sehen und das als versteckter Akteur den beiden Ausstellungen Pate gestanden hat. Ohne eine kontinuierliche Pflege der Werke drohen sie, vom technischen Fort-schritt eingeholt, nicht mehr abspielbar zu sein. «Man muss die Videowerke von Zeit zu Zeit ans Licht holen», sagt Co-Kuratorin Simona Ciuccio, «sonst gehen sie verloren.» Das Kunstmuseum Solothurn und das Aargauer Kunsthaus waren beide daran, ihre Videosammlungen zu restaurieren. Daher habe es nahe gelegen, die wieder rezipierbaren Schätze auch dem Publikum zu zeigen. Rund die Hälfte der gezeigten Arbeiten im Aargauer Kunsthaus stammen aus der eigenen Sammlung, die anderen sind Leihgaben – unter anderem eben auch aus Solothurn, wo zum Teil auch Werke aus Aarau zu sehen sind. Die vielen Signalformate, Hardware-Schnittstellen, Datenträger – ein solche Ausstellung ist ein komplexes technisches Zusammenspiel, ein Kabelsalaträtsel, das ohne die Videocompany nicht zu lösen gewesen wäre. Die Ausstellung will nicht bloss einen retrospektiven Überblick über das Schweizer Videokunstschaffen bieten, sondern versteht sich als Anregung, sich mit der technischen und ästhetischen Entwicklung des Videos auseinanderzusetzen. Doch bereits den Unterschied von Film und Video in seiner ganzen technischen und ästhetischen Tragweite zu verstehen, ist herausforderungsvoll. Trotzdem: Man muss kein Technik-Nerd sein, um die Spannungsfelder zwischen den Arbeiten von Dieter Meier (Film) aus den 1960er-Jahren, den Selbstbespiegelungsvideos von Dieter Roth (für die Ausstellung von Film auf Videobänder übertragen) aus den 1980ern, den Stop-Motion-Videos von Augustin Rebetez aus den frühen 2010er-Jahren erkunden zu können und sich an Pipilotti Rists «Schminktischchen» (1993) zu stellen – das ist eine Zeitreise für sich. Vor allem die Generation Z, für die flache Monitore und hochaufgelöste luzide Videos selbstverständlich sind, werden ins Staunen kommen, wenn sie sich mit den technischen Vorläufern beschäftigen und danach vielleicht die aktuelle Retro-Pixelästhetik ihrer TikTok-Feeds mit anderen Augen sehen. Aber ein Zugang, den die Ausstellung eben auch öffnet, ist wohl auf die Magie des Mediums selbst zurückzuführen: Von jeder Arbeit geht ein kleiner Sog aus, in den man sich stellen und sich in die Ideenwelten hineinziehen lassen kann. Manchmal werfen die Werke gar einen Anker in unsere analoge Welt, wie etwa der Handlauf von Christoph Rütimann, der aus dem Ausstellungsraum in den Monitor führt und einen auf eine Fahrt durch eine Kürbislandschaft mitnimmt. Oder die Geräuschfrequenz nimmt einen so gefangen wie bei «The Fluttering Being» von Alexandra Navratil, die zu einem Trip durch ein psychedelisches Archiv menschlichen Wissens einlädt, beklemmend und faszinierend zugleich.

Angesichts der Vielfalt der versammelten Arbeiten, die zwar vom Begriff Videokunst gefasst werden, ihn aber ins Skulpturale, in die Performance (Roman Signer!), ins Dokumentarische, ins Bildnerische (Zilla Leutenegger!) erweitern, liesse sich folgern, DIE Videokunst gibt es nicht. Es gibt verbindende Bewegungen, Techniken, Ästhetiken, Referenzen – ein ganzes Geflecht davon. Die Leucht- und Lichtspuren sind ausgelegt und locken in die ästhetischen Rätsel.

Moi non plus Oiseaux aus der Serie Arrière-tête (mécanismes), 2014, Augustin Rebetez

Fire Piece, 1992, Nam June Paik. Foto: Ullmann Photography

Mehr Licht

21. April 2026 – 24. Mai 2026

Die genauen Öffnungszeiten finden sie auf der Website des Veranstalters