Editorial

Lektionen des Gruselns

Von
Michael Hunziker

Dass unsere Wirklichkeit mitunter Züge eines Horrorfilms oder eines Psychothrillers aufweist, darauf muss man heute wohl kaum mehr hinweisen. Es ist zu offensichtlich. Die Personen an den Schalthebeln der Macht, die Trolls in den Kommentarspalten und der Bully von nebenan auf Social Media: Die Gegenwart produziert sich zunehmend zu einer Dystopie, zu einer Karikatur ihrer selbst, in der die Schlechten und Fiesen, die Rücksichtslosen und die Getriebenen Recht bekommen. Wo sich der Grössenwahn einiger Milliardäre medial fortschreibt, zu einer skurrilen, dunklen Wirklichkeitserzählung, in der es keine Solidarität mehr gibt. Wo sich die soziale Überwachung technisch verselbständigt und Algorithmen unsere Interessen überwachen und füttern. Und gerade weil das globale Dispositiv aus Geld und Tech ihre Blut-und-Boden-Ideologie und ihre Macht so vulgär offen zelebriert, als wäre es das Normalste (Natürlichste), müssen wir es abgleichen mit den Vorlagen und den splatterigen Zerrbildern, die uns der Horrorfilm liefert. Spätestens dann wird klar, nö, das Recht des Stärkeren brauchen wir hier draussen bei uns Menschen nicht.

Das Monströse verhält sich manchmal wie das Faschistoide: Es widersetzt sich der Vernunft, kennt nur den eigenen Willen und will alles Andere unterwerfen. Bald öffnet das Horrorfestival Brugggore wieder die Pforten in jenes Jenseits. Und lädt ein zu Lektionen des Gruselns – die machen wir lieber im Kinosessel als in der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Eine andere, leider wahre Horrorgeschichte erzählt die Autorin Silvia Süess. Sie hat gemeinsam mit Uschi Waser deren Leben als «Kind der Landstrasse» aufgeschrieben. Uschi Waser wurde bereits wenige Wochen nach ihrer Geburt durch die Pro Juventute ihrer Mutter weggenommen und in einer Pflegefamilie fremdplatziert. Der damalige Leiter des «Hilfwerks» hatte sich zum Ziel gesetzt, die jenische Lebensweise auszulöschen. Und er war damit nicht der einzige. Eine unabhängige Untersuchung bestätigt, dass die Verfolgung der Jenischen und Sinti ohne die Mithilfe der Behörden sämtlicher Ebenen nicht möglich gewesen wäre. Man darf dann noch das Netz aus der «Zivilgesellschaft » hinzuzählen: Hausmeister*innen, Lehrpersonen, Nachbar*innen fungierten nicht selten als Denunziant*innen. Uschi Waser hat im Alter von 14 Jahren bereits in 27 Heimen gelebt und wurde 54 mal umplatziert. Es hat bis ins Jahr 2025 gedauert, bis der Bundesrat diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit an Jenischen und Sinti anerkannt hat.

Unsere Kulturangebote auf den folgenden Seiten sind also, um im Bild des Horrors zu bleiben, Gegenerzählungen gegen die Schrecken des Alltags, im Kleinen wie im Grossen. Sie zeigen diverse, inklusive, solidarische Welten – solche Bilder sind den Autokrat* innen und Möchtegern-Demagog*innen ja ein Dorn im Auge. Bei ihnen werden genau solche Programme zusammengestrichen und Minderheiten verfolgt. Feiern wir Vielfalt, solange wir (noch) können.