«Kunst und Kultur sind Arbeit an der Gesellschaft»

Von
Regula Laux, Aargauischer Kulturverband AGKV

Der 39-jährige Ausnahmegeiger Sebastian Bohren gab kürzlich ein Interview in der Aargauer Zeitung zum von ihm gegründeten Brugg Festival. Darin machte er auch allgemeine Aussagen über die Kulturförderung im Kanton Aargau, die zum Teil aufhorchen liessen. Wir luden Sebastian Bohren gemeinsam mit Georg Matter, dem Kulturchef des Aargaus, zum klärenden Gespräch.

Sebastian Bohren leitet die Konzertreihe Stretta Concerts und ist Initiator und künstlerischer Leiter des Brugg Festivals. Die internationale Presse attestiert dem Geiger «erfrischende Direktheit» (The Guardian). Beim als Streitgespräch aufgegleisten Treffen mit Kulturchef Georg Matter lernten sich die beiden Männer kennen und waren sich erstaunlich einig. Doch es wurde auch klar, dass sich Erkenntnisse aus dem Bereich «Klassische Musik» nicht auf die gesamte Kulturszene übertragen lassen.

Im kürzlich in der Aargauer Zeitung erschienenen Interview hast Du, Sebastian, von der «Trägheit der Förderstrukturen im Kanton Aargau» und von «Kulturbetrieben, die sich vor Verantwortung scheuen» gesprochen. Gab es darauf Reaktionen?

Sebastian Bohren (SB): Die Reaktionen auf meine Aussagen waren sehr unterschiedlich. Von viel Zuspruch über Zurückhaltung bis hin zu totaler Ablehnung. Einzelne aus meinem engen Umfeld fanden, ich hätte mich unnötig exponiert. Aber nach Jahren in der Praxis im Aargau hatte ich das Bedürfnis, bestimmte Dinge deutlich anzusprechen. Und ja: Wir Künstler haben Anspruch auf professionelle Bedingungen und Förderung. Aber wir dürfen keine Anspruchsmentalität haben und erwarten, dass uns die Bühne zur Verfügung gestellt wird.

Was legitimiert Dich, als junger Geiger und Veranstalter, so dezidiert über «Verantwortung» und «Förderung» zu sprechen?

SB: Beim Brugg Festival haben wir inzwischen ungefähr 600'000 Franken Jahresumsatz. Davon sind rund 130'000 Franken öffentliche Gelder, also knapp 20 Prozent. Wir bewegen uns gerade auf eine schwarze Null zu. Das Publikum will eine Beziehung. Vertrauen muss über lange Zeit aufgebaut werden. Gleichzeitig dürfen Förderungen dynamischer sein. Man muss sich davon verabschieden, dass alles, was einmal erkämpft wurde, für immer bestehen muss und der Kanton sollte schneller auf Entwicklungen reagieren können.

Georg Matter, ist die Kulturförderung im Kanton Aargau tatsächlich zu wenig flexibel?

Georg Matter (GM): Ich kann vieles vom Gesagten nachvollziehen. Die grösseren Kulturinstitutionen im Aargau geniessen tatsächlich einen gewissen Schutz. Das ist aber auch richtig und hat mit Verantwortung zu tun: Man kann eine Institution nicht einfach wie einen Fussballverein nach zwei schlechten Jahren absteigen lassen. Wir wollen Institutionen auch durch Krisen hindurch begleiten.

Die Betriebsbeiträge nach § 10 sind aber nicht für alle Zeiten gesichert. Die Institutionen müssen alle drei bis vier Jahre neue Gesuche einreichen und die Kriterien erneut erfüllen. Wenn diese nicht mehr erfüllt werden, kann eine Institution den Beitrag verlieren. Bisher gab es allerdings noch keinen Fall, bei dem eine Institution die Kriterien so deutlich nicht mehr erfüllt hätte, dass sie tatsächlich herausgefallen wäre.

Kann der Wunsch nach nachhaltigen Strukturen zu einer Form von Stillstand führen?

SB: Ja. Wenn eine Institution stark auf eine Person fokussiert ist, kann das für den Kanton zunächst ein Nachhaltigkeitsproblem sein. Gleichzeitig können hohe Subventionen auch dazu führen, dass sich eine Institution nicht mehr weiterentwickelt.

Wir haben unser Engagement in Brugg ursprünglich wie ein kleines KMU aufgebaut. Eine pensionierte Person hat uns administrativ unterstützt, wir mussten mit Kreativität, permanenter Kostenkontrolle und sehr viel Eigeninitiative arbeiten. So habe ich gelernt, wie man eine Institution wirtschaftlich führt. Künstler sollten mehr Verantwortung übernehmen: für ihr Publikum, für die Gesellschaft und für die Frage, was ihre Institution tatsächlich bewirkt.

Das lässt sich leicht sagen aus der privilegierten Lage eines erfolgreichen Geigers…

SB: Ich kann den Vorwurf, ich sei privilegiert, nicht stehen lassen. Ich habe zehn Jahre in einer Wohnung ohne Küche für 646 Franken gelebt und alles, was ich verdient habe, in meine CDs investiert. Ich habe sehr viel riskiert für meine Vision eines Lebens als Solist.

GM: Wir können diese persönliche unternehmerische Haltung und Risikobereitschaft nicht zum Kriterium für den gesamten Kulturbetrieb machen. Menschen, Kontexte und Möglichkeiten sind verschieden. Unsere Aufgabe ist es, ein lebendiges Kulturangebot sicherzustellen.

Als Förderer können wir nicht zu stark in Inhalte oder interne Strukturen eingreifen. Wenn eine Institution bedroht ist und ein grosser Schaden entstehen könnte, versuchen wir zu unterstützen. Aber wenn es nicht funktioniert, funktioniert es nicht. Es gibt auch Institutionen, die verschwunden sind.

Flexibilität bedeutet zudem nicht nur, etwas abzubauen. Es bedeutet auch, Neues zu ermöglichen. In den letzten Jahren wurden etwa Bühne Aarau, das Kurtheater und der Circus Monti in den Kreis der Institutionen mit Beiträgen an die Betriebskosten aufgenommen. Beim Thema Zirkus zeigt sich auch, dass sich der Kulturbegriff verändert: Zirkus galt früher nicht als Teil des klassischen Kulturbetriebs. Heute kann man den Circus Monti als den grössten Kulturbetrieb des Kantons bezeichnen.

SB: Trotzdem glaube ich, dass wir stärker in den Spiegel schauen und überlegen müssen, was wir selbst beitragen können. Geregelte Vorsorge und gute Musikerlöhne sind historisch gesehen keine Selbstverständlichkeit. Wenn wir der Gesellschaft nicht vermitteln können, welchen wertvollen Beitrag Musiker leisten, kann es diese Strukturen irgendwann nicht mehr geben.

GM: Genau darum geht es im laufenden Kulturkonzept 2023-2028: Kultur als gesellschaftliche Ressource zu verankern. Kultur wurde früher viel selbstverständlicher als Fundament für Zusammenhalt, Inspiration und Identität betrachtet. Dieses Bewusstsein ist in einer globalisierten und medial übersteuerten Welt teilweise verloren gegangen.

Das Bewusstsein muss aber nicht nur bei der Kulturförderung vorhanden sein. Auch Kulturschaffende müssen sich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst sein. Kunst und Kultur sind letztlich Arbeit an der Gesellschaft und der Gemeinschaft.

Sollten Kulturschaffende also auch UnternehmerInnen sein?

GM (lachend zu SB): Du bist tatsächlich ein unternehmerischer Typ – quasi ein Unternehmer, der sich in die Kunst verirrt hat. In der Kultur findet man diese Haltung vielleicht seltener, weil Kunst auch als zweckfreier Raum verstanden wird und deshalb nicht zwingend kapitalistische Wertschöpfung erzeugen muss.

SB: Für mich bedeutet das Unternehmerische gar nicht primär kommerzielle Wertschöpfung. Es bedeutet, selbst etwas zu erschaffen und diesen Prozess ständig weiterzuentwickeln. Das Selbstbestimmte gibt mir den «maximalen Sauerstoff». In diesem Sinn ist für mich jeder Kulturschaffende ein kleiner Unternehmer.

Aber Kunstschaffende brauchen doch auch Raum, ohne jede Arbeit nach kommerziellen Kriterien ausrichten zu müssen. In manchen Sparten ist das Experimentelle oder der Prozess wichtiger als das Ergebnis.

SB: Das stimmt, aber es gibt Zielkonflikte. Wir haben beispielsweise sehr viele Musikhochschulen in der Schweiz. Professoren haben ein Interesse, viele Studenten aufzunehmen, obwohl es später nicht entsprechend viele Stellen für Musiker gibt. Deshalb müssen wir auch fragen, welchen Interessen bestimmte Strukturen dienen und welche längerfristige Verantwortung wir gegenüber der Gesellschaft haben.

Gerade bei der klassischen Musik ist der Altersdurchschnitt des Publikums sehr hoch. Wie soll Nachwuchs erreicht werden?

SB: Als wir das Brugg Festival gegründet haben, wollten wir gross denken, aber lokal handeln. Für uns war deshalb von Anfang an ein starkes Vermittlungsangebot wichtig, so entstand ECHO. MusikerInnen haben im Zusammenhang mit ihren Konzerten Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern. Im ersten Jahr hatten wir etwa 400 Schüler, im zweiten 900, zuletzt rund 2'000.

Ich wünsche mir, dass alle Altersgruppen klassische Musik erleben. Wenn eine 80-Jährige neben einem Siebenjährigen sitzt, ist das gesellschaftlich etwas sehr Wertvolles. Ein Konzert bringt Menschen zusammen, die sonst vielleicht nicht miteinander sprechen würden. Für mich kann Kultur deshalb eine enorme gesellschaftliche Kraft entwickeln.

Mein Ansatz ist, dass diejenigen, die es sich leisten können, freiwillig mehr beitragen und dadurch Kultur für andere zugänglich machen. Das wäre für mich ein liberaler Ansatz: Menschen überzeugen, freiwillig etwas zu ermöglichen, das anschliessend von vielen geteilt werden kann.

GM: Der Gedanke hat für mich als Kulturhistoriker aber auch eine Kehrseite. Wenn nur noch Wohlhabende bestimmen, welche Kultur ermöglicht wird, führt uns das in die Zeit vor der Aufklärung zurück, als kulturelle Entscheidungen und Produktionen stark von denjenigen abhingen, die sie finanzieren konnten.

SB: Ja, aber ich glaube, im Idealfall führt privates Engagement nicht dazu, dass der Staat sich zurückzieht, sondern dazu, dass insgesamt mehr Kultur möglich wird.

Einig ist man sich, dass Kultursponsoring im Kanton Aargau schwieriger ist als in anderen Kantonen, weil es im Vergleich eine geringe Stiftungsdichte und wenige grosse private Vermögen gibt.

Was nehmt ihr mit aus diesem Gespräch?

GM: Ich finde, die Nachbearbeitung hat gezeigt, dass hinter dem ursprünglichen, teilweise provokanten Interview in der AZ, Gedanken stehen, die sich weiter diskutieren lassen. Besonders interessant finde ich den unternehmerischen Ansatz in der Kultur und gleichzeitig die Verbindung von Kultur und Gesellschaft.

Kultur hat immer auch die Aufgabe gehabt, Menschen zusammenzubringen – über gemeinsame Erlebnisse, Werte und Emotionen. Das gilt heute genauso, auch wenn wir als Gesellschaft dieses Bewusstsein teilweise verloren haben.

SB: Ich bin überzeugt, dass wir mit dem, was wir in Brugg und mit ECHO aufbauen, weiterarbeiten können. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Man kann viel bewegen, aber man muss sich Zeit nehmen.

GM: Genau darin liegt die gemeinsame Schnittmenge: Kultur muss gesellschaftlich verankert sein und Menschen zusammenbringen – unabhängig von Alter, Geschlecht und sozialer Herkunft.