«Die zweite Trump-Wahl hat mich politisiert»: Michael Bohli.
Unterwegs mit Michael Bohli
Ich bin etwas zu früh beim Treffpunkt, und auch der «Gasthof zum Goldenen Ochsen» in Zofingen hat noch zu. Allerdings lassen mich die beiden, die heute Schicht hinter der Bar haben, freundlicherweise eintreten – es ist recht kalt draussen. Dankbar setze mich an einen Tisch in der noch leeren Beiz. Warten muss ich aber nicht lange – Michael Bohli kommt pünktlich auf die Minute durch die Tür. Ich treffe mich mit ihm, weil er nicht nur selbst künstlerisch unterwegs ist mit seinen Texten, seinen Fotoprojekten, den Zeichnungen und Kunstwerken. Nein, er unterstützt auch regionale Künstler*innen, indem er ihnen online mit der Website phosphor-kultur.ch eine Plattform bietet. Und er führt in diesem Rahmen Events hier im Ochsen durch – zeigt zum Beispiel einmal im Monat einen Film mit gesellschaftskritischen Aspekten, vorzugsweise gedreht von einer Frau. Es gibt also viel, über das wir miteinander reden können.
«Schon als Kind habe ich oft geschrieben und meine Texte waren inspiriert von dem, was ich gerade selbst gern las oder was ich mir im TV anschaute. Science-Fiction zum Beispiel, und Fantasy», erzählt der 38-Jährige. Auch zeichnet er seit klein auf. Heute investiert er vor allem viel Zeit in seine Kunstwerke und in die Fotografie. Die Lomo-Kamera und sein Handy hat er immer dabei, den Blick für ein gutes Bild geschärft. «Meine Bilder zeigen vielfach geometrische Formen und strenge Linien, denen ich im Alltag begegne. Das ist wohl meinem Beruf als Zeichner Architektur geschuldet.»
Angefangen, nicht nur selber kreativ zu sein, sondern über andere Kreative zu berichten, hat er während seiner Lehre. «Damals betrieben viele Leute aus dem digitalen Umfeld eigene Blogs. Also startete ich ebenfalls einen und begann, Filmkritiken zu verfassen.» Er fand Gefallen daran, seine persönlichen Neuentdeckungen und Highlights mit anderen zu teilen und erweiterte sein Repertoire, indem er begann, für das Musikmagazin «ARTNOIR» zu schreiben. Zwischenzeitlich übernahm er sogar dessen Leitung. «Ich war für diesen Nebenjob ständig an Konzerten und habe das sehr genossen.» Die Konzentration auf fast ausschliesslich musikalische Themen wurde ihm mit der Zeit dennoch zu einseitig. Deswegen gründete er zusammen mit seiner Partnerin Cornelia Hüsser im Mai 2023 Phosphor-Kultur. «Wir legen unseren Fokus auf lokale und regionale Künstler*innen im Bereich Buch, Musik, Film und Kunst und geben ihnen so eine Plattform», sagt Bohli. Mir fällt auf, dass Musik auch auf der Phosphor-Website viel Platz einnimmt und dass Michael Bohli das Gespräch immer wieder auf dieses Thema lenkt. Selbst ist der Zofinger aber weder in einer Band noch singt er oder spielt ein Instrument. Darauf spreche ich ihn natürlich an. Er lacht, und sagt, dass er in einem Haushalt mit vielen Schallplatten aufgewachsen sei, bei Eltern mit «Hippie-Vergangenheit». «Zudem konnte ich mich schon als Jugendlicher gut durch Songs ausdrücken. Ich schenkte meinen Freund*innen selbstgebrannte CDs, weil ich mit Musik eine bessere Verbindung zu anderen Menschen herstellen konnte.»
Während der ersten Monate seit Gründung von Phosphor-Kultur verfasste Michael Bohli mindestens einen, wenn nicht sogar zwei Texte pro Tag – und das neben seiner Anstellung bei einem Architekturbüro. «Hyperproduktiv» sei er gewesen und teilweise leide er immer noch etwas darunter. Dieses Problem begleite ihn schon lange. Kaum einen Abend habe er vor der Pandemie einfach zu Hause verbracht, sei entweder an kulturellen Veranstaltungen, Konzerten oder im Ochsen gewesen. Habe gern auch mal einen über den Durst getrunken. Der Lockdown habe ihn diesbezüglich gerettet. «Seit vier Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr.» Allerdings habe sich seine Hyperproduktivität fortgesetzt und ihn zusammen mit einigen privaten Problemen dann 2024 in eine Depression fallen lassen. «Vieles hat sich zugespitzt.» Die offene Art, mit der mir Michael Bohli seine Geschichte erzählt, freut mich. Er ist keiner, der sich versteckt, und er steht für seine Werte ein, auch wenn das nicht immer einfach ist. «Ich bin unglaublich dankbar, dass ich mich während meiner schlimmsten Phase krankschreiben lassen durfte. Danach gab mir mein Chef die Chance, mein Pensum zu reduzieren beziehungsweise es langsam wieder aufzustocken. Das ist nicht selbstverständlich», so Bohli. Obwohl er noch nicht über den Berg sei, habe er mittlerweile begriffen, dass weniger oft mehr bedeute. Wie sehr ihm aber die Veränderung noch schwerfällt, merkt man daran, dass er 2025 das Präsidium der Ortspartei der Grünen in Zofingen übernommen hat. «Die Partei brauchte jemanden, und ich kann immer noch schlecht nein sagen», erklärt sich Michael Bohli. Er habe aber inzwischen gemerkt, dass er auch dort wieder kürzertreten müsse. Er wolle ja nicht wieder in dieselbe Situation kommen wie 2024. «Die zweite Trump-Wahl hat mich politisiert. Ich betrachtete das Leben zwar schon immer als politisch, war aber in keiner Partei.» Mittlerweile sei etwas Ernüchterung eingetreten. Es tue ihm zwar gut, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. «Aber Parteipolitik an sich geht mir an die Nieren.» Untätig rumsitzen sei aber auch nicht die Lösung. «Gerade wir weissen Männer tragen eine grosse Verantwortung und müssen helfen, dafür zu sorgen, dass die Welt besser und gerechter wird.»
Nach einem intensiven Gespräch verabreden wir uns für Sonntagnachmittag – für ein gutes Foto ist es mittlerweile zu dunkel.