Unterwegs

Kostüme für Charakteren

Text und Bild
Tania Lienhard

«Es erfüllt mich, mit all den Menschen zu arbeiten und etwas zu kreieren»: Susanne Boner.

Unterwegs mit Susanne Boner

Ich hatte keine konkrete Vorstellung davon, wie das Atelier einer freischaffenden Kostümbildnerin aussieht. Aber ich war dann doch überrascht, dass mich nur die Nähmaschine im Raum von Susanne Boner im Bally-Areal in Schönenwerd an ihren Beruf erinnerte. Jedenfalls auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich Bilder mit Tänzer*innen, einige Stoffstreifen und eine Kleiderpuppe. Als ich eintrete, duftet es nach frischem Tee und wir kommen sogleich ins Gespräch.
Sie betreibe hier viel Recherche-Arbeit, erzählt mir Susanne. «Welche Persönlichkeit haben die Charaktere auf der Bühne? Wie bewegt sich eine gewisse Schauspielerin, wie ein gewisser Schauspieler? Wann spielt das Stück? Oder – handelt es sich um Tanz-Performances oder Zirkusnummern, für die ich Kostüme kreiere: Was muss ein Kostüm aushalten, welche Bewegungsfreiheit muss es gewähren – und wie sieht es trotzdem toll aus? Genau dieses Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Funktionalität ist für mich die Essenz meines Berufes und immer wieder eine schöne Herausforderung», sagt sie.

Aufgewachsen in Kölliken, besuchte Boner bereits als Kind mit ihrer Familie das Theater Luzern und liess sich von Märchen verzaubern – aber nicht nur das Geschehen auf der Bühne interessierte sie: «Meine Cousine war dort Beleuchterin und ich durfte mehr als einmal einen Blick hinter die Kulissen werfen», erzählt sie. Einige Jahre später ist sie selbst Teil des Aarauer Jugendtheaters geworden. «Ich war also schon immer fasziniert von den Bühnen dieser Welt», lacht sie. Obwohl sie leidenschaftlich gern mitspielte, merkte sie sehr bald, dass sie sich wohler neben als auf der Bühne fühlte. Etwas, das sie bald prägen würde. Nach dem Gestalterischen Vorkurs an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, einer Lehre als Damenschneiderin und ihrem Studium für Textildesign an der Hochschule Luzern absolvierte sie ein Praktikum am Luzerner Theater in der Abteilung Kostümbearbeitung. Sie gewann in dieser Zeit sogar einen Nachwuchs-Preis für Kostümdesign. «Im Gegensatz zur Schweiz gibt es in den umliegenden Ländern Studiengänge für Kostümbild», sagt Susanne Boner und erklärt damit ihren mehrere Stationen umfassenden Weg in die Theater-, Zirkus-, und Tanzwelt.

In ihrem Beruf arbeitet sie mit verschiedenen Regie-Teams zusammen, die von Engagement zu Engagement umherziehen, weil ihre Stücke an unterschiedlichen Orten gespielt werden. «Es ist schon cool, wenn ich in einer Pariser Metro ein Bild aus einer Aufführung sehe, auf dem jemand ein von mir entworfenes Kostüm trägt.» Sie erhält Aufträge aus ganz verschiedenen Richtungen – arbeitet sowohl für Projekte aus der freien Szene, als auch für solche, die an grossen Schauspielhäusern aufgeführt werden. Die grossen Häuser verfügen über eigene Werkstätten, in der die ganzen Kleidungsstücke für die Bühne, die Boner selbst auf Figurinen gezeichnet und entworfen hat, dann hergestellt werden. Bei kleineren Projekten mit wenigen Kostümen legt sie oft von A bis Z selbst Hand an. «Die Regie hat meist eine vage Vorstellung davon, was sie von mir haben möchte. Ich spinne diese Gedanken dann weiter, es gibt ein produktives Hin und Her, mit einem Austausch von Bildern und Ideen. Spätestens beim Beginn der Proben existiert eine klare Vision davon, wie alles einmal aussehen soll, wenn es fertig ist.» Ab dann ist sie selbst lang vor Ort, beobachtet das Geschehen auf der Bühne. Passt alles? Braucht es Änderungen? Susanne Boner ist oft auch abends und an den Wochenenden im Einsatz. «Mit einem Kleidungsstück kann ich Nuancen eines Charakters herausstreichen und die nonverbale Kommunikation stärken. Das ist extrem spannend.» 

Bevor ich meine Kamera auspacke und Susanne in ihrem Atelier fotografiere, erzählt sie mir, dass sie Teilzeit beim Schauspielhaus Zürich in der Kostümbearbeitung angestellt sei. Ohne diese Anstellung wäre es schwierig, ein geregeltes Einkommen zu haben. «Ich kann in meiner partiellen Selbständigkeit zwischen zwei und fünf Projekte pro Jahr annehmen, wovon einige bis zwei Jahre dauern können.» Manchmal frage sie sich schon, was sie eigentlich mache. Immer dann, wenn sie grossen Stress habe und nicht mehr wisse, wo ihr der Kopf stehe. Denn es sei eine grosse Herausforderung, alles aneinander vorbeizubringen. «Anfragen für Projekte kommen oft miteinander, jedenfalls nie schön nacheinander.» Aber: «Ich arbeite unglaublich gern!» Am meisten fasziniere sie, im Team etwas zu erschaffen, das dann ein Publikum geniessen könne. «Ich bin ein Teil vom Ganzen. Zusammen mit den Tänzer*innen oder den Schauspielenden, der Regie, dem Ton, dem Licht. Es erfüllt mich, mit all diesen Menschen zu arbeiten und etwas zu kreieren.» Mit einigen Regisseur*innen habe sie sich mittlerweile sogar angefreundet. «Manchmal besuche ich nach einem halben Jahr ein Stück oder eine Performance wieder und sehe, wie sich die Akteur*innen auf der Bühne entwickelt und verändert haben. Das ist wirklich interessant! Es ist für mich etwas Besonderes, noch einmal hinzugehen. Weil die Zeit während der Produktionsphase sehr intensiv war und uns alle zusammengeschweisst hat.» Ihr Wunsch für die Zukunft? «Dass es so weitergeht. Ich nehme keinen Auftrag für selbstverständlich und freue mich über alle Projekte, die ich machen darf.»

Zur Person

Susanne Boner (*1982) arbeitet seit rund 15 Jahren als freischaffende Kostümbildnerin für Tanz, Zirkus, Oper und Schauspiel. Die Werke der ausgebildeten Damenschneiderin und Textildesignerin waren u.a. im Theater Basel, im Théatre du Jura in Délemont, an der Oper Graz, im Tanzhaus Zürich, an der Bühne Aarau sowie an Festivals von Athen bis Brüssel zu sehen. Sie lebt in Aarau.