Von Rudolf Velhagen
Dieser reich geschnitzte Rennschlitten aus dem 18. Jahrhundert ist mehr als ein luxuriöses Freizeitobjekt. Er steht für eine Epoche, in der Bewegung und Fortschritt neu gedacht wurden – Geschwindigkeit wurde zum Reiz, das Spiel mit der Natur zur kultivierten Erfahrung. Inspiriert von den «Russischen Bergen», jenen im Russland des 18. Jahrhunderts errichteten vereisten Holzrampen für rasante Winterfahrten, verbindet der Schlitten technische Raffinesse mit barocker Lust am Ornament.
Philosophisch betrachtet ist der Rennschlitten ein Objekt des Balanceakts: Er verspricht Geschwindigkeit, Vergnügen und Status – und zwingt zugleich dazu, sich der Schwerkraft, der Bahn und dem Moment anzuvertrauen. Fortschritt erscheint hier nicht als Beherrschung um jeden Preis, sondern als bewusst eingegangenes Risiko, in dem Fortschrittsglaube und Lust an der Erfahrung untrennbar verbunden sind.
Dass der Schlitten einst dem amerikanischen Unternehmer Augustus Edward Jessup (1861 – 1925) gehörte und Teil des Inventars von Schloss Lenzburg wurde, unterstreicht seinen sozialen Symbolgehalt: kontrollierte Bewegung und Schnelligkeit als Distinktionsmerkmal.
Heute lädt uns das Objekt ein, über unser eigenes Verhältnis zu Tempo und Fortschritt nachzudenken – und darüber, wann Beschleunigung Freude schenkt und wann ein Innehalten klüger wäre.
Rudolf Velhagen, Leiter Sammlung und Konservierung bei Museum Aargau, erkundet an dieser Stelle die verborgenen Botschaften der Dinge. Nicht weniger als 55 000 historische Objekte aus der kantonalen Sammlung warten auf ihre Befragung.