Eine Schakalin kämpft mit ihrer queeren Identität, ein Mäuserich zweifelt an der Realität und vier Löwenzahnsamen überleben den Untergang. An der 24. Ausgabe des internationalen Animationsfilmfestivals «Fantoche» stehen aktuelle Langfilme, spannende Talks, 101 Kurzfilme und vieles mehr auf dem Programm.
Bouchra ist 35, lesbisch, marokkanisch und Filmemacherin. Sie wohnt in New York, arbeitet an einem semiautobiografischen Film und steckt in einer kreativen Blockade. Inspiration sucht sie in den Telefonaten mit ihrer Mutter, die noch immer in Casablanca lebt. Die zunächst alltäglichen Gespräche reissen alte Wunden auf, bringen Erinnerungen, Begehren und verdrängte Fragen zurück. Denn obwohl Bouchra sich vor Jahren in einem Brief geoutet hat, wird ihre Sexualität in der Familie noch immer totgeschwiegen.
Mit ihrem Langfilmdebüt «Bouchra» (IT/MA/US 2025) erschaffen die beiden Regisseurinnen Meriem Bennani und Orian Barki eine eigenwillige Verschmelzung aus Animation, Dokumentarfilm und Autofiktion – denn bei den Protagonist*innen handelt es sich um Tiere: Bouchra ist eine Schakalin, ihre Ex-Freundin eine Kuh, ein neuer Flirt ein Bär. Vor den realen Kulissen New Yorks und Casablancas bewegen sich die anthropomorphen Wesen durch eine ansonsten erstaunlich wirklichkeitsnahe Welt. Aus diesem Spannungsverhältnis zwischen Künstlichkeit und Realität entsteht eine besondere Intimität – die Gespräche sind persönlich, die Gefühle echt. «Bouchra» ist gewissermassen «Zootopia» für Erwachsene: ein animiertes Arthouse-Drama über Familie, Freiheit, Begehren und die Last des Schweigens.
Auch «We Are Aliens» (JP 2026) von Kohei Kadowaki erzählt von Zugehörigkeit und dem schmerzhaften Gefühl, anders zu sein. Anfang der 2000er-Jahre verbringen der verträumte Tsubasa und der extrovertierte Gyotaro einen scheinbar endlosen Sommer in einer japanischen Kleinstadt. Als Gyotaro beim Spielen versehentlich Tsubasas Regenschirm zerstört, setzt eine Verkettung aus Missverständnissen, Angst und Schuld ein.
«We Are Aliens» (JP 2026)
Filmstill
Kadowaki, der sich bislang vor allem mit animierten Musikvideos für J-Pop-Grössen wie Yoasobi einen Namen gemacht hat, nimmt sich für sein Langfilmdebüt Zeit für Zwischentöne. Die mittels Rotoskopie entstandenen Bilder sind von bemerkenswerter Feinheit, Bewegungen wirken beiläufig, Landschaften voller Licht und Textur. Daraus entsteht eine melancholische Coming-of-Age-Geschichte über Gruppendruck und Mobbing – aber auch darüber, wie unterschiedlich sich Schicksale entwickeln können.
Dass sich hinter niedlichen Tierfiguren mitunter Abgründe auftun, ist das Prinzip von «Decorado» (SP / PT 2025). Arnold lebt mit seiner Frau in der Stadt Anywhere, ist seit Jahren arbeitslos und steckt in einer existenziellen Krise. Je mehr sein Leben aus den Fugen gerät, desto stärker wächst sein Verdacht: Was, wenn die Welt um ihn herum nur eine Kulisse ist? Der Mäuserich verliert sich in seinen Nachforschungen, während um ihn herum eine Gesellschaft zerbröckelt, die von der allgegenwärtigen Megakonzern-Organisation ALMA kontrolliert wird. Der brutale Tod eines Freundes führt ihn immer tiefer in ein Geflecht aus Manipulation, wirtschaftlicher Ausbeutung und existenzieller Verzweiflung.
«Decorado» (SP/PT 2025)
Filmstill
Regisseur Alberto Velázquez hat bereits in «Unicorn Wars» (SP / FR 2022) knuffige Tiere und brutale Welten aufeinanderprallen lassen. Auch die Bewohner*innen von «Decorado» könnten einem Disney-Film entsprungen sein – wären da nicht Depressionen, Arbeitslosigkeit, Gewalt und eine gehörige Portion existenzielle Angst. Zwischen orwellscher Dystopie, Absurdismus à la Camus und Psycho-Horror entwickelt Velázquez einen ebenso düsteren wie satirischen Thriller über eine Welt, in der Freiheit vor allem ein Werbeversprechen ist.
Im diesjährigen Fokusprogramm widmet sich das Fantoche unserem Heimatplaneten – oder vielmehr den Spuren, die wir Menschen auf ihm hinterlassen. Technischer Fortschritt und wirtschaftlicher Wohlstand haben ihren Preis: Hitzesommer, schmelzende Gletscher, extreme Wetterereignisse und vergiftete Böden gehören längst zur Realität. Das Fantoche spürt mit «Calling Planet Earth» in verschiedenen Veranstaltungen der Beziehung zwischen Mensch und Natur nach: Der Kurzfilmblock «105 600 Frames of Splitting» blickt auf ein Leben nach der Klimakatastrophe, das Museum Langmatt lädt zu einer Führung über Nachhaltigkeit ein und die Ökofabel «Pom Poko» (JP 1994) aus dem Hause Ghibli erzählt vom Aufstand der sagenumwobenen Tanukis gegen die Abholzung ihres Waldes. Mit «Dandelion’s Odyssey» steht zudem ein aussergewöhnliches Langfilmdebüt der japanisch-französischen Regisseurin Momoko Seto auf dem Programm: Eine nukleare Explosion hat die Erde verwüstet, überlebt haben lediglich vier Löwenzahnsamen, die zu den Protagonisten des Films werden. Seto verbindet 3-D-Computeranimation mit Zeitrafferfotografie und erschafft so eine faszinierende Bildwelt – ganz ohne Dialog, dafür getragen von einem atmosphärischen Soundtrack zwischen orchestralen und elektronischen Klängen.
«La tête dans les orties» (FR 2019) läuft im Rahmen vom Kurzfilmblock «105 600 Frames of Splitting».
Filmstill
Bereits 1936 brachten die Gebrüder Frenkel den ersten Trickfilm Afrikas ins Kino. Das Kurzfilmprogramm «90 Years of Egyptian Animation: The Pioneers» blickt auf diese frühen Anfänge zurück. Eine Retrospektive widmet sich zudem dem Illustrator, Maler und Animationskünstler Ihab Shaker, der als Wegbereiter des ägyptischen Autor*innenfilms gilt. In Zusammenarbeit mit dem Arab Film Festival Zürich bringt «Let’s Talk» schliesslich die gegenwärtige ägyptische Animationsszene ins Gespräch. Im Zentrum stehen das Spannungsfeld zwischen kulturellem Erbe und künstlerischer Erneuerung sowie die Frage, welche Chancen sich einer Szene bieten, die international zunehmend sichtbarer werden möchte.
Das Herzstück des Festivals bilden die neun Wettbewerbsprogramme. Aus 3173 Einreichungen hat das Selektionsteam 101 Kurzfilme ausgewählt, die in verschiedenen Kategorien um Preise konkurrieren. Mit «Nonna Lucia» (CH 2026) des Tessiner Regisseurs Marcel Barelli ist auch ein Schweizer Beitrag im internationalen Wettbewerb vertreten. Der dokumentarische Animationsfilm setzt sich anhand der Hinterlassenschaften Barellis Grossmutter mit Identität, Familie und Erinnerung auseinander. Auch abseits der Kinosäle gibt es einiges zu entdecken. Im Bäderquartier lädt Fantoche erneut gemeinsam mit dem Verein Bagno Popolare zu einem abwechslungsreichen Filmprogramm. Und wer zu später Stunde noch nicht genug hat, zieht weiter ins Royal zum «Royal Fish». Dort treten Videojockeys gegeneinander an, beim Animation Quiz winken Preise, GIFs flimmern über die Leinwand – und dazu gibt es tanzbaren Sound.
BADEN Diverse Orte, Di, 1. bis So, 6. September