... oder die ersten 100 Stunden im Atelier in der Cité des Arts, Paris. Tagebuch von Rahel Sohn
Gare de Lyon.
Angekommen, nicht wie schon so oft für ein paar Ferientage, sondern um erstmal einfach zu bleiben.
In meiner Herzensstadt Paris.
Was für ein Gefühl.
Der Bus bringt mich direkt vor die Cité, wo ich vor dem grünen Gittertor auf Einlass warte.
Es sei ganz neu renoviert, “tout neuf”, der Mitarbeiter der Cité freut sich genauso wie ich über das schöne Atelier des Canton d’Argovie und die noch schönere Aussicht.
Was fehlt, ist ein Klavier, darum werde ich mich so schnell wie möglich kümmern müssen.
Die Cité klingt, links und rechts und oben und unten Klavier, Gesang, Klavier, Gitarre, Klavier, Klavier….. ich halte es nicht aus ohne Instrument, soviel ist klar.
Es gibt Proberäume zu mieten, die man aber frühzeitig reservieren muss.
Ich besorge mir schon am zweiten Tag ein Digitalpiano, damit ich in meinem Studio spielen kann, auch abends oder nachts oder wann immer mir danach ist.
Improvisation wird in diesen drei Monaten mein künstlerisches Thema sein - in alter Musik, im Jazz oder einfach so - Mut finden, mich vom Notentext zu lösen, eigenes zuzulassen und über Lieblingsstücke zu improvisieren.
Lust auf Sololiteratur hatte ich lange nicht, hier ist sie plötzlich da. Bis jetzt habe ich vor allem Bach gespielt, weil ich endlich mal Zeit dafür habe.
Und immer wieder gehe ich spazieren und staune über die Schönheit dieser Stadt.
Mittendrin im Marais direkt an der Seine sind 300 Künstler:innen in Residenz.
Im Lift treffe ich einen Bildhauer aus Australien, eine Choreografin aus Guatemala sitzt neben mir im Französischkurs und am Minikonzert eines finnischen Jazzpianisten wird mir eine bildende Künstlerin aus der Ukraine vorgestellt.
Ich freue mich auf diesen Frühling in Paris, darauf, mich in der Stadt treiben und inspirieren zu lassen, zu Fuss oder mit meinem himmelblauen Velo, Konzerte zu hören, die unzähligen Blautöne dieser wunderbaren Stadt einzufangen und einfach Zeit zu haben.
Und natürlich aufs Klavierspielen. Mit oder ohne Noten.
Immer und immer und immer wieder.
ZUR PERSON
Rahel Sohn ist als Pianistin im Aargau seit mehr als zwei Jahrzehnten präsent, sei es in spartenübergreifenden Projekten, mit Chören oder als Liedbegleiterin und Kam- mermusikerin. Sie ist als Korrepetitorin für Gesang an der ZHdK tätig.