Literatur

Im «Osten» viel Neues

Von
Tania Lienhard

«Land an der Küste»: Das Gastland Tschechien sitzt am globalen Ozean der Geschichten.

Tschechien ist an den Literaturtagen Zofingen zu Besuch. Vom 16. bis 18. Oktober stehen Podiumsdiskussionen, Lesungen und Konzerte auf dem Programm.

Jedes Jahr ist ein anderes Land zu Gast an den Literaturtagen Zofingen – und jedes Jahr warten neue Herausforderungen auf das Projektteam. Heuer drehte sich alles um den Wunsch der tschechischen Kommission, dass ihre Autor*innen zweimal in Zofingen auftreten dürfen. Nichts, was die Programmverantwortliche der Literaturtage, Julia Knapp, nicht souverän hinkriegen würde: «Ich finde die Idee, den Schriftsteller*innen das Wort noch ein weiteres Mal zu geben, sehr interessant.» So kann das Publikum neben den Lesungen auch Podiumsgesprächen beiwohnen. Alice Horáčková und Klára Vlasáková diskutieren zum Beispiel mit dem Verleger und Übersetzer Ondřej Cikán über «Die Erfindung des Ostens» und Lucie Faulerová widmet sich mit Petr Hanel dem Thema «Vom Vaterland und seinen Söhnen».

Die Literaturtage Zofingen stehen unter dem Motto «Ein Land an der Küste», das die Verbindung der tschechischen Literatur mit dem globalen Ozean der Geschichten symbolisieren soll. Bei der Programmgestaltung setzte Julia Knapp wie immer auf eine gute Durchmischung der Genres und Themen. «Zudem war mir wichtig, mindestens einen Roman für junge Erwachsene dabei zu haben.» Diese Aufgabe übernehme Petr Hanels rasantes Coming-of-Age-Buch «Du weisst nen Schei* über Sterne». Ein grosses Highlight ist sicher auch das Samstagabendkonzert von Jan Řepka und Jean-Pierre Dix: eine tschechische Hommage an Mani Matter – mit übersetzten Texten des Schweizer Liedermachers.

Petr Hanel

«Du weisst nen Schei* über Sterne» von Petr Hanel: 

Petr Hanel ist Schriftsteller, Dramaturg und Lektor. Er bringt seinen Debütroman nach Zofingen, in dem es um einen Teenager geht, der sich in ein Mädchen aus besserem Hause verliebt – also eine typische Jugend-Lovestory. Oder nicht? «Alles an diesem Roman ist mutig: vom Umfang über den Inhalt bis hin zur Erzählweise», sagt Julia Knapp, und ergänzt: «Es ist herrlich erfrischend, eine Liebesgeschichte aus der männlichen Teenager-Perspektive zu lesen. Und ich mag, dass Petr Hanel witzig und mit viel Tempo erzählt. Dialoge und Gespräche aus WhatsApp-Chats dominieren – man merkt, dass der Autor vom Film kommt.» Das Buch ist 400 Seiten lang und richtet sich nicht nur an junge Erwachsene.

Alice Horáčková

«Geteiltes Haus» von Alice Horáčková:

Alice Horáčková ist Sozialwissenschafterin und lebt in Prag. «Geteiltes Haus» ist ihr zweiter Roman und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde: Die Geschichte spielt in einem Dorf, das an der tschechisch-deutschen Grenze liegt. Es steht sinnbildlich für alle Grenzregionen der Welt. Der Plot wirft unter anderem implizit die Frage auf, wie Menschen in Krisen- oder Kriegszeiten agieren. «Ist jemand in einer radikalen Partei, weil er von ihr überzeugt ist – oder will er / sie sich damit einfach an einer anderen Person rächen? Welche Dynamiken spielen bei solchen Dingen eine Rolle?», fasst Julia Knapp einen der vielen inhaltlichen Aspekte grob zusammen. Auf den 720 Seiten versuchen Menschen, ihren Platz in einer Welt zu finden, in der Zugehörigkeit über Schicksale entscheidet. «Das Buch übte einen enormen Sog auf mich aus. Die Autorin hat viel und gut recherchiert. Es ist ein grosses, unterhaltsames Werk», sagt Julia Knapp.

Radka Denemarková

«Schokoladenblut» von Radka Denemarková:

Radka Denemarková gehört zu den bedeutendsten Autor*innen der tschechischen Gegenwartsliteratur, ihre Werke sind in über 20 Sprachen übersetzt. Sie wurde mit Preisen ausgezeichnet und in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. «Schokoladenblut» ist ein Ritt durch das 19. Jahrhundert, der sich erstaunlich leicht liest – trotz der Informationsfülle. Das liegt wohl auch daran, dass die Autorin, die als Aushängeschild der diesjährigen Literaturtage Zofingen bezeichnet werden kann, die Leser*innen immer wieder an der Hand nimmt und sie behutsam durchs Buch führt. Die Fixpunkte der Geschichte sind die beiden Frauenfiguren, die Schriftstellerinnen Božena Němcova und George Sand. Kurz gesagt ist «Schokoladenblut» auch ein feministisches Buch über die Macht von Geschichten und darüber, wer sie erzählen darf.

ZOFINGEN Rathaus, Fr, 16. Oktober, 18 Uhr (Eröffnung); Kulturhaus West, Sa/So, 17./18. Oktober, ab 10 Uhr

Programm