Drei Outlaws verstecken ihren verletzlichen Kern.
Joachim Aeschlimann
Wilder Westen im Kurtheater Baden: drei Cowboys dekonstruieren sich und das Genre zu grandiosem Soundtrack.
Die Sonne steht gleissend über dem Kurpark in Baden, hier wo die unendliche Prärie beginnt. Diese staubige Steppe, in der nur Kakteen und Skorpione gedeihen und die den Blick auf nichts als die flimmernde Ahnung eines Horizonts freigibt. Hier also, im Kurpark Baden, wo die letzte Siedlung vor der rohen Ödnis steht, lungern drei Desperados herum. Sie stehen an die Säule der Saloon-Veranda gelehnt, rauchen filterlose selbstgedrehte Zigaretten und halten die Stellung, falls am nahegelegenen Bahnhof Baden ein paar Greenhorns es wagen, aus dem Zug zu steigen. Dann gilt es, die erst mal tanzen zu lassen. Bis dahin bleibt der grimmige Blick in die Ferne gerichtet und d er geladene Revolver im Halfter belassen. High Noon in Death Town Baden.
Soviel zur Ausgangslage des Freilichttheaters «Spiel mir das Lied von Baden», einer Co-Produktion des Kollektivs Präsidentenbalkon mit dem Kulturhaus Central Uster, die in Baden gastiert. Das etwas aus der Zeit gefallene Genre des Westerns bietet Themen, die in ihren Grundsätzen nichts an Aktualität eingebüsst haben. Fragen nach Gerechtigkeit etwa, nach Gesetz und Rechtsprechung oder das Thema des Konflikts zwischen Tradition und technologischem Fortschritt. Der Schwerpunkt in diesem Western liegt aber in der Dekonstruktion des Männerbildes, das dem Genre eingeschrieben ist. Und so erhält der harte Körperpanzer der drei Outlaws, die da auf der Bühne stehen, bald schon erste Risse. Das Schweigen weicht der Mitteilsamkeit, aus Unerschütterlichkeit wird Verletzlichkeit. Der Wind in der staubig trockenen Western-Manosphäre dreht sich und erlöscht die Glut der Selbstgedrehten, mit der sich jedes Aufkommen einer fragilen Emotion so einfach die Kehle hinunterziehen liess.
Begleitet werden die drei Protagonisten dabei von der Winterthurer Band The Peacocks, einer festen Grösse der schweizerischen Rockabilly-Szene. Ihre Musik fungiert als Kommentar zum Gezeigten und übernimmt auch mal die Szene, wenn der sprachliche Ausdruck der Figuren an seine Grenzen stösst. Zudem hat der Musiker David Langhard, unter Kenner*innen als Admiral James T. bekannt, eigens für das Stück die Musik komponiert. So ist also kein klassischer Theaterabend zu erwarten, vielmehr ein Open-Air-Erlebnis, bei dem das Publikum ganz nah am Geschehen sitzt, Teil einer musikalisch-theatralen Performance wird – inklusive Auftritt eines lebendigen Ponys. Die Show besticht in dieser Vielfältigkeit durch grossen Unterhaltungswert, ohne dabei den Tiefgang ihrer Genre-Dekonstruktion zu verlieren.
BADEN Kurtheater, Fr, 4. September, 20 Uhr