Das Theater Junge Marie greift Debatten um reproduktive Rechte, Safe Spaces und sexualisierte Gewalt auf.
Roman Gaigg
Teenage-Schwangerschaft in der Klassengesellschaft: Das Theater Junge Marie bringt einen brisanten Stoff auf die Bühne.
«Fuck» – es ist das Einzige, was Jen hervorbringt. Soeben hat sie im Beisein ihrer Freundinnen Nini und Ka einen Schwangerschaftstest gemacht und ein positives Resultat erhalten. Das Kind ist von einem Typen, mit dem Jen nichts zu tun hat, ausser, dass sie dieses eine Mal mit ihm geschlafen hat. Sie weiss nicht einmal, wie er heisst. Die drei Freundinnen versuchen in der Folge die Situation irgendwie in den Griff zu bekommen. Sie diskutieren mal panisch, mal zynisch, mal romantisch verklärt ihre Vorstellungen von Mutterschaft, Schwangerschaftsabbruch, Kinderwunsch und Sexualaufklärung.
Jen stammt aus einer Familie, in der das Geld am Monatsende fehlt und der Stolz auf die Gymnasiastinnen-Tochter in grossen Druck umschlägt. Nini hingegen ist bildungsbürgerlich aufgewachsen. Ihre Eltern sind Akademiker*innen, Aufklärungsbücher und Zykluswissen sind in ihrer Familie eine Selbstverständlichkeit. Ka wiederum lebt zwischen einem Vater, für den immer alles «easy peasy» ist und einer Mutter, die ihre eigenen unerfüllten Sehnsüchte auf ihre Tochter projiziert.
Schnell wird klar, dass eine Teenage-Schwangerschaft, je nach Familienhintergrund und Sozialisierung, unterschiedliches bedeutet. Wer kann sich ein Kind überhaupt leisten? Wer darf sich ambivalente Gefühle erlauben? Wer hat Zugang zu Aufklärung, Fürsorge und Unterstützung? Was spielt Religion für eine Rolle? Und dann ist da auch noch Luis. Er ist verliebt in Jen und erklärt sich bereit, mit ihr das Kind grosszuziehen, obwohl er nicht der Vater ist. Und wieder die Frage: Soll Jen das Kind behalten oder nicht?
Jährlich inszeniert das Theater Marie eine Theaterproduktion mit jugendlichen Laiendarsteller*innen unter professioneller Leitung. Junge Marie nennt sich das Format, das längst eine feste Grösse der Schweizer Jugendtheaterszene ist. Das diesjährige Stück «Wälder im Frühling» wurde 2017 von der vielfach ausgezeichneten Theaterautorin Eva Rottmann geschrieben und wird nun uraufgeführt. Es besticht durch eine derbe Sprache, die Jugendlichkeit ernst nimmt und sie nie ausstellt. Der schwarze Humor, der diesen Text durchzieht, sorgt ausserdem für viele witzige Momente in der tragischen Anlage.
Unter der Regie von Kenza Nessaf wurde das Stück nochmals aktualisiert und greift heutige Debatten um reproduktive Rechte, Safe Spaces, sexualisierte Gewalt sowie den rechten Backlash gegen feministische Errungenschaften auf. Der Jungen Marie gelingt ein Abend, der wie jedes gut gemachte Jugendtheater auch für Erwachsene allemal einen Besuch wert ist.