«Kunst bringt Schönheit ins Leben und lässt neue Dimensionen entstehen»: Reza Hazare
Unterwegs mit Reza Hazare
Auf meinen Vorschlag hin, ein Foto von ihm vor einem seiner grossen Bilder zu machen, setzt sich Reza Hazare auf den Stuhl vor der Wand, an der sein Gemälde lehnt. Wir sind in seiner Wohnung in Aarau, die er mit zwei Kollegen teilt. Hier ist auch gleich sein Atelier angesiedelt. Auf dem Tisch liegt ein anderes Bild, das er allerdings noch nicht fertig gezeichnet hat. Vor anderthalb Stunden trafen wir uns im Café Tuchlaube, keine 100 Meter von hier. Ich hatte nicht lange warten müssen, schon kam Reza Hazare um die Ecke gebogen. Er trug Kopfhörer und ein pinkes Cap. Da die Sonne schien, war draussen jeder Sitzplatz besetzt und wir entschieden uns dafür, uns drin zu unterhalten. Reza wirkte herzlich, und auch ein bisschen scheu und wenn er erzählte, dann leise. Seit 2023 ist er – ein im Iran geborener und dort aufgewachsener Afghane – bereits in der Schweiz. Zuerst lebte er in verschiedenen Asylzentren, bis er vor zwei Jahren eine Aufenthaltsbewilligung erhalten hat und nach Aarau gezogen ist. Seine Eltern hatten Unterdrückung gleich zweifach erlebt: als Minderheit in Afghanistan als schiitische Muslime und danach als Ausländer im Iran. «Es war für mich nicht einfach, in Teheran einen Studienplatz zu bekommen», erinnerte sich der mittlerweile 38-Jährige. «Nicht nur, weil nicht alle Ausländer dort studieren dürfen, sondern auch, weil es sehr teuer war.» Er habe es dennoch an die Kunstschule in Teheran geschafft, vor allem dank der Unterstützung seiner Eltern. Zwar seien sie zuerst nicht begeistert gewesen von seinen Plänen. «Kunst zu studieren ist eine Art Luxus für sie. Als sie dann aber merkten, dass ich insistierte und Kunst mir alles bedeutet, halfen sie mir, meinen Weg zu gehen.»
In seinen Zwanzigern ging Reza Hazare nach Aserbeidschan, wo er sein Studium an der staatlichen Kunsthochschule Baku fortsetzte. Er habe schon als Kind gewusst, dass er Künstler werden wollte. Auch sein Bruder hat gezeichnet, vorwiegend Karikaturen. «Er inspirierte mich sehr.» Dieser und auch seine ältere Schwester hätten sein Talent erkannt und ihn immer dazu ermutigt, sich der Kunst zu widmen.
Reza Hazare ist nicht der Typ Mensch, der sich gern in den Mittelpunkt stellt und von seinem Leben erzählt – das merke ich schnell. Auch wenn, wie ich fand, seine Geschichte extrem spannend ist, lud er kein Thema künstlich mit Dramatik auf. Auch nicht, als wir über die Asylzentren sprachen, in denen er wohnte. Es brauchte die mehr oder weniger rhetorische Frage meinerseits, ob das nicht tough gewesen sei für ihn, um ihm ein Wort zu der Zeit zu entlocken. Er bejahte zwar die Frage – sagte aber auch nicht mehr dazu. Angesprochen auf seine neue Heimat Aarau, begannen seine Augen zu leuchten. «Ich liebe es hier!»
Ich betrachte die beiden Gemälde in seiner Wohnung. Es sind figurative Malereien und Zeichnungen. «Ich beschäftige mich in meiner Kunst sehr oft mit der afghanischen Diaspora», so Reza. «Ich möchte die Geschichte von Menschen zeichnen, die immer schon ignoriert, marginalisiert und unterdrückt wurden.» Seine Ausstellung im Kunstraum Aarau, die noch bis 19. April läuft, widmet sich afghanischen Frauen und ihren Schicksalen. In «The Unstitched Corners» stellt er Frauen in den Fokus, die ihr Leid und ihre Erfahrungen in Stoff einschreiben. «Durch Stickerei und den Gesang, den sie dabei anstimmen, tragen sie Geschichten weiter, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen», erläutert Reza. Auch seine Mutter sei eine Näherin gewesen im Iran. Sie habe zusammen mit einer Organisation anderen Frauen einen Job verschaffen und sie unterstützen können. «Ich erinnere mich daran, dass ich sie als Kind immer habe singen hören während ihrer Näharbeiten.» Es sei das erste Mal, dass er sich so intensiv mit Frauengeschichten auseinandersetze. «Davor konzentrierte ich mich auf Männer. Sie waren mir immer näher, weil ich halt selbst einer bin.» Reza Hazares Gemälde und seine Zeichnungen sind alle von beachtlicher Grösse. Er sagt, dass die Bedeutung der Geschichten, die er auf den Bildern festhalte, zu gross sei, um auf kleinem Raum festgehalten zu werden. Kunst ist für Reza aber nicht nur etwas, das Geschichten erzählen und auf Unterdrückung und Missstände aufmerksam machen soll. «Kunst bringt Schönheit ins Leben. Sie lässt eine neue Dimension entstehen.» Auch widme er sich nicht ausschliesslich politisch bedeutungsvollen Themen. Manchmal zeichne er einfach eine Szene aus dem Alltag.
Um sich seinen Traum, hier als Künstler sein Geld zu verdienen, zu erfüllen, arbeitet Reza entschlossen. Er scheint genau zu wissen, was es braucht, um erfolgreich zu sein: ein gutes Netzwerk, einen Vertrag mit einer Galerie, Kontakte zu Kurator*innen. Auch ein eigenes Malatelier sei von Vorteil, sagt er. «Und natürlich malen, malen, malen. Werke schaffen, weiterarbeiten – und Deutsch lernen!»
Ich bitte ihn nun, sich über die auf dem Tisch liegende Zeichnung zu beugen – für ein weiteres Foto. Gedankenverloren betrachtet er seine bisherige Arbeit und beginnt, eine ganz bestimmte Stelle zu verfeinern. Es wirkt so, als ob er erst, als ich ihn erinnere, in die Kamera zu blicken, wieder realisiert, dass er nicht alleine mit seinem Kunstwerk ist. Er kommt meiner Bitte so unprätentiös nach, wie er auch spricht. Reza stellt lieber seine Bilder in den Fokus der Aufmerksamkeit.
ZUR PERSON
Reza Hazare (*1987 Zahedan, Iran) stammt aus einer afghanischen Minderheit. Er studierte an der Kunstschule in Teheran und an der Kunstakademie in Baku, Aserbaidschan. Reza Hazare lebt und arbeitet in Aarau.