Unterwegs

Gemeinsames Denken im Ping-Pong

Von
Tania Lienhard

Ruft zur Kühlschrankplünderung als kollektive Performance auf, neben vielem anderen: Lisa Stepf

Unterwegs mit Lisa Stepf

Selten war eine Interviewpartnerin für mich vor dem Treffen so wenig greifbar wie Lisa Stepf. Ihr Tätigkeitsfeld ist breit – so breit, dass sie bei meiner Bitte darum, mir einen Überblick über ihre Arbeit zu geben, lacht: «An schlechten Tagen habe ich das Gefühl, zu viel zu machen – und vor allem zu viele unterschiedliche Dinge. Aber an guten Tagen sehe ich, wie sich alle meine Tätigkeiten ineinanderfügen. Und das ist richtig cool!» Ihr Schaffen sei halt vielseitig und doch habe alles irgendwie eine Verbindung zueinander. Und das auf mehreren Ebenen. Sehr viel Zeit widmet sie recherchebasiertem Theater, meist im Rahmen der in Berlin und Aarau ansässigen Theater- und Performancegruppe Flinn Works, die sie unter anderem mit ihrer Schwester Sophia Stepf zusammen führt. «Nicht immer, aber oft drehen sich die Stücke um feministische Themen.» So auch das 2020 uraufge- führte «Boss / y – ein feministischer Leaderabend». Darin zitiert die Gruppe Ausschnitte aus berühmten Reden von Politikerinnen, die sich für feministische Anliegen einsetzen, kontrapunktiert mit für Streichtrio und fünf Stimmen arrangierter Popmusik. «Boss / y» setzt sich mit Machtstrukturen und einer neuen, empathischen Führungskultur auseinander. «Im Dezember führen wir das Stück noch einmal auf – allerdings in Berlin.» Kein Zufall, zog Lisa Stepf doch vor acht Jahren aus der deutschen Hauptstadt nach Aarau.

«Ursprünglich bin ich aus Kassel», erklärt sie lachend auf meine Bemerkung, den so typischen Berliner Dialekt überhaupt nicht heraushören zu können. Hierher geführt habe sie die Liebe. Und auch wenn Aarau viel damit zu tun habe, weshalb sie sich so intensiv mit Feminismus auseinandersetze – Stichworte Kinderbetreuung und Familienpolitik beziehungsweise die Unterschiede zu den Möglichkeiten in Berlin – liebe sie die vergleichsweise kleine Stadt im Aargau: «Ich bin viel auf Reisen, und jedes Mal, wenn ich zurückkomme, beruhigt sich mein Nervensystem sofort. Ich geniesse es, dass man, beziehungsweise frau, sich in der Kulturszene kennt!» Sie denke transnational und habe in den letzten Jahren für ihre feministischen Projekte auch viel im Ausland geforscht. «Mit zwölf lebte ich mit meiner Mutter und meiner Schwester ein Jahr in Neuseeland. Dort kam ich intensiv mit der Māori-Kultur in Berührung und von da an entwickelte ich ein starkes ethnologisches Interesse, das auch in meine Arbeiten einfliesst.»

Momentan recherchiere sie viel zur Perimenopause und auch zur Darstellung der Frau in antiken Theaterstücken, sagt Lisa Stepf. «Auf den ersten Blick gibt es zwischen diesen beiden Themen keinen grösseren Zusammenhang. Aber ich sehe eine Verbindung, die sich sehr gut ausarbeiten lässt.» Bei ihr kann Unterschiedliches auch zusammengehören, nicht nur auf thematischer Ebene. «Durch die Projekte verbinden sich Menschen miteinander. Das mag ich ganz besonders!» Themen, Menschen – und nicht zuletzt Disziplinen würden sich hervorragend verknüpfen lassen, wie sie erzählt: So bringe sie in ihrem neusten Projekt Kochen mit Musik zusammen.

Bei «Restlos glücklich! von Stepf und Stocker» lade sie gemeinsam mit Barbara Stocker, Geschäftsführerin der Bühne Aarau, das Publikum ein, den eigenen Kühlschrank zu plündern und drei Nahrungsmittel mitzunehmen, die sie vor dem Verderben retten möchten – und die in der Menge eine Person satt machen würden. «Wir kochen dann ein Mehrgang-Menu für alle daraus», so die studierte Kulturwissenschaftlerin. Dabei gäbe es Regeln, die sie – Stepf und Stocker – zu befolgen hätten, «und das Publikum wird zum Mithelfen animiert.» Es ist also ein Event gegen Food Waste, der nicht nur kulinarisch zu Höhenflügen führen kann, sondern auch musikalisch begleitet wird. «Eine Musikerin improvisiert über die mitgebrachten Lebensmittel. So entsteht mal ein Song, mal wird der Kochprozess hörbar gemacht, mal der Geschmack vertont. Ich bin schon sehr gespannt, wie das alles klingen und schmecken wird.» Premiere ist am 6. September in der Bar im Stall beziehungsweise in der Alten Reithalle – und genau dorthin machen wir uns nun auf den Weg für die Fotosession. Die Bar selbst ist noch geschlossen, weshalb wir für das Gespräch ins Café Lysa in der Stadtbibliothek Aarau ausgewichen sind. Unterwegs zur Alten Reithalle erzählt Lisa Stepf, dass sie mit sechs Jahren angefangen habe, Cello zu spielen und bis 2025 20 Jahre lang Teil des interdisziplinären Streichquartetts PLUS 1 gewesen sei. Dabei habe das Quartett den Fokus auf neue Konzertformate gelegt und – wie könnte es anders sein – Dinge miteinander kombiniert, die nicht unbedingt auf der Hand liegen. In die Kategorie der neuen Konzertformate gehört auch ihr Angebot, nach einer von ihr geleiteten Yogastunde liegen zu bleiben und Live-Musik zu lauschen. «Die Klänge werden so zu einem ganzheitlichen Erlebnis.»

Ihren verschiedenen Projekten zugrunde liegt das Bedürfnis, dem Publikum neue Perspektiven aufzuzeigen. Genau das macht Lisa Stepf auch in ihren Workshops, zum Beispiel zum Thema der «DasArts Feedback Methode», die eine strukturierte und konstruktive, wertschätzende Form des kollektiven Feedbacks darstellt. Der Workshop ist eine weitere Tätigkeit von ihr, die sie als Freischaffende ausübt. Lisa Stepf liebt den Austausch mit anderen Menschen auf Augenhöhe. «Ich denke gern im Ping-Pong.» In der Tat war unser Treffen kein Monolog, sondern ein schöner, langer Ballwechsel.

ZUR PERSON

Lisa Stepf studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis in Hildesheim. Sie lebt freischaffend in Aarau und arbeitet als Performerin, Cellistin, Kuratorin und Dozentin.