Damenfahrrad Aarios, 1935. Stahl, Gummi, Leder. Sammlung Museum Aargau, Inv.-Nr. K-18687.
Wie weit reicht die eigene Welt? Manchmal nur bis dorthin, wohin man zu Fuss gelangt. Manchmal bis zu jener Grenze, die andere einem setzen. Ein Fahrrad kann beides verändern. Wer in die Pedale tritt, spürt unmittelbar, dass die eigene Kraft trägt. Der Weg wird länger, der Horizont weiter. Und die Richtung lässt sich selbst bestimmen.
Dieses Damenvelo der Aarauer Marke Aarios stammt aus dem Jahr 1935. Sein geschwungener Rahmen erleichterte das Aufsteigen mit einem langen Rock. In der Form steckt ein Stück Sozialgeschichte: Das Rad kam den Kleidervorschriften entgegen und half zugleich, den Bewegungsraum der Frauen zu erweitern. Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt eine Frau auf dem Fahrrad vielerorts als unschicklich. Anstoss erregte auch, dass sie ohne männliche Begleitung unterwegs sein konnte.
Freiheit braucht solche praktischen Möglichkeiten. Sie bleibt unvollständig, solange man zwar eigene Wünsche haben darf, für jeden Weg aber auf andere angewiesen ist. Ein Velo machte Entfernungen aus eigener Kraft überwindbar. Damit verschob sich auch die Vorstellung davon, was eine Frau sich zutrauen und wohin sie aufbrechen konnte.
Das Fahrrad gehörte der Krankenschwester Lydia Brack. Welche Gedanken sie auf ihren Fahrten begleiteten, wissen wir nicht. Nicht jeder Weg zur Arbeit war eine bewusste Geste der Emanzipation. Doch auch im Gewöhnlichen kann sich Selbstbestimmung einüben: aufsteigen, das Gleichgewicht finden, losfahren. Aus einer Möglichkeit wird eine Erfahrung, die einem niemand mehr ganz nehmen kann.
Ein Fahrrad allein schafft noch keine Gleichberechtigung. Aber es macht etwas von ihr körperlich erfahrbar. Man hält den Lenker selbst in der Hand und merkt, dass man vorankommt. Vielleicht beginnt Emanzipation auch mit dieser leisen Gewissheit: Ich kann weiter, als man mir zugetraut hat.
Rudolf Velhagen, Leiter Sammlung und Konservierung bei Museum Aargau, erkundet an dieser Stelle die verborgenen Botschaften der Dinge. Rund 50 000 Objekte aus der kantonalen Sammlung warten auf ihre Befragung.