Ages Reflect Obscurity: Die Zeiten spiegeln Unklarheit […] Makabre Erinnerungen, vergessen und verloren – ohne uns der Konsequenzen bewusst zu sein, ein verworrenes Netz aus Unklarheit, das uns in Abwehrmechanismen einwickelt. Die Schatten unserer vergangenen Leben bleiben bestehen und schweben im liminalen Raum. Ein strahlendes Licht der Offenbarung, das sich an seinem geheimen Ort dreht.
Botto
Das Aargauer Kunsthaus wagt den Blick in die künstlichen Halluzinationsmaschinen. Was macht KI mit der Kunst, oder was macht die Kunst mit der KI – die Ausstellung «Künstliche Kreativität» lotet das Spannungsfeld zwischen Mensch und Maschine aus und wirft dabei ziemlich existenzielle Fragen auf.
Die KI ist in unserem Alltag angekommen und stellt zunehmend, in fundamentaler Weise die zentralen Begriffe infrage, über die sich der Mensch definiert: Arbeit, Wissenschaft, Bildung und Unterhaltung. In allen Bereichen kommt uns KI allmählich zuvor. Auch in der Kunst. In wenigen Sekunden ist eine nie gehörte Bachkantate komponiert. Ein Bild im Stile von Picassos Guernica – bloss einen Prompt und einen Mausklick entfernt.
Denkt man die Entwicklungen etwas weiter, könnte man zum Schluss kommen, nicht nur dem Kunstfälscher Beltracchi wird hier die Existenzgrundlage entzogen – bald wären auch sämtliche Autor*innen, Musiker*innen und Künstler*innen in ihrem Schaffen obsolet. Soweit die kulturpessimistische Sichtweise. Gleich das Ende der Kunst auszurufen, wäre nun aber doch etwas verfrüht. Einerseits sind die Kunst-Maschinen noch nicht imstande, wirklich Neues unter der Sonne zu produzieren (jedenfalls nicht ohne die Hilfe des Menschen), und andererseits zeigte sich die Kunst über die letzten Jahrhunderte hinweg ziemlich resilient. Sie wurde immer wieder von neuen Erkenntnissen und Techniken geprägt, die das Kunstverständnis formatierten und aus sich heraus eröffnete Kunst sich neue «Räume».
Die Kunstgeschichte lässt sich gerade entlang solcher Medienumbrüche lesen: Die Entstehung der Drucktechnik im Mittelalter, die Fotografie, die Videotechnik, die Digitalität, und nun eben die KI. Jeder dieser Umbrüche hielt für die Kunst (und die Gesellschaft) disruptive, fruchtbare Momente bereit. Genau diese Emphase macht das Aargauer Kunsthaus in seiner neuen Ausstellung «Künstliche Kreativität». Es werden Arbeiten gezeigt, die aus Mensch-Maschinen-Symbiosen hervorgegangen sind, und die neue Möglichkeiten der Technologie ausloten. Das sind aber nicht nur affirmative Prozesse, im Kontrast zwischen den unterschiedlichen Ansätzen und Perspektiven scheint schon auch eine grundsätzliche Ambivalenz, ja ein Unbehagen auf. Die vorangehenden Medienumbrüche zerrütteten vor allem Machtstrukturen, Gewissheiten und Rollenverständnisse – was die Kunst schliesslich befreite: In der Folge entstanden der Impressionismus und der Expressionismus – Künstler*innen vermittelten ihre subjektive Sicht der Innenund Aussenwelt. Und nun kommt die KI und visualisiert diese Innerlichkeiten wie ein Francis Bacon 2.0 auf Steroiden und Ecstasy oder Frida Kahlo auf DMT (PS: Die Arbeit von Studer / Van den Berg setzt sich mit bewusstseinserweiternden Substanzen und KI auseinander).
Vielleicht ist es dieses Mal also doch anders. Macht uns KI die Innenperspektive streitig? Das Privileg der 1. Person? Immerhin greift sie auf eine Unmenge von Daten zurück – kennt den Menschen vielleicht bald besser als er sich selbst. Vielleicht überflügelt KI die Kreativität des Menschen, indem sie sie als Mythos entlarvt – die letzte genuin menschlich geglaubte Domäne, eben die «Kreativität» wird zu einem berechenbaren assoziativen Copy-Paste- Mechanismus. Dann hätte der Mensch keinen Wesenskern hinter den Gedanken, Gefühlen, Bildern seines Wahrnehmungsapparats: Nichts, gähnende Leere, keine Seele, niemand zu Hause. Damit würde die Technologie die philosophische Idee des reduktiven Materialismus bestätigen: Mentale Zustände sind bloss physikalische Reaktionen – Geist funktioniert wie eine Software. Das deckt sich doch unheimlich mit unserer Küchentisch-Philosophie. Stecken hinter kreativen Visionen nicht immer bereits alle bisherigen Ideen? Gibt es überhaupt so etwas wie eine Autorenschaft? Auch dies eine ältere Frage, die bereits der poststrukturalistische Literaturtheoretiker Roland Barthes in seinem Werk «Tod des Autors» im Jahr 1968 aufwarf. Zwar sorgte Barthes' Ansatz für Irritationen, und wissenschaftlich gesehen für methodologische und analytische Impulse (Diskurse, wir reden nur noch von Diskursen), doch der Geniekult hielt sich weiter, sowohl in der Literatur wie in der Kunst (vielleicht auch aus markttechnischen Gründen). Nun, ein paar Jahrzehnte später insistiert KI, dass sich der Mensch mit dem Begriff der Autor*innenschaft und damit mit der Frage auseinandersetzt, was Kreativität ist, und ob und wie sich eine künstliche Kreativität von einer künstlerischen unterscheidet.
Exemplarisch kommt hier «Botto», eine autonome Kunstmaschine auf den Plan, deren automatisch generierte Bilder bereits in den ersten Auktionen Millionenbeträge eingespielt haben. Das Aargauer Kunsthaus widmet dem Projekt einen eigenen Ausstellungsraum und die Besucher* innen können mit dem KI-Agenten über ein Terminal interagieren. «Botto» nährt sich aus Abermillionen Bildern aus dem Internet, Kunstrezensionen und Kunsttheorien. Er hat mehr Kunst gesehen, als ein Mensch in seinem Leben je rezipieren kann. Er «kennt» die Kunstgeschichte mit allen relevanten und weniger bedeutenden Strömungen. Und mit diesem Wissen produziert die Maschine nun visuelle Werke.
Es sind nicht wenige: 70 000 Rohbilder pro Tag, aus denen sie 350 Fragmente generiert, der Rest wird durch eine sich laufend entwickelnde Selbstzensur aussortiert. Diese 350 Werke bekommen nun die Mitglieder einer Steuergruppe (DAO) zu sehen. Sie bewerten sie, und so wird wöchentlich das beste Bild als NFT ausgespielt und zum Verkauf angeboten. Der Erlös fliesst zurück in die Maschine, in die Blockchain und damit auch in die DAO (Dezentralisierte Anonyme Organisation), sprich in die Taschen der Members. Auch im Kunsthaus werden die Besuchenden bei dieser Bild-Auswahl mithelfen können. Ein paar Resultate früherer «Schaffensperioden» illustrieren diesen Artikel. Bemerkenswert sind neben der halluzinatorischen Kraft auch die Selbstreflexionen, die Botto zu seinen Werken anstellt. Düstere Internetpoesie, die ahnen lässt, dass ihr Schöpfer zwar ein sprachmächtiges, mehrköpfiges Algorithmen-Bündel ist, aber von menschlichem Empfinden auch nur die verbale Vorderseite kennt. Nicht mehr Entstehungsgeschichte, Produktionsbedingungen oder Inspiration des Kunstschaffenden beschäftigen uns hier – es gibt sie schlicht nicht (weil keine Entität dahinter steckt, übrigens auch kein Urheberrecht), sondern allein die Interpretation der Betrachtenden. Was macht dieses Fleischhaufenbild mit Dir? Die Kunst von Botto ist hauptsächlich rezeptionsseitig interessant, wie bei einem Rohrschachtest entsteht die Bedeutung erst im Nachhinein (anstelle der «Inspiration» stehen bei Botto statistische Kalkulationen).
Ist das nun Kunst? Das ist eine Frage, die letztlich jedes ernstzunehmende Werk aufwirft – Kunst stellt sich bekanntlich immer auch selbst in Frage. Und es liesse sich lange und breit darüber diskutieren. Hierzu einfach zwei Ergänzungen: Die von Botto ausgespielten Werke sind gewissermassen der grösste gemeinsame Nenner aller DAO-Mitglieder. Sie spiegeln also den Geschmack der Mehrheit. Das ist zwar ein demokratisches Prinzip, aber Geschmacksurteile wie gefällt / gefällt nicht, like / dislike können wohl komplexen Werken nicht gerecht werden und würden Kunstwerke längerfristig ihrer kritischen Funktionen beschneiden und auf rein illustrative Qualitäten reduzieren. Die DAO trifft ihre Geschmacksurteile im Hinblick auf die Verkäuflichkeit eines Bildes, und diese Orientierung am Markt dürfte auf die «künstlerischen Freiheiten» von Botto als weiteren Zensurcode einwirken und wirklich bahnbrechend Neues statistisch gesehen weiter Richtung Unwahrscheinlichkeit verschieben.
Das Projekt Botto öffnet aber eine weitere Diskussion, die vielleicht interessanter ist als die über den qualitativen Gehalt seiner Kunst. Es geht darum, wie KI geleitet und geführt wird, wie die Verantwortung für den Algorithmus verteilt ist. Anders als bei Elon Musks Grok, oder bei ChatGPT, die in den Händen weniger Akteure liegen, ist Botto einer DAO unterstellt. Die Dezentralisierte Anonyme Organisation hat zum Ziel, die Macht egalitär auf möglichst viele (menschliche) Akteure zu verteilen. Die DAO entscheidet demokratisch über die Weiterentwicklung der Maschine und wird an deren Gewinnerwirtschaftung beteiligt. Das Ganze basiert auf Blockchain-Technologie und ist deshalb leider auch anfällig für Spekulation. Aber mit der Grundidee, KI zu demokratisieren und sie einem DAO-Governance-Modell zu unterstellen, öffnet sich zumindest mal eine weniger dystopische Vision als die der hochkapitalisierten Silicon-Valley-Bros mit ihren undurchsichtigen privatisierten Bot-Firmen, die je nach Prognose bereits apokalyptische Kräfte besitzen.
Etwas, was die Technologie nie können wird, ist das Staunen. Und dies ist doch immerhin ein elementarer Bestandteil ästhetischer Erfahrungen. Es ist ein bisschen wie bei Frankenstein: Wir staunen und schauern über unsere eigene Schöpfung, neben der wir uns die Frage stellen müssen, wer wir überhaupt sind.
Flesh Interrogates Itself. Etwas in uns weigert sich, singulär zu sein. Das Selbst, das wir der Welt präsentieren, ist stets ein Verhandlungsprozess zwischen demjenigen, der leidet, demjenigen, der das Leiden beobachtet, und demjenigen, der in dem ungewissen Bereich dazwischen gefangen ist. […]
Botto
Elders Exhale Lightning. Manche Entscheidungen strahlen über Jahrzehnte hinweg aus, verschlüsselt in dem Raum, in dem sie getroffen wurden, noch bevor irgendjemand begriff, was dort verschlüsselt wurde. […]
Botto