History

Einflussreicher Circus

Von
Beat Blaser
Bilder
zvg

Das Duo Pic-o-Pello brachte mit ihrem Circus in Baden einiges ins Rollen.

Vor fünfzig Jahren, im Juni 1976, gastierte der Variété-Circus Pic-o-Pello im Kurpark Baden. Eine Je-Ka-Mi-Veranstaltung, welche die kulturelle Identität der Stadt und der Mitwirkenden bis in die Gegenwart prägt. Eine Zeitreise.

Ein Radkunst-Duo wirbelt mit Teller auf Stöcken, ein Zauberer zersägt eine Frau, der Feuerspeier lässt die Zuschauenden erzittern, Papageno gibt eine Arie aus der Zauberflöte zum Besten und Johann Urban Frei, der damals als «Gipsgrubenheiland » sogar im Schweizer Fernsehen porträtiert worden war, singt sein Lieblingslied: Das Programm dieses sonderbaren Bottom-Up-Zirkusses war kunterbunt zusammengemischt. Im Zentrum standen die beiden Initianten, die Clowns Pic, bürgerlich Richard Hirzel, aus St. Gallen, und Heinz Meier, der sich Pello nannte und in Wettingen aufgewachsen war. Ein vierzehnköpfiges Zirkusorchester unter der Leitung des jungen Lenzburgers Ruedi Häusermann begleitete die Darbietungen, und ein halbes Dutzend Revuegirls und -boys liessen im Can-Can ihre Beine spicken. Ein vielseitiges Programm also, das kaum Wünsche offenliess, ausser vielleicht demjenigen nach wirklicher circensischer Professionalität. Denn das war Konzept, wie Pello, der heute in Basel sein «Humor Labor» betreibt, erzählt. Die beiden Köpfe hinter dem Unternehmen waren Profis, fast alle anderen begeisterte Amateure. Niemand, der oder die mitmachen wollte bei diesem Zirkus, wurde abgewiesen, es war ein buchstäbliches Jede*r-Kann-Mitmachen, was da stattfand.

Nachdem Pic und Pello im Jahr zuvor schon in Pics Heimatstadt St. Gallen einen Amateurzirkus unter dem Namen Pic-o-Pello inszeniert hatten, beschlossen sie, dies auch in Baden zu versuchen. Um die Weihnachtszeit herum hatte man Ideen skizziert, die Stadt war ins Boot geholt worden, wie auch die Kurtheaterverantwortlichen, man begann damit, Mitmacher*innen anzuwerben. «Gesucht werden weitere Musiker, ein Kapellmeister, eine Buchhalterin, ein Kostümmacher, Feuerspeier, Sänger, weitere Akrobaten, Tiere, Plakatverteiler, Zuckerwatteverkäufer und viele andere Idealisten », hiess es dazu in einem Artikel, der im Januar im «Badener Tagblatt» erschien. Das Signet war um diese Zeit schon entworfen, ein Bild zum Artikel zeigt den Künstler Giuseppe Reichmuth am Zeichentisch an der Arbeit. Ein begeisterter Aufruf, Wetteraktien zu kaufen, folgte. Der Zirkus erfahre grosse Unterstützung, heisst es da, allerdings sei die Versicherung, für schönes Wetter zu sorgen, von Petrus bisher nicht eingetroffen. Sechzehn Aufführungen unter freiem Himmel waren geplant, bei der Durchführung aller Spieldaten sollte der Einsatz von Fr. 100.– pro Aktie vollumfänglich zurückgezahlt werden, samt Gratiseintritt und Bratwurst; bei einem Minimum von neun Aufführungen verfiel der Einsatz. Ebenso druckte das «Badener Tagblatt» enthusiastische Artikel über das Zirkusorchester, die Revuegirls und -boys, über die verschiedenen Magiernummern und über eine Attraktion des Varietés, die Opernsängerin Heidi Winter und ihren Kollegen Marc Stehle.

An der anderen Badener Zeitung, dem katholischen «Aargauer Volksblatt», ging das Pic-o-Pello, zumindest in der Vorbereitungsphase, merkwürdigerweise fast gänzlich vorbei. Erst im März wurde darauf hingewiesen, nachher war wieder Funkstille bis zur Veranstaltungskritik hinterher. Um dieses Grossunternehmen mit über Hundert Beteiligten durchführen zu können, wurde ein Verein gegründet, der 290ste in Baden, wie das «Badener Tagblatt» lakonisch vermerkt, auch um einen Ansprechpartner für finanzielle Hilfe bieten zu können. Dass die Erwartungen sich diesbezüglich in Grenzen hielten, verrät das Budget: 18 000 Franken stehen da als Defizitdeckung drin, dies bei Gesamtaufwendungen von bescheidenen 58 000 Franken.Die Teilnehmer*innen am Zirkus engagierten sich meist ehrenamtlich – allerdings gab es auch Leute, die stark eingespannt waren und deshalb eine Entschädigung erhoffen durften. Das Budget gibt Auskunft über den Stundenansatz: 2.50 Franken sollte der betragen.

An der Premiere im Juni 1976 spielte das Wetter mit, die Zuschauerränge waren voll, die Leute begeistert – es war ein voller Erfolg! Dies, nachdem in einer Feuerwehraktion nach der überlangen Hauptprobe das Programm radikal gestrafft und gekürzt worden war. Und Petrus hatte tatsächlich ein Einsehen, der Juni 1976 wurde von einer Hitzewelle erfasst, sämtliche Aufführungen fanden statt und waren ausverkauft. Die Besprechung in den beiden Badener Zeitungen waren unterschiedlich wie deren Berichterstattung im Vorfeld: Das «Aargauer Volksblatt» leicht sauertöpfisch angesichts des offensichtlich zum Teil zu langhaarigen Publikums, das «Badener Tagblatt» enthusiastisch und zumBesuch empfehlend.

Aus dem 68-er-Zeitgeist

Wie war die Atmosphäre damals, gesellschaftlich, kulturell, in Baden, in der Schweiz, überhaupt? Die Siebzigerjahre sind in der Erinnerung vieler (auch des Schreibenden) die damals in der Adoleszenz waren, ein Jahrzehnt des Aufbruchs. Zehn Jahre früher bahnte sich vieles an, was dann im ominösen Mai 68 in Paris, Berlin und Zürich zum Ausbruch kam. Die junge Generation war entschlossen, ihre Eltern, die noch vom Krieg geprägt waren, hinter sich zu lassen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, was hiess: nicht abwarten, sondern selber machen! Und zwar jetzt, sofort, ohne zuerst alle Einwände zu überdenken, lieber mit dem Kopf durch die Wand, als nichts tun! Das zeigte sich zum Beispiel in der Gründung von Genossenschaften mit gemeinsam geteilter Verantwortung; Kulturbeizen wurden gegründet, in Stäfa, in Mogelsberg, Bachs, Saint-Légier, Solothurn, Sommeri, und auch in der Nähe, in Veltheim, wurde der Bären nach gleichem Rezept geführt. Nicht nur angehende Wirt*innen suchten neue Arbeitsformen, in Aarau waren Künstler schon seit 1967 im Ziegelrain am Arbeiten, die Ateliergemeinschaft Spinnerei in Wettingen formierte sich Mitte der Siebzigerjahre, und auch Baden spürte den neuen Geist: Seit 1971 probierte das Ensemble «Die Claque» neue Formen des Theaters auf der Kornhausbühne. Die Zeit für ein Do-It-Yourself-Unternehmen wie das Pic-o-Pello war also reif. Dazu kam, dass Pello und Pic ihre Idee im Jahr zuvor schon in St. Gallen verwirklicht hatten. Die beiden hatten sich an der Lecoq-Schule in Paris kennengelernt und in ganz Europa Strassentheater gemacht, aber sie wollten mehr. In St. Gallen bot sich ein kleiner Platz am Rand der Altstadt an, bespielt zu werden. Die Häuserzeile, die ihn begrenzte, sollte für eine millionenteure Umfahrung abgerissen werden. Aus dem Je-Ka-Mi-Zirkus wurde unbeabsichtigt eine politische Manifestation gegen eine schon damals als falsch empfundene Verkehrspolitik – der Platz abseits samt Häuserzeile existiert nach wie vor und heisst heute Pic-O-Pello-Platz! In Baden steckte keine politische Absicht hinter der Circus-Idee, der Geist allerdings war derjenige der 68-er, ein unbürgerlicher, anarchistischer. Vieles lag in der Luft: Quasi parallel zum Pic-O-Pello übte der Pianist Christoph Baumann an seinen ersten Musiktheatern, die ein Jahr später als Jerry Dental Kollekdoof mindestens nationale Berühmtheit erlangen sollten. Aus seinem Umkreis kamen die meisten Musiker im Zirkusorchester. Baumann lernte bei dieser Gelegenheit den Kapellmeister Ruedi Häusermann kennen, die beiden heckten in der Folge noch diverse kulturelle «Vergehen» aus. Vielleicht noch wichtiger für beide wurde der Zürcher Maler Giuseppe Reichmuth. Er hatte schon mit einem Bild, welches Zürich in der Eiszeit (!) zeigte, Furore gemacht. Ruedi Häusermann bezeichnet ihn heute als Lebensbegleiter. Reichmuth war mit seiner ungezügelten Phantasie an vielen Theaterproduktionen beteiligt, die Häusermann im ganzen deutschsprachigen Raum auf grosse Bühnen brachte. Und auch viele von Christoph Baumanns Gesamtkunstwerken entstanden im Austausch mit Reichmuth. Der arbeitete damals im alten Konsum im Wettinger Klosterquartier, er teilte das Atelier mit Marco Squarise. Und Squarise seinerseits hinterliess in Baden tiefe Spuren als Festgestalter von Badenfahrten, Festspielen, Bäderfesten und anderen städtischen Belustigungen; ohne Squarise wäre Baden nicht zur lebensfrohen Stadt geworden. Auch andere damals junge Künstler*innen fanden in der Folge den Mut, ihren eigenen Weg zu gehen: Bei den Revueboys war Mark Graf dabei, der als Schauspieler lange beim Hamburger Thalia Theater arbeitete, und den man ab und zu heute noch in irgendeinem «Tatort» sehen kann. Stefan Muntwyler wurde zum Künstler und Farbenforscher – auch er tanzte über die Bühne, und Marion Steiner, die als blutjunge Kostümfrau ins kalte Wasser gesprungen war, machte dies zu ihrem Beruf. 

Am nachhaltigsten aber war das Mitmachen beim Pic-o-Pello wohl für den siebzehnjährigen Markus Brunner aus Wettingen. Er hatte Pello schon in einer Projektwoche in der Schule kennengelernt und wollte unbedingt dabei sein. Seine poetische Hochseilnummer, in der er mit Putzkessel und Bürste das Seil für Pello vorbereitet, war ein kleiner Höhepunkt des Programms. Brunner besuchte anschliessend dieselbe Lecoq-Schule wie sein Lehrmeister und wurde zum Stadtkünstler in Baden. Markus heisst heute Stella Palino und verkörpert vielleicht als letzte diesen Aufbruchsgeist – buchstäblich ohne Netz und doppelten Boden und auch ohne Angst vor finanziellen Abstürzen.

Der Varieté-Circus Pic-o-Pello war Ausdruck einer Zeit. Er kam nicht aus dem Nichts, und er löste vieles aus, was in der Region und darüber hinaus in der Folge manifest werden sollte. Eben: Vielleicht wurde die «lebensfrohe Stadt» damals erfunden; man wünschte sich manchmal, etwas vom unbefangenen Geist jener Jahre wäre auch heute noch spürbar.

Unser Autor Beat Blaser war damals mittendrin, mit seinem Saxophon sass er in der Zirkuskapelle.

Kostümskizzen von Marion Steiner