Videostill BiglerWeibel
Das Museum Langmatt öffnet nach einer zweijährigen Metamorphose wieder seine Türen. Totalsaniert und mit einem neuen Pavillon lädt das Haus zwischen impressionistischen Werken und zeitgenössischer Kunst zur Kontemplation. Wir haben uns mit dem Direktor Markus Stegmann unterhalten.
Markus Stegmann: Die DNA der Langmatt bleibt trotz der umfassenden Renovation dieselbe. Wir halten an bestehenden Formaten fest und zielen auf eine gute Mischung aus Sammlungsausstellungen und zeitgenössischen Inter ventionen, die den Dialog mit den Impressionisten suchen. Die Langmatt mit ihrer Parkanlage soll ein Ort der Ruhe und Kontemplation bleiben. Die sichtbaren baulichen Veränderungen orientieren sich an den Bedürfnissen der Besuchenden: Aufenthaltsbereiche wie der Pavillon, wo Apéros, Veranstaltungen oder Vermietungen stattfinden können, der neue Empfang mit Sitzgelegenheiten, ein Personenlift …
Als historisches Ensemble gleicht die Langmatt mit ihrem Park einem Bühnenbild. Das ist unser USP, neudeutsch gesagt. Ich höre von verschiedenen Leuten immer wieder, dass sie die Langmatt als eine Zeitkapsel oder als kleines Raumschiff empfinden, mit dem sie eine Stunde unserer wahnsinnig gewordenen und unberechenbaren Wirklichkeit entfliehen und durchatmen können. In einer Zeit wie der unsrigen bietet die Langmatt etwas unschlagbares: Raum und Ruhe. Menschen machen Yoga im Park, andere nehmen an einem Bienen-Workshop teil, man kann malen und zeichnen oder einfach einen Moment absitzen am Feierabend. Daher haben wir während der Sommermonate die Öffnungszeiten des Parks als Pilotprojekt verlängert. Er wird bis 19 Uhr geöffnet bleiben.
Sie hatten in Lausanne, Köln und Wien viele Begegnungen mit einem neuen Publikum, vermochten zu begeistern und sorgten für Überra schungen, bei den Medien wie auch in der Fachwelt. Die Leute waren beeindruckt von der Qualität unserer Sammlung. Sie haben es nicht für möglich gehalten, dass eine so hochkarätige Sammlung in einer Kleinstadt in der Schweiz aufgebaut werden konnte und dazu noch so früh, zwischen 1908 und 1919.
Ja, genau. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn es Nachkommen gegeben hätte, dann würden wir heute nicht dieses Gespräch führen. Die Sammlung hätte sich wohl in alle Winde verstreut. Doch sie ist in die Hände der Öffentlichkeit übergegangen, und die Stadt Baden und die privatrechtliche Stiftung Langmatt haben sich gut um dieses Erbe gekümmert.
Unser Team hat sämtliche Kurierreisen, die Vertragsarbeit, die Koordination der Transporte, der Restauratoren, der Versicherungen, der Verglasungen der Bilder, der Klimakisten und Textbeiträge für die Publikationen geleistet sowie den Auf- und Abbau vor Ort begleitet. Ein Projekt mit astronomischen Versicherungssummen. Die Vorbereitungen haben bereits Jahre vor der Renovation begonnen.
Grundsätzlich waren die Kurator*innen der Museen frei, wie sie die Bilder arrangieren und kontextualisieren. Die Ausstellungen schufen für uns und die Sammlung einen grossen Mehrwert. Sie wurde aus drei unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, und es entstanden auch drei neue Buchpublikationen dazu mit qualitativ hochstehenden, wissenschaftlichen Beiträgen. Unsere Bedingungen an die Häuser waren nur, dass sie alle 50 Werke en bloc ausleihen und auch alle zeigen, und natürlich die Übernahme sämtlicher Kosten.
Vor allem Dankbarkeit, dass wir mit vereinten Kräften die Renovation erfolgreich durchführen konnten. Dankbarkeit gegenüber der Bevölkerung von Baden, die sich vor drei Jahren mit 79 Prozent Ja-Stimmen für die Langmatt ausgesprochen und 10 Millionen Franken bewilligt hatte. Es stimmt mich zuversichtlich, dass eine solche Solidarität auch heute noch in unserer fragmentierten Gesellschaft möglich ist.
VERSPIELTE DEKONSTRUKTION
Das Künstlerinnenduo BiglerWeibel aus Bern geisterte während der letzten zwei Jahre wiederholt durch die Räume der Langmatt und befragte Mobiliar und Architektur auf die Möglichkeiten einer künstlerischen Intervention. «Wir haben hier eine sehr breite visuelle Recherche gemacht», erzählt Jasmin Bigler. Wer das Duo kennt, kann sich vielleicht vorstellen, wohin die subversiven, verspielten Performances führen. Die beiden interagieren mit dem vollen Einsatz ihrer Körper mit den Räumen. Die künstlerisch leitendende Frage, «wie können wir uns einpassen?» – wie sie Nicole Weibel formuliert, ist wörtlich zu nehmen und wird zum Programm einer Machtkritik. Eine Villa wie die Langmatt symbolisiert Reichtum, verbildlicht gesellschaftliche Hierarchien, und der von BiglerWeibel inszenierte weibliche Körper öffnet vor dem Jugendstilinterieur, den geblümten Tapeten und den hohen Fenstern Kontraste, an denen sich nicht nur Klassenbewusstsein kalibrieren, sondern auch die Lust am Spielen und Dekonstruieren wiederentdecken lässt. Auf jeden Fall werden Sehgewohnheiten irritiert und Weltwahrnehmungen erfrischend erweitert.
Videostill BiglerWeibel
FEIERLICHE WIEDERERÖFFNUNG
Während die impressionistischen Werke der Langmatt zwei Jahre auf Europatournee waren, haben sich auf der Baustelle in der Villa andere Künstler*innen umgetan: Reto Boller, der Cartoonist Silvan Wegmann und das Künstlerinnenduo BiglerWeibel. Die Ergebnisse ihrer Erkundungen sind als Kabinettausstellungen zu entdecken. Daneben wartet am Eröffnungswochenende ein festliches Programm auf die Besuchenden, und auch die Impressionisten kehren wieder zurück: Welcome back!
BADEN Museum Langmatt, Samstag, 9. und Sonntag, 10. Mai; Ausstellungen 9. Mai bis 13. September