«Es ist schwer davon auszugehen, dass ein gesellschaflicher Mehrwert entsteht»: Melanie Morgenegg über das Projekt Kulturhauptstadt Aarau.
zvg
Die Stadt Aarau wird 2030 zur Kulturhauptstadt der Schweiz. Mit ihrer Bewerbung hat sie sich gegen Bellinzona, Lugano und Thun durchgesetzt. Wir sprachen mit Melanie Morgenegg, Leiterin Abteilung Kultur Aarau, über das anstehende Megaprojekt.
Meine Sommerferienpläne haben sich schon etwas verkürzt. Aber mein Kalender ist schon seit der Bewerbungsphase vom Projekt Kulturhauptstadt geprägt. Langsam ist es absehbar, dass wir die strategischen Grundlagen in die Hände des Vereins und an die Geschäftsstelle übergeben können. Es sind aufwendige, aber schöne und lehrreiche Arbeiten, die wir aktuell machen.
Wir haben letztes Jahr einen Trägerverein gegründet, der bald eine Geschäftsstelle einrichtet, die unterschiedliche Mandate vergeben und ein Netzwerk weiter aufbauen wird. Wir haben keinen Zeitdruck, es geht darum, dass wir es gescheit machen. La Chaux-de-Fonds wird nächstes Jahr die erste Kulturhauptstadt. Da schauen wir interessiert hin und werden viel von ihrem Projekt lernen.
Aktuell ist von Seiten Stadt die Stadträtin Suzanne Marclay-Merz an Bord, vom Kanton Gunhild Hamer (Leiterin Sektion Förderung) und Danièle Turkier, Leiterin der Standortförderung Aarau. Der Verein wird noch um Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen erweitert, bleibt aber funktional. Später werde ich mich zurückziehen, sobald die Geschäftsstelle installiert ist.
Für die Bewerbung haben wir Programmvorhaben formuliert und auch eine erste Jahresplanung aufgesetzt. Wir wollen unser bestehendes Kulturleben zeigen – in Aarau gibt es bereits jetzt beinahe an 365 Tagen im Jahr Kultur. Wir haben grosse Infrastrukturprojekte realisiert und mitfinanziert – vom Stadtmuseum über die Alte Reithalle bis zum Kiff – und diese möchten wir natürlich ins Rampenlicht stellen. Wir werden auf die Mitwirkung und Teilhabe der Bevölkerung bauen, versuchen, neue Netzwerke mit Akteuren aus Gewerbe, Tourismus und Gesellschaft entstehen zu lassen. Einen Budgettopf reservieren wir für die freie Kulturszene. Erprobte Formate wie Cirqu oder Blumen für die Kunst werden wichtige Pfeiler bilden, auch Kooperationen mit den Aarauer Partnerstädten und Festivals und Preisverleihungen sollen national und international für Ausstrahlung sorgen. Wir überlegen etwa, ausgewählte Ausstellungshäuser kostenlos für ein Jahr zugänglich zu machen, oder eine Veranstaltungsreihe «Nebelleuchten» zu lancieren, die in veranstaltungsärmeren Monaten stattfindet. Wir könnten den Altbau vom Kiff zwischennutzen oder Gondelübernachtungen an der Aare anbieten. Aktuell sind wir in der Konsolidierungsphase. Nächstes Jahr wird es darum gehen, eine konkrete Jahresplanung aufzusetzen, Highlights zu setzen und festzuhalten, zu welchen Zeiten und in welchen Themen noch Akzente gesetzt werden müssen. Das Programm wird also sukzessive verfeinert und konkretisiert.
Die Basis bildet die öffentliche Hand (Stadt, Kanton und Bund) mit 70 Prozent, Private, Sponsoren, Stiftungen tragen hoffentlich die restlichen 30 Prozent bei. Unser Gesamtbudget beläuft sich auf knapp 10 Mio. Franken. Wir sind bereits mit verschiedenen Partnerinnen, möglichen Sponsoren und einigen Stiftungen in Kontakt.
Diese Thematik ist in unsere Kulturstrategie eingeflossen. Wir wollen grundsätzlich die faire und branchenkonforme Entlöhnung von Kulturschaffenden absichern. Für die Kulturhauptstadt sind die Budgetposten aktuell so angelegt, dass innerhalb der Projekte die branchenkonforme Entschädigung der professionellen Kulturschaffenden möglich sein soll. Dies gilt es im Projektverlauf zu kontrollieren. Zudem versuchen wir bei unseren Geldgebern ein Bewusstsein zu schaffen, dass das Projekt bestehende Fördermittel nicht gefährdet und andere Kulturprojekte nicht kannibalisiert werden.
Wir haben keine Rechnung dazu aufgestellt, was die Kulturhauptstadt an Geld einspielen wird, aber es ist schwer davon auszugehen, dass ein gesellschaftlicher Mehrwert entsteht. Unsere Institutionen und die Stadt werden von der erhöhten Sichtbarkeit profitieren, kulturelle Themen stehen im Vordergrund, neue Verbindungen und neue Perspektiven entstehen und das ist gut für das Selbstverständnis von Aarau und der Region.
Unser Leitmotiv «Aarau verbindet: Menschen. Räume. Zeit.» vermochte die Jury zu überzeugen. Zudem gefiel ihnen auch, dass wir bereits bei der Bewerbung Kulturschaffende, Vereine und Bevölkerung einbezogen. Wir haben Erfahrung in der Organisation von Grossanlässen und sind gut erreichbar. Und wir haben ein attraktives Kulturleben, das sich durch das Projekt noch weiterentwickeln kann.
Wir hatten bereits vor einigen Jahren von der Idee gehört. Der Verein Kulturhauptstadt Schweiz ist aber dann vor etwa zwei Jahren aktiv auf mittelgrosse Städte und Gemeinden in der Deutschschweiz und im Tessin zugegangen. Wir sind dabeigeblieben und haben schnell gemerkt, dass wir sehr viel bieten können, und vor allem, dass unsere Kulturschaffenden und Schlüsselpersonen aus Wirtschaft, Gewerbe, Tourismus, vom Kanton und aus dem sozialen Bereich von der Idee angetan waren.
Tatsächlich die Begeisterung der Beteiligten. Und auch das Timing stimmt. Unsere erste Kulturstrategie 2023–2030 endet just in dem Jahr. Viele Themen und Vorhaben spielen direkt in die Zielvorgaben der Kulturhauptstadt hinein: Kulturmarketing, kulturelle Teilhabe, Netzwerke, auch die neue Stadtgeschichte.
Im Rahmen des Stadtmonitorings wurden 5000 Personen gefragt, was sie von der Idee halten und ob sie sich aktiv einbringen würden. Das fiel sehr positiv aus. Dann hat der Einwohnerrat mit einer Dreiviertelmehrheit für das Budget gestimmt – es sind viele Puzzleteile ineinander gefallen, was uns bestärkt hat. Die gesamte Stadt steht also hinter dem Projekt und freut sich darauf.
Kulturhauptstadt
Das Projekt will die kulturelle Vielfalt fördern, das künstlerische und kulturelle Schaffen aufwerten und den nationalen Zusammenhalt in der Schweiz langfristig stärken. Alle drei Jahre wird einer Stadt oder Region der Titel «Kulturhauptstadt Schweiz» verliehen. Zum ersten Mal wird 2027 die Stadt La Chaux-de-Fonds den Titel Kulturhauptstadt tragen. Kulturhauptstadt Schweiz ist ein unabhängiger nationaler Verein. Er wird von Daniel Rossellat, Stadtpräsident von Nyon, präsidiert und hat 23 Mitglieder.