Pauline Marx, Crinoide, 2026
Wie könnte ein alternatives Selbstverständnis des Menschen im Anthropozän aussehen? Das Rehmann Museum Laufenburg hat für die Ausstellung «Energies fossiles» Künstler*innen dazu eingeladen, sich mit der Beziehung Mensch-Natur auseinanderzusetzen. Pauline Marx und Maëtte Lannuzel erzählen im Interview von ihrer «Archäologie».
Pauline Marx: Die lateinische Etymologie von Fossil bedeutet «das Ausgegrabene». Und genau diese Ausgrabungen, die Erforschung des chthonischen Kosmos und die Erkundung der Unterwelt wollten wir gemeinsam für diese Ausstellung unternehmen; um eine Geschichte an der Schnittstelle von Anthropologie, Ökologie, Wissenschaft und Fiktion zu erzählen. Wir brauchen dringend neue Erzählungen, um unsere kollektive Vorstellungskraft zu nähren. Geschichten von Bündnissen, die über Millionen von Jahren geschmiedet wurden, Geschichten mit einer nicht-menschlichen Perspektive, die unser Menschsein dekonstruiert. Dies ist eine alchemistische und antifaschistische Suche nach Spuren des Lebens, die der Zeit getrotzt haben, und zugleich eine Erfahrung, diese mineralische Zeit wahrzunehmen. Was ist die Umwelt urzeitlicher Organismen? Was erzählen sie uns? Es handelt sich hier auch um «weisse Trauer». Es gibt ein fortwährendes Aussterben. Wir hören vom Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten und fühlen uns ohnmächtig. Das Bohren, das Abschöpfen der schwarzen Flüssigkeit ausgestorbener Lebewesen könnte unser eigenes Aussterben verursachen. Während dieser Zeit können wir uns in die Fossilien hineinversetzen und unsere Herkunft schon vor der Menschheit ausdenken.
Maëtte Lannuzel: Fossilien erinnern uns an unseren Platz in der Weltgeschichte. Schachtelhalme beispielsweise werden als «lebende Fossilien» bezeichnet. Ein Schachtelhalm konnte zur Zeit der Dinosaurier etwa 30 Meter hoch werden. Heute sind sie viel kleiner und enthalten kein Kambium mehr. Diese Pflanzen haben sich im Laufe der Geschichte angepasst. Der Schachtelhalm zeigt uns seine Abstammung in einer langen Zeitspanne. Für den Menschen gilt dasselbe. Wir sind das Ergeb nis der Evolution, einer Abstammungslinie. Wenn wir wie Paläontolog*innen denken und uns in die Lage der Dinosaurier versetzen, können wir die kurzfristige Logik, die das kapitalistische System strukturiert, überdenken. Fossilien erlauben uns, über Massenaussterben nachzudenken, zur Geschichte der Evolution zurückzukehren, in der der Mensch nur ein winziger Augenblick ist, der jedoch im Anthropozän unermesslich negative Auswirkungen hat.
Pauline: Ich hatte das grosse Glück, meine Künstlerfreund*innen einzuladen, deren Arbeit ich sehr bewundere. Ich möchte die Namen der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler nennen: Aëla Mai Cabel, Maëtte Lannuzel, Tatiana Karl Pez, Vica Pacheco und Jérémy Piningre. Aëla und Jérémy selbst haben wiederum Théophile Peris eingeladen. Die Zusammenarbeit in dieser Gruppe ermöglichte es uns, während eines zweiwöchigen Aufenthalts in der Bretagne und sonst virtuell vernetzt eine wahrhaft monumentale Installation zu entwerfen. Wir inspirieren uns gegenseitig und lernen voneinander. Wie ein Team von Forscher*innen tauschten wir uns über die Ergebnisse unserer Experimente aus. Und vor allem: Wir kümmern uns umeinander.
Pauline: Wir trafen uns alle in meinem kleinen Haus in der Bretagne, um während zweier Künstlerresidenzen gemeinsam zu leben und zu arbeiten. In der ersten Phase waren sogar sieben Welpen dabei! Es war das erste Mal, dass ich so viele Leute für ein so weit entferntes Museum koordinieren musste; ich bekam mein erstes graues Haar, aber auch viel Freude und Dankbarkeit. Übrigens lebt niemand von uns mehr in Paris, Aëla und Jérémy leben in Eymoutiers, einer kleinen Stadt wie Laufenburg, mitten in Frankreich.
Pauline: Wir hatten das Glück, Andrea Oettl, die Direktorin des Sauriermuseums, kennenzulernen, die sich die Zeit nahm, uns die Fossilien und Skelette im Museum zu erklären. Besonders beeindruckt waren wir vom Plateosaurus, der Trias-Schildkröte, den Ammoniten und den Seelilien, die teils Pflanze, teils Tier sind. In der Tongrube trafen wir den dort arbeitenden Paläontologen, der gerade ein verliebtes Dinosaurierpaar ausgrub. Wir durften Zeit in der Tongrube verbringen und Proben von mehrfarbigem Boden und Sand sowie von Pflanzen sammeln, die in anderer Form bereits in der Trias existierten: Baumfarn und Riesenschachtelhalm. Wir fanden sogar ein paar kleine Fossilien. Drei lokale Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen nehmen ebenfalls an der Ausstellung teil.
Maëtte: Wir freuen uns sehr über die Zusammenarbeit mit dieser Gruppe von Frauen. Wir haben sie in ihren Ateliers und Wohnräumen in Laufenburg, Hotzenwald und Schopfheim kennengelernt. Ihre Stärke, ihre Grosszügigkeit und die aussergewöhnliche Qualität ihrer Arbeit haben uns tief berührt und beeindruckt. Wir sind begeistert, dass Nika Schudel und ihre Werke, die kleinen Göttinnen gleichen, nun endlich im Museum ihrer Heimatstadt ausgestellt sind, dass Karola Kauffmann ihr monumentales Talent als Weberin präsentiert und dass Frauke Roloff ihre subtile Feuerkunst zeigen kann.
Michael Hiltbrunner ist Kulturwissenschaftler und Kurator im Rehmann Museum
Räucherschale, 2025
ÉNERGIES FOSSILES
Die Künstlerin und Musikerin Pauline Marx hat gemeinsam mit einem internationalen Team für das Rehmann Museum ein multisensorisches Gesamtkunstwerk geschaffen. Das Projekt schlägt eine Brücke zwischen Kunst, Alchemie und Wissenschaft, indem es regionale Materialien aus dem Jurapark Aargau, Fossilien und Wildpflanzen verwendet. Eine Einladung, die geheime Geschichte der Erde mit allen Sinnen neu zu entdecken.
LAUFENBURG Rehmann Museum, bis 5. Juli.; Infos zu verschiedenen Begleitveranstaltungen: rehmann-museum.ch
Pauline Marx und Maëtte Lannuzel in der Tongrube Frick. Foto: Michael Hiltbrunner
ZU DEN PERSONEN
Pauline Marx (l.) aus Saint Rivoal bei Brest (Bretagne) ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die Performance, Keramik und Klangkunst verbindet. In ihrer Arbeit verwebt sie Elemente aus Science-Fiction, Anthropologie und spekulativer Archäologie. Maëtte Lannuzel aus Brest (Bretagne) ist Kräuterkundlerin und Künstlerin. Sie gestaltet Duftskulpturen aus ätherischen Ölen und zeigt verborgene Energien der Natur künstlerisch auf.