Gehören Sie zu den Menschen, die sich am Morgen gleichzeitig die Zähne putzen und die Schuhe anziehen, um nicht den Bus zu verpassen? Am Abend während des Kochens noch kurz die Mails checken und auf der Toilette rasch einen Draft rausschicken? Deadlines drohen, Termine kollidieren, und irgendwie geht doch alles aneinander vorbei, obwohl Sie einmal gelernt haben, dass in der objektiven Wirklichkeit nichts gleichzeitig stattfinden kann. Mit diesem Schulbuchwissen kommt man heute auch nicht mehr weit. Es widerspricht dem Alltag so ganz. Zum Glück sind bald Ferien. Und es ist wohl eher so: Wir sind aus Quantenschaum, der aus der unendlichen Möglichkeitsfülle des leeren Raums hinüberquillt, bis zuletzt ungeformt und gar nicht so determiniert, wie wir annehmen. Also vieles gleichzeitig. Zugegeben, das Bild ist nahe am Bier, schliesslich ist Sommer und der ganze Stress … Wir haben es uns verdient!
Doch ich muss Sie enttäuschen: Auch bei uns in der Kultur ist gerade jetzt Multitasking gefragt. Wagen Sie einen Blick auf die nächsten Seiten. Ein Programm ist zusammengekommen, das für einen Menschen allein kaum zu bewältigen ist. Zu zweit oder in Gruppen lassen sich solche Festivals aber gut abarbeiten. Vielleicht kann man sich auch in Schichten organisieren, denn es ist rund um die Uhr Betrieb. Die Ernte, die nicht selten auf bereits abgemähten Stoppelfeldern so eingefahren wird, kann man teilen: Die Erlebnisse, die Entdeckungen, die Begegnungen werden zum Erinnerungsschatz, der Sie mit der Zeit, dem Ort und den Menschen für immer verbindet.
Eine höchst subjektive und doch kollektive Angelegenheit, in der die Erfahrung von Gleichzeitigkeit eine ganz neue Qualität erhält. Manchmal quillt dann von der Magie dieser Sommerabende etwas in die Nine-to-Five-Welt über, die ja wie das Amen in der Kirche auf uns wartet, dass wir in sie zurückkehren.
Nun sind die wunderlichen Dinge, die in den Sommerwochen geschehen mögen (Möglichkeitsform), sehr wahrscheinlich keine Wunder – komischerweise bleibt der Quantenschaum für uns unwirksam (leider), während der Bierschaum hingegen schon manchen Menschen an der Rechtmässigkeit der Wirklichkeit hat zweifeln lassen. Wie dem auch sei, wir hoffen täglich auf kleine Wunder. Das bringt uns mit unseren Vorfahren in Verbindung, die statt an Festivals auf die Pilgerfahrt gingen. Der Regisseur Walter Küng hat mit dem Freilichttheater Freiamt ein Stück über den Heiligen Burkard erarbeitet. Dieser konnte etwa mit einem Raben reden, Menschen verschluckte Kugeln erbrechen lassen, sie aus dem Totenschlaf wecken oder allgemein einfach wieder gesunden lassen. Das Mirakelbuch dokumentiert Hunderte solcher Phänomene, doch selbst der Vatikan konnte es im Verfahren zur Heiligsprechung des Burkards nicht ganz zählen – aber immerhin: Wundertäter, als das darf der Burkart gelten.
Daher bitte ich Sie, sollten Sie Wunderbares vollführen, sollte Ihnen ein Wunder widerfahren, halten sie drauf mit der Kamera, falls sie eine Hand frei haben, hold my beer, sonst glaubt es Ihnen am Ende wieder niemand. Aber man bedenke, es sei auch schon passiert, dass vor lauter Gewusel und Bildschirmsperre daz wunder ouch schon was vergân, ehe daz ez gesehen wart.