«Jeder Klick, jedes Empören kreiert Aufmerksamkeit für die Politshow der Mächtigen»: Martina Clavadetscher.
Martina Clavadetscher hat mit dem Roman «Die Schrecken der Anderen» und mit dem Theaterstück «Zinnober!» zwei Werke geschaffen, mit denen sich gerade sehr gut über die aktuelle Weltlage reflektieren lässt. Wir haben die Autorin getroffen und uns über die Macht von Geschichten unterhalten – und über Puppen, die uns mit Empörung, Missgunst und Misanthropie manipulieren.
Der Pilatus thront weiss und eisig über Luzern, bloss in einen milchigen Dunst gehüllt. Die Strassen der Stadt sind schneebedeckt. Es ist kalt und die Szenerie auf dem Weg zum Interviewtermin erinnert an das Lokalkolorit aus «Die Schrecken der Anderen», dem aktuellen Roman von Martina Clavadetscher. Ein Krimi, in dem alte mystische Sagen, faschistische Ideologien und der Kampf um Menschlichkeit im Hier und Jetzt zusammenlaufen, in einem fiktiven Innerschweizer Ort namens Ödwil. Und im Februar wird Clavadetschers Stück «Zinnober!» vom Theater Marie in der Alten Reithalle Aarau uraufgeführt. In beiden Werken scheinen verwandte Fragen auf: Wie kommt es so weit, dass sich Menschen Autoritäten unterwerfen? Reicht es, unbeteiligt zu sein, um der historischen Schuld zu entgehen? Fragen, die heute wieder gestellt werden müssen.
Ödwil ist gänzlich meinem Kopf entsprungen, was nicht heisst, dass es solche Orte nicht gibt. Es ist ein fiktives Dorf, das ich aus meinem alltäglichen Erleben und Erinnerungen konstruiert habe. Ich wäre zu ungeduldig, um mir konkrete Handlungsschauplätze zu suchen und diese dann zu beschreiben. Ich recherchiere sehr viel vom Schreibtisch aus und gehe in Bibliotheken. Ich will die Welt über die Sprache erschliessen und Bilder entstehen lassen, die an das kollektive Gedächtnis anschliessen.
Seit Kindheit habe ich eine Affinität für die die Sagenwelt, die mir mein Vater nahegebracht hat. Das Schöne an Sagen und Legenden ist, dass sie die fantastische Sphäre direkt mit unserer Lebenswelt verbinden. Die Geschichten gründen meistens in einem wahren Element, einem Vorfall und versuchen diesen mit den Mitteln des Mythischen zu erklären. Es gibt in unserer Region etwa Findlinge, Buchten, Bäume, die an solche Sagen erinnern. Darum spielt die Innerschweizer Landschaft auch so eine wichtige Rolle im Buch. Geschichte klebt an diesen Orten. Und eben, seit ich Kind bin, sauge ich Geschichten auf wie ein Schwamm.
Immer, ja, und sie bieten eine alternative Wirklichkeit. Durch Sprache und Geschichten weiten wir den begrenzten Raum der Gegenwart aus, in Vergangenheit, Zukunft, in Utopien, in Science-Fiction. In Geschichten multipliziert sich unsere Realität. Sie ermöglichen eine Flucht aus der Enge. Es gibt Autor*innen, die sagen, sie schreiben, weil ihnen ein Leben nicht reicht. Die Realität ist uns zu wenig. Darum erfinden wir uns noch tausend andere.
Ich frage mich manchmal, ob es wirklich schlimmer geworden ist oder einfach unser Fokus durch die mediale Aufmerksamkeit stärker manipuliert wird. Die Menschheit ist in den letzten Jahrzehnten mehrmals vor dem Abgrund gestanden, Weltkriege, der Kalte Krieg, die atomare Bedrohung. Wir vergessen, dass es eigentlich immer gleich schlecht war. Heute kriegen wir einfach alles ungefiltert auf allen Kanälen mit, und zwar weltweit. Was zu einer Ohnmacht führt, weil man mit seiner Empathie- und Aufnahmefähigkeit schlicht ans Limit kommt.
Mittlerweile komme ich von der Wut in die Sorge. Wichtig scheint mir, zu erkennen, was man selbst tun kann, um handelnd zu bleiben. Ein Buch oder ein Theater schreiben ist das eine, aber auch, zu versuchen, andere Menschen zu ermutigen, selbst im Rahmen ihrer Möglichkeiten ethisch, humanistisch zu handeln, zu wählen und abzustimmen. Oder auf die Strasse zu gehen.
Als ich mit Schreiben begonnen habe, war er noch gar nicht gewählt. Von daher könnte Zinnober auch auf andere Machtfiguren verweisen. Ihnen ist ja gemein, dass sie erst durch das Umfeld zu dem hochstilisiert werden, was sie sind. Und mit Umfeld meine ich jetzt nicht nur politische Supporter*innen oder Opportunist*innen, sondern jeden Klick, jedes Empören, das Aufmerksamkeit für ihre Politshow generiert.
Ja, möglich. Ich habe viele Listen mit Motiven und Stoffen in meinem Kopf. Seit meiner Gymnasiumzeit bin ich E.T.A.-Hoffmann-Leserin. Mir gefällt das Magische, auch die Fabulierfreude, das Schräge und Visionäre. Wir lesen bei ihm erste Robotergeschichten, es begegnet uns eine Art Technikangst, das moderne Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Natur – alles Themen, die unglaublich zeitgemäss sind, obwohl die Texte rund 200 Jahre alt sind. In «Zinnober» erzählt Hoffmann eine Art Hochstaplergeschichte, ein Aufstiegsmärchen, das aber vom Umfeld der Figur ausgeht.
Zuerst muss ich vorausschicken, dass ich mich stark vom Original entferne: Bei mir ist Zinnober eine Puppe aus Holz, während Hoffmann über einen Wechselbalg schrieb. Die Puppe wird abwechselnd von den verschiedenen Darsteller*innen gespielt, ist aber der klare Star des Abends. Wir erleben, wie sich die Autorität nicht nur inhaltlich allmählich in der Puppe konzentriert, sondern auch inszenatorisch. Die Puppe zieht alle Spielenden in ihren Bann. Man schaut der Destruktionswut dieser Figur lustvoll zu, die Spielenden sonnen sich in ihrem Licht, profitieren von der Aufmerksamkeit, die «Zinnober» zufällt. Es entsteht ein Kreis der Günstlinge. Irgendwann führt die Puppe eine Zinnober-Ordnung ein, worauf sich alle so verhalten wie er. Das hat etwas sehr Faschistoides.
Ja, eine Show der Affekte, bei der es nur um Aufmerksamkeit geht, gar nicht mehr um Inhalte. Je vulgärer, je unsagbarer, um so besser. Empörung, Wut, Hass – wir erleben eine Zeit, in der Politik nur über Emotionen und nicht mehr über Inhalte gemacht wird. Gewissermassen ein Dopaminspiel, bei dem man mit Unsäglichkeiten und ethischen Überschreitungen zugespamt wird. Beim Theater gehört die Überschreitung zum Programm, in der Politik aber sollten andere Logiken wirken. Frei nach Hannah Arendt gesprochen, verliert die Gesellschaft bei den vielen Lügen das Vertrauen in ihre Institutionen, in eine geteilte Wirklichkeit. Wenn eine Gesellschaft nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann, kann sie auch nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden. Eine solche Gesellschaft ist leicht zu manipulieren.
Ja, die Figur hat sich in ihren Privilegien, in ihrem Wohlstand eingenistet, der massgeblich aus den Verbrechen des zweiten Weltkriegs stammt. Dieses Geld könnte die Person nutzen, um etwas Gutes zu tun. Sie ist aber blockiert, aus Faulheit, aus Angst, anzuecken, oder weil sie die vorgepflügten Wege nicht verlassen will. Auch bei anderen Figuren, die sich in einer exklusiven Gilde organisieren, findet sich der Konformitätswahn.
Die Geschichte wurde aus wissenschaftlicher Perspektive wohl seriös aufgearbeitet, aber ich habe den Eindruck, dass nur ein Bruchteil davon im öffentlichen Gedächtnis hängen bleibt. Ich habe mir bei meinen Archivrecherchen oft die Augen gerieben: Ein Internierungslager in Luzern, Hitlers Geburtstag wurde hier in gut gefüllten Turnhallen gefeiert, ein Erntedankfest in Zürich-Oerlikon mit gehissten Hakenkreuzflaggen – alles passiert. Es gibt unzählige Fotos. Unglaublich viele Vereine von der Hitlerjugend bis zu deutschen Kolonien in der Schweiz haben nur darauf gewartet, dass die Nazis kommen. Das ist aus meiner Perspektive in dem Masse nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen.
Seit 20 Jahren wollte ich etwas über die Vergangenheit der Schweiz schreiben, wie sie aufgearbeitet wurde und wie wir mit der Geschichte umgehen. Ich habe so lange gezögert, weil es einerseits ein Mammutthema ist und weil ich zum anderen keine Form dafür hatte. Irgendwann schrieb ich einen Anfang, das Bild mit dem schlittschuhlaufenden Jungen, dann kam eine Szene mit einem Leichenfund hinzu und dann auch die Hauptfigur, die aus einer reichen Familie stammt und der aufgrund ihrer Privilegien nichts passieren kann, und die von der Schuldfrage nur durch ihr Nichthandeln betroffen ist. Als diese Elemente zusammenkamen, merkte ich, auch dank Dürrenmatt, dass die Form des Krimis ideal ist, um mit einem gewissen Zug und mit Leichtigkeit zu erzählen. Die Dürrenmatt-Krimis sind ja sehr gesellschaftskritisch zu lesen. Diese Form erlaubte mir, wie mit einem trojanischen Pferd unliebsame Inhalte mitzuliefern.
Am Anfang gibt es einen Whodunit-Moment, und der Aufbau folgt einer klassischen Krimi-Struktur. Während zwei Ermittlerfiguren, Rosa und Schibig, recherchieren, treffen sie die ganze Zeit auf ganz andere Sachen. So konnte ich beim Schreiben all die Dinge, die ich als unvermittelbar empfunden habe, in die Geschichte hineinspicken. Je länger die Geschichte geht, desto es weniger ist es ein Krimi. Ein Scheinkrimi quasi. Es ist ein Trick, um die Aufmerksamkeit der Leser*innen zu halten (lacht).
Das Loslassen ist eigentlich kein Problem. Ich werde eher von aussen dazu gedrängt, ihn gerade nicht loszulassen. Lesungen, Interviews holen mich ja immer wieder in die Welt des Buchs zurück, obwohl ich die längst verlassen habe und sie jetzt gerne allen anderen überlasse (lacht). Am liebsten würde ich jetzt schon mit etwas Neuem loslegen.
Im Kopf ist schon alles da. Im April kann ich einen Atelieraufenthalt in Japan antreten, und dort versuche ich wirklich sieben Wochen lang intensiv das nächste Projekt niederzuschreiben. Ich habe dort Zeit und Raum. Eine andere Zeitzone, weg von Europa, weg von all den sozialen Strings, die man hat. Das hilft mir beim Arbeiten.
Das sehen wir dann …
EINE PUPPE AN DER MACHT
BÜHNE «Zinnober!»: Ein Theaterabend über Projektionen und Verantwortung, Schein und Sein – und über die immerwährende Lockung der Macht. Von Martina Clavadetscher, frei nach E.T.A. Hoffmanns «Klein Zaches genannt Zinnober».
AARAU Alte Reithalle, Do / Fr / Sa, 19. / 20. / 21. Februar, jeweils 20 Uhr; weitere Termine und Spielorte: theatermarie.ch
ZUR PERSON
Martina Clavadetscher (*1979), Schriftstellerin, Dramatikerin und Leitungsmitglied bei Theater Marie, studierte Deutsche Literatur, Linguistik und Philosophie. Für den Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» erhielt sie 2021 den Schweizer Buchpreis. Im Februar liest sie aus dem aktuellen Roman «Die Schrecken der anderen».
AARAU Pestalozzischulhaus, So, 22. Februar, 11 Uhr