Es gibt Möbel, die einen Raum beherrschen. Sie wollen gesehen werden, ziehen den Blick auf sich und erzählen von Wohlstand, Geschmack oder Repräsentation. Und es gibt Möbel wie dieses Buffet aus den 1940er-Jahren. Keine Schnitzereien, keine kostbaren Einlagen, keine spektakulären Formen – e s ist e in Möbel, das nicht auffallen möchte. Und vielleicht liegt gerade darin seine besondere Qualität.
Wir leben in einer Zeit, die das Auffällige belohnt. Sichtbarkeit gilt als Erfolg, Aufmerksamkeit als Währung. Wer wahrgenommen werden will, muss sich inszenieren. Das Unscheinbare gerät leicht in Vergessenheit.
Doch die Geschichte des Wohnens erzählt eine andere Geschichte. Die meisten Möbel, die Menschen im Alltag begleitet haben, waren nie dafür bestimmt, Bewunderung hervorzurufen. Sie sollten nützlich sein, zuverlässig, dauerhaft. Sie waren stille Begleiter des Lebens.
Dieses Buffet aus der Sammlung Museum Aargau gehört zu dieser Kategorie. Entworfen wurde es in den 1940er-Jahren von Alfred Vogel. Es verkörpert eine Gestaltungshaltung, die in der Schweizer Möbelproduktion der Mitte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet war: Qualität zeigt sich nicht im Übermass, sondern in der Sorgfalt. Nicht im Spektakel, sondern in der Präzision.
Die Entstehungszeit des Möbels ist dabei kein Zufall. Die 1940er-Jahre waren von Krieg und Unsicherheit geprägt. Auch die Schweiz blieb von den Folgen des Zweiten Weltkriegs nicht unberührt. Rohstoffe waren knapp, die Zukunft ungewiss. In einer solchen Zeit rückten andere Werte in den Vordergrund als Repräsentation oder Luxus. Gefragt waren Dinge, die Bestand hatten. Dinge, auf die man sich verlassen konnte. Vielleicht ist das die eigentliche Qualität des Unauffälligen: dass sie nicht im Moment des Betrachtens wirkt, sondern über die Jahre des Gebrauchs. Das Buffet von Alfred Vogel erzählt davon – und vielleicht auch ein wenig von jener aargauischen Kultur, die lieber überzeugt als imponiert.
Rudolf Velhagen, Leiter Sammlung und Konservierung bei Museum Aargau, erkundet an dieser Stelle die verborgenen Botschaften der Dinge. Rund 50 000 Objekte aus der kantonalen Sammlung warten auf ihre Befragung.