«Die freiwilligen Einsätze sind für mich unglaublich erfüllend»: Erin Spencer. Foto: Pati Grabowicz
Für Kultur und Gesellschaft ist Freiwilligenarbeit eine unverzichtbare Stütze. Doch ehrenamtliche Arbeit ist keine Selbstverständlichkeit. Höchste Zeit, einmal die stillen Helfenden ins Licht zu rücken: Zwei Engagierte erzählen von ihren Erfahrungen.
Die einfache Küchenzeile ist blitzblank geputzt, der Tischfussballkasten steht unbenutzt daneben. Wir befinden uns im Backstage-Bereich des KIFF in Aarau. Als Programmverantwortliche ist Erin Spencer die Chefin in diesem Raum. Sie füllt den Kühlschrank mit Getränken, organisiert die Snacks, kümmert sich um die Wünsche der Bands und sorgt dafür, dass der Zeitplan eingehalten wird. Sie ist die Erste, die in den Backstage-Bereich kommt, und die Letzte, die ihn nach dem Konzert verlässt. «Mir gefällt die Arbeit hinter den Kulissen. Vor allem der Backstage-Bereich ist ein intimer, ruhiger Ort, an dem man hin und wieder auch spannende Gespräche mit den Artists und Tour Managern führen kann», sagt Erin. Wenn Erin über ihre Arbeit als Programmverantwortliche im KIFF spricht, sind ihre Leidenschaft und ihre Begeisterung offensichtlich. Sie kennt die Abläufe, Tätigkeiten und Bedürfnisse fast aller Personen, die in eine Konzertproduktion involviert sind, bis ins letzte Detail.
Nach dem Abschluss der Wirtschaftsmittelschule ging Erin, damals zwanzig Jahre alt, ein Jahr auf Weltreise. Unterwegs arbeitete sie auf einer Farm, in einem Yoga-Retreat, in einem Hostel, doch besonders prägend war ihr Einsatz in einem Surfcamp in Portugal. Jeden Morgen stellte der Inhaber allen Mitarbeitenden dieselbe Frage: «Are you happy to be alive?» Sie brannte sich in Erins Gedächtnis ein. «Diese Frage habe ich zurück in die Schweiz genommen und mich gefragt: Was brauche ich, damit ich sagen kann, dass ich glücklich bin mit meinem Leben?» Die Antwort: Erin wollte nicht nur Konzertbesucherin, sondern selbst Teil dieser «Kultur-Bubble» (wie sie es nennt) sein. Doch wie den Einstieg schaffen?
Erin fragte per Mail das Kiff an, ob sie bei Konzerten mithelfen könne, und wurde wenig später als Programmverantwortliche eingearbeitet. » Mittlerweile investiert Erin praktisch ihre gesamte Freizeit in ihre ehrenamtlichen Engagements. « Ich kann meinen Teil dazu beitragen, dass die Leute ein Konzert geniessen können. Ich übernehme dabei Aufgaben, die mich herausfordern und für die ich meine Komfortzone verlassen muss. Mittlerweile sind die freiwilligen Einsätze für mich einfach nur unglaublich erfüllend. Deshalb bin ich gerne bereit, so viel Zeit und Energie zu investieren.»
Dank den Erfahrungen aus ihren freiwilligen Einsätzen hat sie es in der Zwischenzeit geschafft, auch hauptberuflich in der Branche Fuss zu fassen. Sie ist eine von zwei Produktionsleiterinnen in der renommierten Zürcher Eventlocation ‹The Hall›, die Platz für fünftausend Besucherinnen und Besucher bietet. Erin verantwortet dort siebzig Konzerte pro Jahr und ist damit im Alter von 23 Jahren in der höchsten Liga der Konzertorganisation angekommen – zumindest in der Schweiz. Sie hat sich ihren Traum, Teil der «Kultur-Bubble» zu werden und bei Konzertproduktionen mitzuwirken, definitiv erfüllt. Man würde meinen, dass sie die Frage «Are you happy to be alive?» in jedem Fall mit Ja beantworten kann. Erin betont aber: «Damit ich die Frage wirklich mit Ja beantworten kann, muss ich neben meinem Job als Produktionsleiterin auch weiterhin die Zeit finden, ehrenamtlich kleinere Konzertproduktionen zu leiten.»
Von Fabio Baranzini
Lukas holt sein Smartphone aus der linken Hosentasche seiner Jeans und wirft noch einmal einen Blick auf die Nachricht, die er heute Vormittag von den Verantwortlichen der Notschlafstelle Schlafguet in Olten erhalten hat. Treffpunkt: 18:45 Uhr. Aufgabe: Curry-Eintopf kochen für circa 12 Personen. «Mehr Infos brauche ich nicht für meinen Einsatz. Meist kommt es sowieso etwas anders als geplant.“
Wenig später – die Uhr an der Küchenwand zeigt kurz nach 19 Uhr – klingelt es zum ersten Mal. Drei junge Männer kommen mit ihrem ganzen Hab und Gut in die Notschlafstelle. Obwohl Lukas nur einmal pro Monat als Freiwilliger aushilft, kennt er zwei der drei Männer. «Mit Leuten, die länger hier sind, baut man eine Art Beziehung auf. Das ist einerseits schön, weil es die Arbeit erleichtert. Andererseits ist es aber auch traurig, weil du weisst, dass sie immer noch da sind und keine andere Lösung für ihre Situation gefunden haben», erklärt er. „Gerade wenn es jüngere Menschen betrifft, berührt mich das noch mehr. Einen Neunzehnjährigen, der noch sein ganzes Leben vor sich hat, in der Notschlafstelle anzutreffen, ist schon hart.»
Mittlerweile ist der Curry-Eintopf fertig. Die Gäste – heute sind es dreizehn Personen – kommen in die Küche. Am grossen Tisch wird gemeinsam gegessen. Die Stimmung ist entspannt. Die einen geniessen in Ruhe ihr Essen, die anderen suchen das Gespräch. Kurz nach 22 Uhr ist der Grossteil seiner Arbeit erledigt, und er kann auf sein Zimmer gehen. Lukas verbringt noch ein paar Minuten an seinem Smartphone, verschickt Nachrichten, schaut ein paar Reels und legt sich dann schlafen – immer mit Oropax. «Das habe ich schnell gelernt», sagt er lachend. «An einem Abend war ein Gast bei uns, der im Bad direkt neben meinem Zimmer vierzig Minuten lang seine Zähne geputzt hat. Da bin ich fast wahnsinnig geworden.»
Das Engagement in der Notschlafstelle hat Lukaseine neue Perspektive auf seinen Wohnort eröffnet. «Ich habe Einblicke in eine Welt bekommen, die ich vorher so nicht kannte. Eine Welt, in der Armut und Obdachlosigkeit zur Realität gehören. Und zwar in der Stadt, in der ich wohne. Dadurch wurde mir noch sehr viel bewusster, wie gut es mir selbst geht. Ich merke zudem auch, dass ich durch mein Engagement gewisse Berührungsängste und Vorurteile abbauen konnte.» Auch wenn die Arbeit in der Notschlafstelle intensiv ist und teilweise auch belasten kann, hat Lukas Lütolf dieses Engagement ganz bewusst gewählt, denn: «Meine Arbeit hier ist ‹straight forward sinnvoll›. Ich kann die Not von Menschen ganz konkret lindern, indem ich ihnen ein Abendessen koche und ein Frühstück zubereite. Ich sehe die Wirkung meiner Arbeit. Dieser direkte Nutzen für die Betroffenen ist etwas, das ich enorm schätze und das mir sehr wichtig ist.» Dennoch ist Lukas durchaus bewusst, dass er mit seinen Einsätzen zwar die Not der Obdachlosen kurzfristig lindern, das zugrunde liegende gesamtgesellschaftliche Problem jedoch nicht lösen kann. «Das muss auf politischer Ebene angegangen werden.»
Lukas weiss, wovon er spricht. Er ist nicht nur Masterstudent in Politikwissenschaften, sondern auch selbst politisch aktiv. Während seiner Zeit am Gymnasium haben ihn die Jugend-Klimastreiks politisiert. Mittlerweile sitzt er als jüngstes Mitglied im Stadtparlament von Olten und ist Präsident der Jungen Grünen im Kanton Solothurn. Die Motivation für sein politisches Engagement ist dieselbe wie für die Arbeit in der Notschlafstelle. «Ich will etwas verändern und Ungerechtigkeit bekämpfen. Mein Engagement in der Notschlafstelle hat für mich etwas mit Achtung vor den Menschen zu tun. Ich empfinde es fast schon als Pflicht, in meiner privilegierten Situation etwas zu tun, um zu helfen.
Die Nacht in der Notschlafstelle war ruhig. Um 6.30 Uhr klingelt sein Wecker, damit er rechtzeitig das Frühstück zubereiten kann. Von den dreizehn Personen, welche die Nacht hier verbracht haben, werden wohl die meisten in den nächsten Tagen und Wochen wiederkommen. Das weiss auch Lukas. Aber immerhin hat er die Gewissheit, dass sie gut ausgeschlafen und mit vollem Magen in den neuen Tag starten können.
Von Fabio Baranzini
Samuel Steiner, Geschäftsleiter Benevol Aargau, spricht über die Entwicklungen in der Freiwilligenarbeit.
Ich sehe eine grosse Dynamik beim Thema, wer Freiwilligenarbeit leistet. Früher gab es das klassische Mittelstandsmodell: Der Mann verdiente Geld, die Frau leistete Familien- und Freiwilligenarbeit. Aber das verschwindet immer mehr. Gleichzeitig gibt es die vielen Pensionierten, die heute oft noch sehr vital und einsatzfreudig sind und die viel mehr übernehmen können und wollen als früher. Das ist etwas, was wir sehr fördern – und wir sehen auch, dass es den Leuten guttut. Ausserdem gibt es eine Verschiebung der Themen, für die Freiwilligenarbeit geleistet wird. In den Bereichen Nachhaltigkeit und Kultur können viele, oft auch junge Menschen für Freiwilligenarbeit begeistert werden, während es da, wo es existenziell wird – wenn Menschen in schwierigen Lebensverhältnissen oder im letzten Lebensabschnitt unterstützt werden müssen –, häufig oft nicht einfach ist, Freiwillige zu finden. Hier sind es weiterhin oft Frauen, meist Frauen über fünfzig, die tätig werden.
Wir beobachten das auch, und das ist tatsächlich eine der grossen Sorgen der Freiwilligenorganisationen. Aber auch das ist Teil eines gesellschaftlichen Trends: Die Zyklen in der bezahlten Arbeit werden ebenfalls immer kürzer. Kaum jemand arbeitet heute noch dreissig Jahre an derselben Stelle, vieles hat eher Projektcharakter. In der Freiwilligenarbeit passiert dasselbe, und für traditionelle Organisationen ist es oft schwierig, damit umzugehen. Andererseits gibt es solche, die das sehr gut machen: kurzfristige Engagements anbieten, einmalige Projekte, einfach mal mithelfen. Und dann gibt es immer Menschen, die ein zweites Mal kommen und so langsam in ein Engagement hineinwachsen.
Wir machen auf dem Land vielfach die Erfahrung, dass Männer im Pensionsalter nie irgendetwas machen würden, das nach Care-Arbeit riecht. Aber sie übernehmen zum Beispiel Fahrdienste und liefern Mittagessen aus – weil sie dabei Auto fahren können! Ich empfehle den Organisationen immer: Holt die Männer auf andere Weise herein, die bringt ihr nicht als ersten Schritt in den Besuchsdienst. Aber wenn ihr sagt: ‹Ihr dürft die Leute zum Arzt fahren› – dann sind sie dabei. Und sie führen dann vielleicht doch auch ein Gespräch im Auto, helfen den Leuten ein- und aussteigen und vielleicht noch, das Rezept in die Apotheke zu bringen. Wenn sie erst einmal in der Organisation sind, kommen sie vielleicht zu einem gemeinsamen Nachtessen und machen irgendwann auch andere, betreuungsnähere Arbeiten.
Man muss klar unterscheiden, was Freiwilligenarbeit kann und was nicht. Zum Beispiel ist es in der Arbeit mit älteren Menschen essenziell, dass Freiwillige keine pflegerischen Tätigkeiten ausüben. Die Trennung zwischen Betreuung und Pflege sollte man wirklich sehr scharf ziehen. Ein weiterer Aspekt ist die Abgrenzung von bezahlter zu unbezahlter Arbeit. Mit schwindenden Ressourcen ist man oft versucht zu sagen: ‹Ach, das sollen doch Freiwillige machen›. Die Freiwilligen sind oft dynamischer als staatliche Akteure. Sie organisieren etwa rasch einen Deutschkurs, solange es keinen gibt – das ist erst einmal besser als kein Deutschkurs, aber keine langfristige Lösung. Es braucht eine professionelle Ablösung – und im besten Fall einen Dialog im Sinne von ‹Wir haben jetzt eine professionelle Struktur – wie kann man die ergänzen, damit es noch besser wird?› Mit Freiwilligen, aber nicht auf ihren Schultern.
Interview: Iris Becher
Die hier versammelten Texte sind gekürzt dem Buch Freiwillig engagiert entnommen
Veranstaltungsreihe «Freiwilligenarbeit – wer gewinnt?»
Über 60% der Bevölkerung leisten freiwilliges Engagement. Warum tun sie dies und was bringt es der übrigen Bevölkerung? Eine Diskussionsveranstaltung von Benevol Aargau über Motivation, Nutzen und Grenzen von freiwilliger Arbeit.
RHEINFELDEN Drei Könige, Di, 17. November, 18 Uhr
BADEN Familienzentrum Karussell, Do, 19. November, 18 Uhr
AARAU Migros Klubschule, Di, 24. November, 18 Uhr
WOHLEN Integra, Di, 1. Dezember, 18 Uhr
LENZBURG Kramer Brocki, Do, 3. Dezember, 18 Uhr
Lesetipp
Freiwilligenarbeit ist eine stille Kraft der Gesellschaft. Menschen schenken Zeit, Energie und Herzblut, sei es in Vereinen, in der Kultur, in der Umweltarbeit, in der Bildung oder im sozialen Bereich. Oft bleiben sie dabei im Hintergrund. Das Buch «Freiwillig Engagiert», herausgegeben von GGG Benevol, gibt ihnen eine Stimme und ein Gesicht. Die Porträts inspirieren und machen Lust, selbst aktiv zu werden – das in einer Zeit, in der soziales Engagement, Empathie und Solidarität von verschiedenen politischen Akteuren schlecht geredet wird.
Freiwillig engagiert, 12 Porträts, Christoph Merian Verlag, 2026